Das Lineare ist der Selbstbetrug

„‚mir sind Freizeit wichtig und Nichtstun / Freizeit und Nichtstun sind mir wichtig‘. Es gehört wohl zu den störenden und ungewollten politischen Einsichten, dass Nichtstun für die Umwelt, in der die wilden Tiere massenhaft aussterben, ökologisch sinnvoller ist als die meisten Formen menschlicher Betriebsamkeit. Die verdrängte Paradoxie, dass Wohlstand produzierender Fleiß und Arbeitseifer zuletzt auch der Menschheit das Grab schaufeln werden, ist in Zeļģis‘ Zeilen wirksam. In seinem ersten Eintrag appelliert er: ‚du solltest nicht in Linien denken / es gibt keinen echten Anfang / kein echtes Ende‚. Das Lineare ist der Selbstbetrug. Die abgerundete, abgeschlossene Form, womöglich mit Happy End die Wunschvorstellung einer fiktionalen Welt. Zelgis bleibt beim Disparaten und Ungereimten der Wirklichkeit und ist daher deutlich realistischer. Die Dialektik der gegensätzlichen Empfindungen, die das wahrgenommene Chaos auslöst, ist die Einheit, die seine Texte zusammenhält“, schreibt Udo Bongartz über Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis. Den ganzen Beitrag kann man in der Lettischen Presseschau nachlesen. 

Eva Brunner: Achtung, die Naht

Identität ist eine Textur, die immer wieder neu produziert wird, durch Erzählen, Erinnern und Zukunftsentwürfe. Widersprüche, Zweifel und verschiedene Stimmungen lassen das Gebilde rissig werden, auch kann es, je nach Blickwinkel, in ganz unterschiedlichen Farben aufleuchten. Ein stabiler Stoff scheint hilfreich. Doch wie beeinflusst seine Beschaffenheit andere Menschen, die Gesellschaft und Umwelt? Wie bleiben Nähte reißfest, die über den einzelnen Flicken hinausgehen? Welche Verbindungen sollten besser aufgetrennt werden? Diesen Fragen geht Eva Brunner in ihrem Debütband Achtung, die Naht nach.

„Diese Gedichte verwischen ihre Spuren, während sie klare Bilder aufrufen, sodass wir nicht umhinkommen, jeder falschen Fährte bereitwillig zu folgen. Das aufgespannte Sicherheitsnetz, seine zarten Fäden sind zu verlockend. Dennoch haben wir es hier keinesfalls mit Gedichten zu tun, die uns mit wenig zurücklassen“, schreibt Yevgeniy Breyger über die Gedichte.

Eva Brunner: Achtung, die Naht. Gedichte, 62 S., Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar

Cover Brunner

Eva Brunner, geboren 1980 in Siegen, studierte in Bochum, Berlin und Berkeley. 2015 wurde sie mit einer Arbeit über Confessional Poetry an der Humboldt-Universität promoviert. Sie arbeitet als Redakteurin in einer Berliner Kommunikationsagentur und wohnt in Uppsala/Schweden.