Sein Blick ist politisch, sein Sound ist mondän

„Es ist eine traditionsreiche Strecke, die Pablo Jofré bereist. Und doch reist er viel weiter, als es die Strecke der transsibirischen Eisenbahn eigentlich vorsieht. Er reist von Wladiwostok über China nach Manila, die Hauptstadt der Philippinen, weiter. Ein langer Trip, den er in pointierten Beobachtungen einfängt“, schreibt Christoph Ohrem über Berlin – Manila von Pablo Jofré, das diese Woche bei WDR5 Bücher Thema ist, zu hören am Samstag (20.04-21 Uhr) und Sonntag (15.04 bis 16 Uhr).

„Sein Blick ist politisch, sein Sound ist mondän. Mühelos schreibt er sich in die Begegnungen mit Menschen und Orten ein. In 19 Gedichten folgt dieser Zyklus in lockerer Anordnung den Stationen der Reise. Mit wenigen scharfen Bildern schafft Pablo Jofré es, Zeitgeist und Atmosphäre von Orten einzufangen.

In seinem Eingangsgedicht heißt es etwa, er ‚reise beladen mit schillernden Bars / mit der mittelalterlichen Hysterie der Beamten // bringe schlaffe traurige Flügel mit / einen Regierungskater aus Merkelandia‘. Dass Pablo Jofré die Reise vor Coronapandemie und Regierungswechsel angetreten hat, nimmt den Texten nichts von ihrer Genauigkeit. Der Beginn der Reise ist wie das Erwachen aus einem Traum, dem Nachhausekommen nach durchfeierter Nacht. Ich ‚komme von der After-Post-Party / geblendet von der grellen Sonne / der grellen Wirklichkeit‘.

Die Berliner After-Hour ist erst einmal vorbei, der Westen aus dem Zusammenbruch des Ostblocks nicht als strahlender Sieger hervorgegangen, die Geschichte nicht zu Ende. Die Reise kann beginnen. Die Gedichte sind in freier Form geschrieben. Sie sind so sehr verknappt, dass der Autor sich auch keinen Raum für Satzzeichen lässt. Alles hängt mit allem zusammen, die Zeilen sind einziges Ordnungsprinzip der durchnummerierten Texte. Und doch steht am Ende jedes Gedichtes artig ein Punkt.

Pablo Jofré seziert die Gesellschaften, die er bereist. Beißende Kritik an Herrschaftsstrukturen etwa in Moskau, über das er schreibt: ‚das Imperium brüllt hier / in der Stille seiner Eingeweide der Angst / ABSOLUTE MACHT von Strafe und Belohnung‘. Und dann wieder kleidet er große Landstriche in wenige Zeilen. ‚Hinter uns verschwindet der Planet Gogol / multiethnisches Territorium / in zeitloser Ausdehnung / vom Schwarzen Meer zum Kaspischen Meer / von der Ostsee zum Pazifik‘.

Wenige Zeilen, die trotz ihrer Nüchternheit viele Bilder hervorrufen. Pablo Jofré kommt aus Chile und lebt seit vielen Jahren auf der Achse Berlin Madrid. Er hat Literatur, Anthropologie, Journalismus und Übersetzung studiert.

Sein Gedichtband Berlin – Manila erschien 2019 auf Spanisch. Seit Dezember liegt die deutsche Übersetzung von Odile Kennel im Verlag Parasitenpresse vor. Nicht zuletzt wegen der dem Band beigefügten Schwarz-Weiß Fotografien eine lohnende Reise.“

Pablo Jofré: Berlin – Manila

Der in Berlin und Madrid lebende, chilenische Schriftsteller und Übersetzer Pablo Jofré hat einer Reise von Berlin bis Manila unternommen und war größtenteils per Bahn unterwegs. Von Berlin über Warschau und Moskau folgte er der Transsibirischen Eisenbahn durch Sibirien, in die Mongolei und bis nach China. Von der größten Stadt der Welt Chongqing ging es nach Vietnam, Thailand und Kambodscha bis er schließlich in Manila auf den Philippinen ankam. Seine Eindrücke, Gedanken und Begegnungen hat er in Gedichten und Fotos festgehalten, die dieser Band präsentiert. Die Übersetzerin Odile Kennel hat den Band ins Deutsche übertragen.

Ich reise von Chile nach Berlin komme aus 
Warschau breche auf nach 
Minsk unterwegs nach Moskau 

reise beladen mit schillernden Bars 
mit der mittelalterlichen Hysterie der Beamten 

bringe schlaffe traurige Flügel mit 
einen Regierungskater aus Merkelandia 

ich reise tanze mechanisch 
von durchscheinenden Farben gekrönt 
komme von der After-Post-Party 
geblendet von der grellen Sonne 
der grellen Wirklichkeit 

komme aus winterlichem 
Schwarz dem Marktgeschrei 
dem Kreischen der Straßenbahnen 

Pablo Jofré: Berlin – Manila. Gedichte aus dem Spanischen von Odile Kennel, 54 Seiten, Preis: 10,- € – ab sofort lieferbar

Pablo Jofré, geb. 1974, in Santiago de Chile, studierte Literatur, Anthropologie, Journalismus und Übersetzung in Chile und Spanien. Zu seinen Veröffentlichungen zählen neben Berlín Manila (L.U.P.I./Zoográfico, Baskenland/ Madrid 2019), auch die Bände Abecedario (S.A.L.C., La Serena 2009) – auf Deutsch: Abecedar (parasitenpresse 2017) –, Extranjería (Cuarto Propio, Santiago 2017), Usted (Milena Berlín 2013) und die gesammelte Lyrik bis 2019, Entre tanta calle (Amargord, Madrid 2020). Er hat die Lyrik von Nora Gomringer, Elfriede Jelinek, Adrian Kasnitz, Odile Kennel und David Shook ins Spanische übersetzt. Mit einem Gedicht nahm er an der Aktion Bombing of poems (Casagrande-Southbank Center 2012) in London teil. 2010 erhielt er den Premio Ciudad Sant Andreu de la Barca und 2016 ein Stipendium des chilenischen Consejo Nacional del Libro y la Lectura für diesem Band. Er lebt in Berlin und Madrid.

Odile Kennel, lebt in Berlin, Lyrikerin, Romanautorin, Lyrikübersetzerin. 2019 erschien ihr Gedichtband Hors Texte beim Verlagshaus Berlin, 2013 oder wie heißt diese interplanetare Luft bei dtv. Sie veröffentlichte zwei Romane, Was Ida sagt (2011) und Mit Blick auf See (2017) und den Essay Lust (Verlagshaus Berlin 2021). Für die parasitenpresse übersetzte sie zuletzt Claire Gondor und Timotéo Sergoï aus dem Französischen (Die Schienbeine der Stadt, 2019) sowie Luis Luna (Unwetter, 2021) aus dem Spanischen. Außerdem ist sie in dem Band Translator’s Choice (2021) mit Übersetzungen von Beatriz Rgb vertreten.

Das russische Jahr / Русский год

Das russische Jahr / Русский год ist eine Reihe der parasitenpresse, die den deutsch-russischen Literaturaustausch anregen möchte. Neben der Übersetzung Под камнями (Unter Steinen) von Thomas Podhostnik erscheinen Gedichte von Adrian Kasnitz unter dem Titel Счастливые неудачи (Glückliche Niederlagen) auf Russisch. Zeitgleich werden Erzählungen von Lew Naumow unter dem Titel Die Dädalus-Hypothese und andere, nicht ganz abwegige Vermutungen ins Deutsche übersetzt. Bereits erschienen ist das Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis. Später im Jahr folgen lose in diesem Zusammenhang Berlin-Manila, das Tagebuch einer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn, von Pablo Jofré, So glücklich war ich noch nie, Erzählungen von André Patten, die nach Sibirien und in die Ukraine führen, und der Mikro-Roman Frame von Thomas Podhostnik über das Flugzeugunglück von Überlingen, bei dem eine deutsche Fracht- und eine russische Passagiermaschine kollidierten.

Am 24. April stellen wir Das russische Jahr mit den Büchern von Lew Naumow und Thomas Podhostnik im Goethe-Institut St. Petersburg vor, das die beiden Bücher ermöglicht hat.

Русский год – это серия издательства «Parasitenpresse», нацеленная на расширение русско-немецкого литературного обмена. Наряду с уже выпущенным переводом книги Томаса Подхостника Под камнями в этом году на русском выйдет стихотворный сборник Адриана Касница Счастливые неудачи. В то же время рассказы Льва Наумова будут изданы на немецком под общим названием Die Dädalus-Hypothese und andere, nicht ganz abwegige Vermutungen. В начале года на немецком уже опубликован Толковый словарь русской души Александра Эстиса. Далее последуют дневник путешествия по Транссибирской магистрали Пабло Хофре под названием Berlin-Manila, рассказы Андре Паттен, действие которых разворачивается в Сибири и на Украине, а также микро-роман Frame Томаса Подхостника об авиакатастрофе, во время которой над городом Юберлинген столкнулись немецкий грузовой и русский пассажирские самолеты. 

Foto: (c) Thomas Podhostnik

Alexander Estis: Handwörterbuch der russischen Seele

Was ist der Unterschied zwischen Babuschka und Matrjoschka? Warum gibt es nur in Russland richtige Birken? Wo gelangt man hin, wenn man mit der Transsibirischen Eisenbahn fährt? Warum hat die Balalaika nur drei Saiten? Worin besteht die Aufgabe des FSB? Welcher Kaviar schmeckt besser – roter oder schwarzer? Warum ist Putin fast wie Puschkin? Und vor allem: Weshalb ist die russische Seele so breit? Wer sich diese und ähnliche Fragen schon einmal gestellt hat, wird im Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis fündig werden – aber keine Antworten erhalten.

Alexander Estis: Handwörterbuch der russischen Seele, 72 Seiten, Preis: 12,- € (paradosis Bd. 16) – ab sofort lieferbar

Alexander Estis, diensthabender Kaminer der Stereotypmaschinerie. In der Schweiz ein Deutscher, in Deutschland ein Russe, in Rußland ein Jude. Zentaurischer Hybrid aus sowjetischem Säuferpoeten und ostpreußischem Altphilologen. Arbeitet in literarischen Miniaturformen, die für das Auge des großen Publikums zu klein sind. Bekanntheit erlangte er immerhin dafür, daß er keinen einzigen Roman verfaßt hat. Seine Bescheidenheit verbietet es ihm, die zahlreichen Auszeichnungen und Stipendien zu erwähnen, die er beinah erhalten hätte.