Flip-Flop im Kopf

„Vorsicht, dieser Gedichtband steht unter sprachelektrischer Hochspannung! Er ist derart aufgeladen, dass Lichtenberg-Figuren entstehen“, schreibt Tobias Lehmkuhl in der Süddeutschen Zeitung (12.11.) über eins: zum andern von Karin Fellner. Und weiter: „Karin Fellner hört in der Sprache das Ach, erkennt in der Störung den Stör und folgt mit ihm der Strömung weiter zu „komischen, kosmischen Ringen“. Dabei wirkt es so, als könnte sie nur mit Mühe das Brausen und Blubbern der Wörter unter Kontrolle halten – souveräne, sprich gepflegt-langweilige Meisterschaft sucht man in eins: zum andern zum Glück vergeblich. Die Münchner Dichterin setzt sich in ihrem fünften Band der Sprache, diesem verflixten Etwas, vielmehr ganz ungeschützt aus.“

Cover Fellner eins

Unerhörte Verästelungen

„Die Vielschichtigkeit lädt ein zu wiederholter Lektüre, zur Freude daran, sich hineinnehmen zu lassen in unerhörte Laut- und Sachverästelungen oder ungewohnte grafische Gliederungen. Es wird gehüpft und die schsch bra-brach-e zerteilt, es wird oft an- und hintergefragt und laut gerufen“, schreibt Vera Schindler-Wunderlich in einer Besprechung von Karin Fellners eins: zum andern in der Schweizer Literaturzeitschrift Orte. Und weiter: „vielmehr zeigt die Dichterin, wie viele verrückte Ordnungs-Spiel-Möglichkeiten die Welt hat und wie diese zusammengebracht werden können“.

Die ganze Besprechung ist hier nachzulesen: Orte_Schindler_Okt.2019.

Cover Fellner eins

 

Izabela Morska: Madame Intuita

Die Madame Intuita aus dem gleichnamigen Gedichtband der Danziger Dichterin Izabela Morska ist eine Antwort auf Zbigniew Herberts Pan Cogito aus feministischer Perspektive. Madame Intuita nimmt uns mit auf eine Reise durch ihre soziale und philosophische Biographie, die die einer selbstbestimmten Frau ist. Emigration, Sprache, Widerstand gegen Ausgrenzung sind weitere Themen des Bandes. „Eine unbenutzte sprache ist wie wasser / rinnt durch die finger die schnell leer / und feucht sind hinterlässt den geschmack eines glitzernden / vergnügens (…)“. Die Berliner Dichterin Anna Hetzer übersetzte den Band, der als Sonderdruck zum Europäischen Literaturfestival in Köln-Kalk erschienen ist.

Izabela Morska: Madame Intuita. Gedichte aus dem Polnischen von Anna Hetzer, 44 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar (Sonderdruck)

Cover Morska

Izabela Morska, geb. 1961 in Gdynia, veröffentlichte mehrere Gedichtbände, Romane und Sachbücher und ist eine der wichtigsten Stimmen der polnischen Literatur der letzen Jahre. In ihren Kurzgeschichten schließt Morska vernachlässigte und subversive Erzählformen ein, die Frauen, queere und ausgeschlossene Charaktere in den Mittelpunkt stellen. Ihre Stimme sei eine „eindeutig persönliche“, wie Maria Janion, die Historikerin der polnischen Gegenkultur, bemerkt. Ihr neuestes Buch Znikanie (Das Verschwinden) erscheint im Oktober 2019 bei Znak und ist die Erinnerung an Krankheit als eine Reise. Lyrik schreibt sie seit ihrer Jugend und hat eine eigene Mythologie entwickelt. Madame Intuita (2002) ist der einzige veröffentlichte Gedichtband. Außerdem veröffentlichte sie Glorious Outlaws: Debt as a Tool in Contemporary Postcolonial Fiction (Peter Lang 2016). Sie erhielt den Julian-Tuwim-Preis (2018) für ihr Lebenswerk. Nach Studien u.a. in Berkeley unterrichtet sie am Institut für Anglistik der Universität Gdańsk.

Anna Hetzer, geboren 1986 in ein deutsch-polnisches Elternhaus, lebt seither in Berlin. Bis 2015 Studium der Medizin und Philosophie. Zuletzt erschien Kippbilder im Verlags- haus Berlin 2019. Sie war Stipendiatin der Villa Decius in Krakau 2017, sowie Finalistin beim Lyrikpreis Meran 2018. Mit dem Lyrikkollektiv G13 erkundet sie Formen des kollektiven Schreibens; mit Künstler*innen der Neuen Musik oder der Gebärdensprachkunst arbeitet sie regelmäßig an intermedialen Projekten.

Poetische Motivkette

„Der poetische Prozess kann sich an ein paar Fragmenten mündlicher Rede entzünden, an Funden im Wörterbuch oder am taktilen Kontakt mit Naturstoffen oder Alltagsgegenständen. Und dann entfaltet sich mit immensem Sprachwitz und ebensolcher Assoziationskraft eine genuin poetische Motivkette“, schreibt Michael Braun in seiner Besprechung des Bandes eins: zum andern von Karin Fellner im Deutschlandfunk. Und weiter:
„So etwa in einem Gedicht, das sich mit der lautlichen Nähe der Wörter ‚Gelingen‘ und ‚Lehrlingin‘ befasst: ‚ha! habe kein Gelingen. Lehrlingin bleib ich von/ Pilzpartnern, Algenpartnern, Mitfellträgern, d.i./ Filets häkelnd, Filiationen/ entsprechen nicht notwendigerweise den/ Hüllen, Hymnen, Hymen, Hieroglypen, Hyphen.'“

Cover Fellner eins

Sprache und Bild im Museum

„Hier offenbart Nischkauer auf anschauliche Weise diesen spezifischen Mehrwert des Interdisziplinären im künstlerischen Arbeiten an sich“, schreibt Marcus Neuert bei Fixpoetry über die Museumsgedichte in Satyr mit Thunfisch von Astrid Nischkauer. „In ihren Gedichten spiegelt sich nicht einfach ein kongenialer innerer Bezug zum bildnerischen Kunstwerk (auch das allein wäre ja schon geeignet, reizvolle und zur Reflexion anregende Rezeptionsmomente zu schaffen), sondern eine ganz enge Verschränkung der beiden unabhängigen Produktionsebenen. Dass sich im konkreten Fall, ausgehend vom bereits vorhandenen Dinglich-Bildnerischen, nur die Sprache eben darauf beziehen kann und nicht unmittelbar umgekehrt sich bildnerisches Schaffen an Sprache orientiert, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dadurch trotzdem auch das Bild verändert – nämlich durch die individuelle Sichtweise darauf, die ohne das Gedicht eine andere wäre – oder zumindest sein könnte.“

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Hinausrudern aufs Sprach-Meer

„Die Dialektik dieser Poesie besteht darin, gerade die Beschlagenheit der Fensterscheibe zu suchen, um dahinter die Landschaft umso deutlicher aufleuchten zu lassen“, schreibt Guy Helminger im Luxemburger Tageblatt über Oben das Meer unten der Himmel von Enrique Winter. Und weiter: „Zugleich zeigen sich die Verse von üppiger Bildlichkeit, dass man ganze Nächte mit ihnen verbringen möchte, gar nicht anders kann, als mit ihnen hinaus zu rudern auf dieses Sprach-Meer voller Seegras und Strophen.“
Cover Winter