Knochenfauteuil

„’Unkalkulierte Attraktion von Farben‘ lautet eine Textstelle. In etwa so bieten sich die 365 vorhergesagten Gedichte von Álvaro Seiça / Mathias Traxler an. Wer übersetzt hier eigentlich wen? Traxler setzt die gängigen (kanonischen) Tradierungen außer Kraft, indem er zusammen mit dem portugiesischen Lyriker Seiça diesen Text in mehrere Spuren erweitert, verschiedene Sprachen hineinorchestriert. Es ist ein auditives Verfahren, das eher an zeitgenössische additional Tracks auf einem Remix-Pult erinnert. Traxler fügt den Gedichten hinzu, was sich wohl instrumentartig angeboten hat. Er verwischt, klärt auf, findet neue Bezüge. Auf u.a. Bandcamp kann man die auditorischen Impulse nachhören, im Band selbst – in der Kölner Parasitenpresse erschienen – berichtet das Nachwort über die wetter-respektiven Einfallsmethoden Traxlers, die Lyrik Álvaro Seiças umzufusionieren“, schreibt Jonis Hartmann in einer Besprechung bei Textem über den Band. Und weiter: Das Buch ist in endlose wundervolle Abschnitte eingeteilt, deren Genregrenzen fließen wie jede einzelne Zeile selbst. Kaum stellt sich etwas scharf oder überscharf, ist es im nächsten Moment blurred edges oder scheinbar extrem weit hergeholt. Dann wieder sehr einfach. Auch die Zeichensetzung wird stark angepasst bis verfreiheitet. Es ist die sprachliche (und grammatische) Flexibilität von Sprache, die dieses Buch feiert. Er ist weniger verstörend als atemhaft experimentell, gleichzeitig schwierig zu fassen von einem Duo, das etwas vorherzusagen hat. Übersetzung als ein Angebot.

Niklas L. Niskate: Privatnachrichten an Lem

Mit Privatnachrichten an Lem von Niklas L. Niskate setzen wir unsere Reihe Die nummernlosen Bücher fort. Das Buch enthält 20 Gedichte, 20 ‚Privatnachrichten‘ an einen gewissen Lem, ein Alter Ego des Autors, und wird von sieben Illustrationen von Marina Friedrich und einem Foto von Giovi begeleitet.

PN an Lem ist ein Gedankenlogbuch unserer Zeit, ein Zwiegespräch mit vertrauten und fremden Echos, ein poetischer Strom zwischen Bewusstseinsebenen, zwischen Ennui, Muss und Muße, der sich präzise, melancholisch und zugleich leichtfüßig bewegt, der in geschlossenen Räumen und hinaus in den Äther kreist wie ein Radiohead-Song, der in Endlosschleife läuft und bei jedem neuen Lesen/Hören weitere Ebenen öffnet“, schreibt Sandra Gugić und liefert ein Remix-Gedicht:

RMX// lem, soll man antworten fragen

haben// mitten im nanotechnoregen

(used to know) zu beiläufig zu

abgründige echos, lem// noch einmal

sterben wie gestern// ginge ich nur

einmal nach draußen, lem// hier kann

alles passieren zählt man die zufälle

dazu// (jetzt)// sprich mich an, lem, man

könnte ja meinen// ein monolog heiteren

scheiterns// lem, sagtest du sagtest

nichts klar und deutlich

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Niklas L. Niskate, geb. 1981 in Halle (Saale), wuchs in Bern (CH), Nordrhein-Westfalen und Berlin auf und lebt durch Zufall im Moment als Lyrik schreibendes Kaninchen in Oberösterreich. Studium der Untergrund­architektur, Projektions­felder­wirtschaft und des Tun­nel­baus. Diverse Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften, zuletzt in randnummer 5 und Der Greif. Startstipendium für Literatur des österreichischen Bundeskanzleramts 2014.

Niklas L. Niskate: Privatnachrichten an Lem. Gedichte, mit Illustrationen von Marina Friedrich und einem Foto von Giovi, 52 S., Preis: 9,- € – erscheint heute und ist ab sofort in ausgewählten Buchhandlungen oder direkt bei uns erhältlich.

NLN Cover