Aus der heimlichen Welthauptstadt der Kurzgeschichte

„Die titelgebende Geschichte erzählt von Günter, einem Philosophen, der vielleicht ein Werk hinterlassen hätte, wenn es einen Namen dazu gäbe, aber nicht einmal die Authentizität des Vornamens Günter ist gesichert, so bleiben in den Bibliotheken nur die Werke und Namen der anderen Philosophen, deren Rekonstruktion sich Günter letztlich Zeit seines philosophischen Lebens gewidmet hat. Von Heraklit bis Sartre verdanken diese Denker letztlich allesamt ihre Existenz dem unermüdlichen Bemühen eines nicht benannten Unbekannten, dem provisorisch der Name Günter zugeordnet wurde und wird. Günter ist letztlich die Bedingung der Möglichkeit Hegels und Heideggers, deren Ruhm vom seinem Nichtruhm, dem des Unbekannten, begründet ist. Zumindest könnte so die Auslegung dieser Ebene der Erzählung lauten“, schreibt Jan Kuhlbrodt über Die Dädalus-Hypothese von Lew Naumow auf piqd.de.

Und weiter: „Aber eine Erzählung ist vor allem auch Sprache. Der Dresdner Fachübersetzer Dirk Bretschneider hat Lew Naumows Erzählungen ins Deutsche gebracht, und man merkt seiner Übersetzung an, dass er in der Tradition der russischen Kurzgeschichte hervorragend bewandert ist. Und was ist das für eine Tradition!! Puschkin, Leskow und so weiter. Tschechow. Man könnte einen nicht endenwollenden Schwanz großer Namen an dem schwarzen Hündchen befestigen. Im 20. Jahrhundert differenziert sich das ganze noch aus. Die heimliche Welthauptstadt der Kurzgeschichte ist meiner Ansicht nach ohnehin St. Petersburg. „

Alexander Estis: Handwörterbuch der russischen Seele

Was ist der Unterschied zwischen Babuschka und Matrjoschka? Warum gibt es nur in Russland richtige Birken? Wo gelangt man hin, wenn man mit der Transsibirischen Eisenbahn fährt? Warum hat die Balalaika nur drei Saiten? Worin besteht die Aufgabe des FSB? Welcher Kaviar schmeckt besser – roter oder schwarzer? Warum ist Putin fast wie Puschkin? Und vor allem: Weshalb ist die russische Seele so breit? Wer sich diese und ähnliche Fragen schon einmal gestellt hat, wird im Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis fündig werden – aber keine Antworten erhalten.

Alexander Estis: Handwörterbuch der russischen Seele, 72 Seiten, Preis: 12,- € (paradosis Bd. 16) – ab sofort lieferbar

Alexander Estis, diensthabender Kaminer der Stereotypmaschinerie. In der Schweiz ein Deutscher, in Deutschland ein Russe, in Rußland ein Jude. Zentaurischer Hybrid aus sowjetischem Säuferpoeten und ostpreußischem Altphilologen. Arbeitet in literarischen Miniaturformen, die für das Auge des großen Publikums zu klein sind. Bekanntheit erlangte er immerhin dafür, daß er keinen einzigen Roman verfaßt hat. Seine Bescheidenheit verbietet es ihm, die zahlreichen Auszeichnungen und Stipendien zu erwähnen, die er beinah erhalten hätte.