Topologie des Schreibens

„Plätze, zu denen sich poetisch Schreibende hingezogen fühlen, sind mindestens so vielfältig wie ebendiese literarischen Personen, denen sie zuzuordnen wären, und vielleicht ist sich auch nicht jede davon überhaupt darüber im Klaren, wo ihr ureigener Platz zu suchen respektive zu finden sei: Ist es der Ort der Kontemplation, der Ort der Begegnung mit anderen, mit Ideen oder der Geschichte, eine Form von Heimat, sei sie aufgrund von Herkunft determiniert oder von einer erfolgreichen Suche nach ihr aufgefunden? Oder können diese Orte nicht sogar viele sein, den Imponderabilien des Geschicks geschuldet, eine im Vorhinein nicht vorhersagbare Anzahl von Würfelaugen? Patrick Wildens Schreibers Ort gibt auf diese Fragen mehrere Antworten“, schreibt Marcus Neuert bei literaturkritik.de. Und weiter: „So erlebt Patrick Wildens Lesegemeinde in Schreibers Ort literarisierte Ankünfte jenseits der Zeit. Denn dazu sind diese Gedichte von einer unprätentiösen, zeitlosen Schönheit, die sich auch in den verschiedenen Vers- und Strophenformen widerspiegelt, von freien, prosanahen Textblöcken wie in Klemmton über vielgestaltig freirhythmische und in unterschiedlichste Strophenkombinationen gegossene Verse bis hin zu einer fast formstrengen Sestine im titelgebenden Gedicht des Zyklus‘ Stadt Land Kuss. In dieser Überzeitlichkeit findet zudem auch beinahe wie von selbst eine Versöhnung der Nachmoderne mit dem Überlieferten statt.“

Ausflug ins Unbekannte

„Der Band enthält mehrere Zyklen, deren Titel als Synonyme für die Suche nach Sprache aufgefasst werden können – ‚Klemmton‘, ‚Das Gedicht im Gebirge‘, ‚Schreibers Ort‘. Alles ist fremd bei den ersten Erkundungen des Terrains“, schreibt Axel Helbig in den Dresdner Neuesten Nachrichten (06.07.22) über Schreibers Ort von Patrick Wilden, dem im Gerhart-Hauptmann-Haus in Jagniątków entstandenen Gedichtband. Und weiter: „Der Dichter/Schreiber versteht nicht, was die Radiostimmen, was die Schilder sagen. Im ‚Sprachgebäude‘ zu leben, heißt, ‚unter freiem Himmel zu schlafen // Es regnet durch / und ständig weht Wind‘. (…) Was soll er schreiben ‚im Haus voll Geist und Glorie‘? ‚Büsten schlafen in den Ecken // wenn du abends die Schuhe ausklopfst / rieseln Nadeln und kleine Steine auf die Dielen / wie fremde Wörter aus dem Lexikon‘. ‚Es ist wie ein Anfang ohne Beginn / der Blick in die Weite verstellt‘. Der Band liest sich mitunter wie ein Roman, in dem der Schreiber (Wilden) der Protagonist ist. ‚Ungezählte Gemarkungen‘ muss er ablaufen und ‚auf die aufprallenden Wörter‘ lauschen, bis sich die Nebel an ‚Schreibers Ort‘ lichten: ’nach ein paar Tagen kennst du die Raubvogelrufe / das Krachen einer stürzenden Buche / den Geruch von geschlagenem Holz / auf halber Höhe // du hast dich mit Wörtern beladen, die du nicht kennst / und trägst sie die Wege entlang / du findest wieder zurück / zu der winzigen Stimme / in deiner Hand‘. (…)

Erst einmal heimisch geworden, geht dem Dichter das Schreiben von der Hand, entwickelt er ein Ohr für den Klang der hiesigen Sprache, schärft den Blick auf die Menschen und die geschichtsträchtigen Orte. Die ‚winzige Stimme‘ wird kraftvoll und setzt zum Höhenflug an: ‚Ich wohne auf der Höhe der Vögel / sie schreien mich an / … / Ich wohne auf ihrer Höhe bin / ihr Dirigent dunkler Hüter / einer Wolke aus Klang‘. Auch die Natur wird nun lesbar: ‚Wir sind eins / das Geräusch von Bäumen / mit Wasser vollgesogen nach der Nacht / der Nebel der die Welt dahinter / zu Ende sein lässt // Die Klänge und ich / mein Pfeifen im Wald / wir sind eins‘.

Schreibers Ort findet zu einer schönen gediegenen Sprache und zu Bilder, die man sich gern zu seinen eigenen macht. Ein Buch, das Lust auf Gedichte macht. Besser kann es nicht kommen.“

Patrick Wilden: Schreibers Ort

In seinem Gedichtband Schreibers Ort unternimmt Patrick Wilden dichterische Erkundungen in und rund um Agnetendorf, einem Ort wie einer Region im Umkreis des Riesengebirges in Polen. Und es liegt nahe, dass es dem Autor zugleich um ein sich ins Verhältnis Setzen mit (kultur-) historischen Räumen geht, ein poetisches Aneignungsverfahren, das schon seinen ersten Gedichtband wesentlich prägt. In Agnetendorf lebte und arbeitete bis 1946 der Dichter und Dramatiker Gerhart Hauptmann. Seit den endneunziger Jahren des 20. Jahrhunderts dient dessen Villa als Museum und Begegnungsstätte für Künstler aus Ost und West.

Patrick Wilden lauscht dem Klang und der Bedeutung von Worten nach, die er nicht kennt, setzt sie mit der eigenen Sprache in Beziehung, und fühlt sich mit der Zeit ‚den Wörtern gegenüber/ machtlos‘. Es ist also nicht nur eine Orts- und Zeiterkundung, sondern auch eine Sprach-Reise, die Verunsicherungen zeitigt, die der Autor bewusst annimmt und produktiv zu machen weiß. Wer hat wem die Sprache verschlagen fragt er an einer anderen Stelle. (Aus dem Nachwort von Jayne-Ann Igel)

Patrick Wilden: Schreibers Ort. Suite karkonosque. Gedichte, mit einem Nachwort von Jayne-Ann Igel, 98 Seiten, Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Patrick Wilden, geboren 1973 in Paderborn, schreibt Gedichte, Rezensionen und Kurzprosa und ist Redakteur der Literaturzeitschrift Ostragehege. Nach Schulzeit in der Region Kassel, Studium in Tübingen und Verlagsvolontariat in Stuttgart arbeitete er viele Jahre in einem Antiquariat in Dresden, er lebt dort und in Leipzig. 2019 erschien sein Gedichtband Alte Karten von Flandern als Raniser Debüt. Im Frühjahr 2016 lebte er eine Zeitlang im polnischen Riesengebirge, schrieb einen Großteil der Gedichte und machte die Aufnahmen für diesen Band.

Gefördert durch die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen.