gestern hab ich mich glücklich gekauft

Im HausBlog Nottbeck schreibt Crauss über die Gedichte von Katharina Bauer, die er zunächst in der Anthologie Westfalen, sonst nichts? entdeckte und später in weiteren Publikationen verfolgt hat, bis zum jünst in der Edition Nottbeck erschienen Band ein ganzes vielleicht. Als regional und in der Auswahl genau begrenzter Sammelband kommt Westfalen, sonst nichts? ganz gut weg. So schreibt Crauss: „Kasnitz und Wenzel konzentrieren sich nicht nur geographisch genauer, sondern auch zeitlich, und finden daher mehr als die üblichen verdächtigen und beispielsweise auch Katharina Bauer. „noch einmal / kurz innehalten / dich vor mir warnen“, endet ihr beitrag in der anthologie, und es ist eine jener warnungen, die man vernimmt, aber nicht versteht.“  Dass es „gleichzeitig gefährliche lyrik ist: viral, sich festsetzend“, dessen ist sich der Rezensent jetzt sicher. Nachzulesen ist der ganze Beitrag hier.

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„gestern hab ich mich glücklich gekauft“ ist ein Vers von Katharina Bauer aus der Anthologie.

Büchercharts 2013 #1

Wie in den letzten Jahren haben wir auch diesmal die Parasiten-Jahrescharts ermittelt. So sieht die Spitzengruppe der in den vergangenen elf Monaten verkauften Titel aus (Stand: Anfang Dezember):

1. Dominik Dombrowski: Finissage

2. Georg Leß: Schlachtgewicht

3. Wolfram Lotz: Fusseln

4. Stan Lafleur / Helena Becker: Das Lachen der Hühner

5. Tom Nisse: Dass ich dich so beschnuppere

6. Adrian Kasnitz / Christoph Wenzel (Hg.): Westfalen, sonst nichts?

7. René Hamann: Katalan

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Georg Leß: Schlachtgewicht

Welches Schlachtgewicht besitzt ein Kaninchen, welches eine Metapher? Vielleicht sind diese Fragen gar nicht so unverwandt, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Die Gedichte von Georg Leß spüren oft den Übergängen zwischen Tier und Mensch nach, befragen das Terrain, wo Gezügeltes auf Wildes trifft, entdecken Füchse in der Großstadt und Paare in Fangeisen, die Durchbruchstellen innerer Wildnis.

Georg Leß wurde 1981 in Neheim (NRW) geboren und lebt in Berlin. Veröffentlichungen von Lyrik, Erzählungen und Essays in Zeitschriften und Anthologien (u.a. Edit, Lichtungen, randnummer, Jahrbuch der Lyrik, Westfalen sonst nichts?). 2013 erhielt er ein Arbeitsstipendium des Berliner Senats.

Schlachtgewicht von Georg Leß erscheint als Band 029 in unserer Lyrikreihe und ist ab heute lieferbar.

Georg Leß: Schlachtgewicht. Gedichte, 14 S., Preis: 7,- €

Schlachtgewicht

Brinkmann-Stipendium für Christoph Wenzel

Das renommierte Rolf-Dieter-Brinkmann-Stipendium der Stadt Köln erhält in diesem Jahr Christoph Wenzel, Mitherausgeber unserer Anthologie Westfalen, sonst nichts?, für seine außerordentliche Lyrik. Zeitgleich mit dem Literaturstipendium wurde gestern im Hansasaal des Historischen Rathauses die Vergabe vier weiterer Förderstipendien in anderen Kunstsparten bekanntgegeben. Die feierliche Übergabe des RDB-Stipendiums findet erst im Herbst im Literaturhaus statt. Zuvor liest Christoph Wenzel (gemeinsam mit Adrian Kasnitz) während der Leselust im Quadrum am 1. August in Aachen. Wir sagen: Herzlichen Glückwunsch!

In der Kölner Onlinezeitung Report K  findet sich ein kleiner Bericht zur Bekanntgabe.

Aachen, Brüssel oder Köln?
Aachen, Brüssel oder Köln? Christoph Wenzel am Brüsseler Platz

 

 

Weitere Brinkmann-Stipendiaten, die Einzeltitel oder Anthologiebeiträge in der parasitenpresse veröffentlicht haben, sind: Thorsten Krämer (1997), Stan Lafleur (2001), Hendrik Jackson (2002), Adrian Kasnitz (2005) und Julia Trompeter (2012).

Interview zu ‚Westfalen, sonst nichts?‘

„Eine Anthologie ist immer auch eine Entscheidung, eine inhaltliche Ausrichtung: die Wahl des Themas, der Texte, des Titels. Durch das Fragezeichen in Westfalen, sonst nichts? wird einem vorschnellen Argwohn der Wind aus den Segeln genommen. Pragmatik statt Programmatik also?“, fragt Arnold Maxwill für den HausBlog des Literaturmuseums Nottbeck die beiden Herausgeber Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel.

Hier geht’s zum ganzen Interview: HausBlog

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Besprechung: Westfalen, sonst nichts?

In der aktuellen Ausgabe des Westfalenspiegel (3/2013) bespricht Walter Gödden die Anthologie Westfalen, sonst nichts? 

„Die vorliegende Anthologie straft alle Lügen, die Westfalen für einen amusischen oder aliterarischen Landstrich halten. Weit gefehlt. Die Herausgeber, beide in den Siebzigern geboren, haben geforscht, nachgefragt, gesammelt und legen nun eine hochspannende Anthologie lyrischer Newcomer aus der Region vor.“

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Stille Begleiter #1 / Crauss: poesie abseits von schinken und schnapsidee

„in der pflege der kunst und dichtung sind wir westfälinger hinter den anderen deutschen volksstämmen weit zurück,“ schreibt Justus Möser, ein zeitgenosse von Matthias Claudius. „die freundliche gottheit des liedes liebt leichtentzündliche naturen, wir aber sind zu ernst, zu gründlich, zu schwerfällig.“

mag es an dieser schwerfälligkeit liegen, dass bis heute, 2013, zwar die bildende kunst und die musik, seltener aber die literatur eine echte, d.h. dauerhaft intensive förderung hierzulande erhalten hat. da mühen sich dichter nach wie vor, in ihren heimatstädten und –städtchen etwas auf die beine zu stellen, eine kleine lesebühne vielleicht, müssen aber schon bald am desinteresse der veranstalter verzweifeln. in oberzentren wie siegen (und das gilt durchaus auch für schwestern wie hagen oder lüdenscheid) gilt bei buchhändlern für literatur, was sich als roman verkaufen lässt; auf den bühnen der stadt müssen kabarettisten und comedians, vielleicht noch amüsierkolumnisten den job des dichters übernehmen. gebucht wird, was publikum zieht. als neu und interessant gelten poetry slams, die vielleicht ein kurzes vergnügen, aber doch selten einen bleibenden wert vermitteln. das publikum wird dabei oft genug mit der eintagsfliege verwechselt, die sich auf den gleichen haufen setzt wie alle ihre genossinnen – und bitteschön nirgendwo anders hin.

westfälische dichter, die wegen literarischer tiefe berühmt oder zumindest bekannt wurden, kamen (und kommen) oft genug erst zu ehren, als sie längst weggezogen waren. blieben sie, sammelten sie sich zu früheren zeiten eher in münster als in schmallenberg, kamen häufig auch aus dem münsterland, und trafen sich später im kölner raum.

nicht umsonst entfachte sich 1956 ein jahrelang anhaltender dichterstreit an der frage, was genau denn westfälische dichtung sei. Josef Bergenthal schreibt in einer 1953 erschienenen anthologie: „westfälischer dichter ist, wer dichter und westfale zugleich ist. er braucht gewiss nicht in einer westfälischen mundart zu schreiben. heimatliche bezüge dürfen nicht als ersatz für fehlende dichterische qualitäten gewertet werden.“ und nun, meine damen und herren, schauen Sie sich bitte einmal die siegerland-, das heisst: regional-ecken in den hiesigen buchtempeln etwas genauer an!

das westfälische – und eben auch die literatur – ist seit je wegen heimischer kargheit zum auswandern gezwungen. das sauerland, und erst recht das geographisch schwerer zugängliche siegerland, ist in der literaturgeschichte kaum vertreten. es hat viele tüchtige industrielle oder pädagogen hervorgebracht, mit dichtern war und ist es aber nicht besonders gesegnet.

das liegt an einer (auch nicht nur im regionalen verankerten, sondern durchaus allgemeinen) geringschätzung zeitgenössischer literatur, das gründet aber heute wie vor 150 jahren ebenfalls am erwähnten, nicht besonders leicht entzündlichen gemüt des westfalen. im 19. jahrhundert gab es sogenannte hollandgänger, die sich ihr brot auch wegen der beschwerrnis zuhause woanders verdienen mussten. es gab den berufsstand des westfälischen heringsfängers: männer aus der gegend um minden, die jahr für jahr hinauszogen, um an den fanggründen der nordsee zwischen norwegen und schottland ihre treibnetze auszulegen.

die anthologie von Josef Bergenthal versammelt einige wunderbare texte, etwa Margarete zu Bentlages pfingsttag, Wilhelm Vershofens geschichten aus sonnenhoevel oder Otto Wohlgemuths als hätte die erde selber geschrien. wem aber sind diese dichter heute noch ein begriff? neben ihnen versammeln sich in dem buch texte, die anfang der 1950er jahre ebenso wie das vorwort noch schwer beladen sind mit begriffen wie volksstammerde oder erbstrom.

freilich heisst der westfälische literaturpreis in der folge des grossen dichterstreits von 1956 Ernst Meister preis; etwas hat sich also geändert. zwar gibt es ausserdem einen 2003 als universitäres forschungsheft erschienenen schmalen überblick über die literatur in der direkten siegener umgebung und mehrere zwischen 1989 und 1999 erschienene sammelbände, die sich mit literatur und kunst in siegen beschäftigen, darunter allein zwei anthologien der zehn jahre existiert habenden literaturgruppe aktion musenflucht. allerdings handelt es sich bei vielen beiträgen der bücher meine stadtmomentaufnahme und siegener lesebuch um spass- und heimatkundliche texte oder solche, die das weggehen bzw. die möglichst schnelle durchreise zum thema haben – was nichts weiter ist als eine andere form der heimatkunde, oft aber einfach nichts mit literatur zu tun hat.

selbstverständlich gibt es auch ambitionierte und sogar hochrangige texte in diesen anthologien. der punkt ist: sie sind nicht in der lage (und garnicht dazu gedacht), auch nur ansatzweise einen überblick über literatur in westfalen zu geben – und so zum beispiel auch zu vermitteln, dass nicht nur in den ballungsräumen berlin, hamburg und eventuell köln oder münchen poetisch gedacht wird oder gedacht werden kann, sondern dass es auch auf dem land urbane und national bedeutende literatur geben kann.

mir ist keine zusammenstellung bekannt, die jünger als dreissig oder vierzig jahre wäre und dies leistet. immerhin, seit 2008 erscheint mit versnetze ein jährlicher sammelband, der deutschsprachige lyriker nach postleitgebiet zusammenfasst; im vierer- und fünfer-bereich lassen sich neben den anderen republikgebieten entsprechend die westfalen nachschlagen und entdecken.

ebenfalls begrenzt auf gedichte, aber spezifischer in der auswahl der autoren haben nun Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel die anthologie westfalen, sonst nichts? auf den weg gebracht. sie zeigt, wie vielfältig die gegenwärtige junge lyrik in und aus nrw ist: neue gedichte von etwa dreissig gebürtigen, zugezogenen, ausgewanderten und zurückgekehrten. unter ihnen sind Andreas Bülhoff, Jan Skudlarek, Stephan Reich und Bastian Schneider. alle haben einen bezug zum westfälischen, vor allem haben sie aber einen literarischen anspruch, der über schnaps und schinken hinausreicht.

Literatur:
* Josef Bergenthal: westfälische dichter der gegenwart. deutung und auslese. mit 28 illustrationen und einem bücher-nachweis. münster: verlag regensberg 1953;
* Franz-Josef Weber, Karl Riha: meine stadt. literatur und kunst in und um s.; in zusammenarbeit von universität-gh siegen und kunstverein siegen. siegen: höpner verlag 1989;
* arbeitsgruppe literarisches leben: momentaufnahme. literatur und kunst in siegen heute: ein lesebuch. siegen: verlag vorländer 1989;
* aktion musenflucht: manuscripties. anthologie. mit einem vorwort von M. Jung. siegen: eigenverlag 1993;
* aktion musenflucht: inner city. anthologie.hg. v. prof. dr. Wolfgang Popp. siegen: universität siegen 1998;
* Thomas Kleber, Karl Riha: siegener lesebuch. literarische streifzüge durch die krönchenstadt. siegen: universität siegen 1999;
* Walter Gödden, Reinhard Kiefer: utopische dichter. der schmallenberger dichterstreit 1956, Ernst Meister und die folgen. analysen und dokumente. bücher der nyland-stiftung köln. münster: ardey verlag 2000;
* Crauss: KONtext sieGEN. digging the dirt. literatur in der krönchenstadt – eine übersicht. reihe massenmedien und kommunikation, MUK 144. siegen: universität siegen 2003;
* Axel Kutsch: versnetze. das grosse buch der neuen deutschen lyrik. weilerswiste: verlag ralf liebe 2008; versnetze_zwei (2009), _drei (2010), _vier (2011) und _fünf (2012) ebendort;

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In der Reihe Stille Begleiter erscheinen in loser Folge Beiträge zu Büchern und den Themen, die sie verhandeln. Es sind kurze Essays, Kommentare, eigene Sichtweisen. Der Schriftsteller Crauss. (Jg. 1971) lebt in Siegen. Eine kleine Auswahl seiner Gedichte ist in der Anthologie Westfalen, sonst nichts? enthalten, neben zahlreichen weiteren Publikationen ist zuletzt der Band Lakritzvergiftung (Berlin: Verlagshaus J. Frank, 2011) erschienen.