Poesie der musealen Kunst

du Wundergecko von Astrid Nischkauer läuft heute Abend in der Sendung Nachtbilder bei Ö1 (22:30 Uhr). Auf einen Spaziergang durch die Wiener Museen nimmt uns die Dichterin in ihrem neuen Gedichtband mit. Ähnlich wie in ihrem letzten Gedichtband Satyr mit Thunfisch beschreibt sie Kunstwerke, die sie als Besucherin oder Museumswärterin betrachtet, kleine Details und die Atmosphäre in den verschiedenen Museen und Räumen. Es liest Runa Schymanski. Mit Musik von Gloria Damijan und Herbert Lacina. Die Sendung ist dann eine Woche lang nachzuhören (ab Min. 37:19).

Beim Gang durch Museen

„Die beim Gang durch Museen und Galerien geernteten Visionen, die an Bildern und Exponaten haften, die sie gleichsam verströmen, sind die eindrucksvollen Essenzen dieser Gedichte. Die Symbiose zwischen Bild und Betrachter feiert dabei kristalline Feste, bei denen die alten Kunstwerke lebensprall in die Gegenwart drängen: ‚ein leichtes Kräuseln der Stirn / während das Wasser den Atem anhält / mit der einen Hand stützt er sich auf / weg vom eigenen Spiegelbild / die andere lässt er herabhängen‘ (über Caravaggios Narziss). Astrid Nischkauer gibt diesen Werken der Bildenden Kunst ein poetisches Echo, das sich sehen lassen kann, von Farben und Formen ist es berauscht“, schreibt Kerstin Fischer über du Wundergecko in ihrem Blog Lyrikatelier Fischerhaus. „Nachdem man die Gedichte (…) gelesen hat, wird man wacher und sensitiver durch die Galerien und Museen gehen. Diese Lyrik ist hochwirksam.“

Bilder und Kippbilder

„Ein Buch über Bilder und ihre Wahrnehmung: Wie lesen wir in Bildern? Was finden, was entdecken, was sehen wir in ihnen? Von John Berger haben wir gelernt, wie und was wir aus unserem Blick auf Bilder erfahren  können. Nischkauers scheinbar kleines, scheinbar beiläufiges Buch zu rezipieren, kann einem weiter die Augen öffnen – mal für das Ganze, mal die Situationen, mal die Details. Immer aber ist es das Figurative, das sich in den Text überträgt, selbst in der Abstraktion wird das Atmosphärische, die Komposition spürbar, fließend zusammengesetzt zu einer Satz-Miniatur“, schreibt Martin Kubaczek in einer ausführlichen Besprechung des Gedichtbandes Satyr mit Thunfisch von Astrid Nischkauer für den Blog der Poesiegalerie. Und weiter: „Die Gedichte erweisen sich als kleine geometrische Figur oder als Gebärde, sind in sich kohärent als stimmiger Ausgang und situativer Reflex. Sie bleiben wach und aufmerksam, überraschen immer wieder in neuer Weise, nichts wiederholt sich, es gibt keine Redundanzen, die Gedichte sind effektiv und ökonomisch gestaltet, „schlenkern“ nicht (wie das in Walter Benjamins kurzem Text „Gut schreiben“ heißt), sondern führen direkt zum Punkt dessen, was sie sagen oder zeigen wollen, sind punktgenauen Ziellandungen: sie dauern bloß ein paar Sekunden vom Absprung bis zur Landung, und öffnen sich mit einem kleinen Ruck, der uns auffängt, schaukelnd und schützend trägt, sicher absetzt und entlässt. Dann schaut man nochmals hinauf an den Beginn, und sieht, wie bewusst hier alles in seine Gestalt gebracht ist.“

Der zweite Band mit Wiener Museumsgedichten, du Wundergecko, ist gerade ebenfalls bei uns erschienen.

Astrid Nischkauer: du Wundergecko

Auf einen Spaziergang durch die Wiener Museen nimmt uns die Dichterin Astrid Nischkauer in ihrem neuen Gedichtband du Wundergecko mit. Ähnlich wie in ihrem letzten Gedichtband Satyr mit Thunfisch beschreibt sie Kunstwerke, die sie als Besucherin oder Museumswärterin betrachtet, kleine Details und die Atmosphäre in den verschiedenen Museen und Räumen. Anders als zuvor bewegt sie sich aber jetzt, in der Zeit von Corona, in den Museen und bleibt beim Lockdown wie viele Museumsbesucher*innen ausgesperrt. Diese eigentümliche Zeit der Museen ohne Besucher:innen beschreibt dieser Band ebenfalls. Immer steht aber die Lust an der Kunst im Vordergrund, bei Mark Rothko, Unica Zürn oder vielen anderen Künstler*innen. Immer lösen Bilder Gedichte aus, die neue Bilder entstehen lassen.

„Die Beschriftung des Gemäldes / befindet sich in Vorbereitung. // Wir bitten um Verständnis.“

Astrid Nischkauer: du Wundergecko. Gedichte, 102 S., Preis: 14,- € – ist ab sofort lieferbar

Astrid Nischkauer, geb. 1989, studierte Germanistik und Komparatistik. In der parasitenpresse erschienen bereits: frisch gepresste Parasiten (2015), Poesie passieren & passieren lassen (2016) und Satyr mit Thunfisch (2018). Übersetzungsbegeistert, zuletzt Arvis Viguls: Die Handschrift einer Nadel (parasitenpresse 2019). Andrea Fontán: Blütenblätter zwischen den Fingern | pétalos entre los dedos und Olalla Castro: Wir Frauen, im Hinterhof eines sehr großen Hauses / Nosotras, en el patio de atrás de una casa muy grande (beide hochroth Heidelberg, 2020). War als Rezensentin auch Redaktionsmitglied von fixpoetry.com und Herausgeberin der Literarischen Selbstgespräche. Lebt zwischen Bücherbergen und in Wien.

Ein Berg Schwimmwesten

„Am Beginn dieses Prosagewebes liegt ein Berg Schwimmwesten, von Flüchtlingen an einem griechischen Strand zurückgelassen. Sein roter Faden zieht sich um den ganzen Globus, durch Museen und Mythologien; er verstrickt Textilperformance mit gefärbten Lämmern, Tänze, die Weberei nachahmen mit Tauf- und Hochzeitskleidern oder Totenhemden, trennt alte Kleider von Altkleidern“, so fasst Michael Helming Rettungswesen von Johanna Dombois in der Zeitschrift Lichtwolf  (67/2019) zusammen.

Cover Dombois

Sprache und Bild im Museum

„Hier offenbart Nischkauer auf anschauliche Weise diesen spezifischen Mehrwert des Interdisziplinären im künstlerischen Arbeiten an sich“, schreibt Marcus Neuert bei Fixpoetry über die Museumsgedichte in Satyr mit Thunfisch von Astrid Nischkauer. „In ihren Gedichten spiegelt sich nicht einfach ein kongenialer innerer Bezug zum bildnerischen Kunstwerk (auch das allein wäre ja schon geeignet, reizvolle und zur Reflexion anregende Rezeptionsmomente zu schaffen), sondern eine ganz enge Verschränkung der beiden unabhängigen Produktionsebenen. Dass sich im konkreten Fall, ausgehend vom bereits vorhandenen Dinglich-Bildnerischen, nur die Sprache eben darauf beziehen kann und nicht unmittelbar umgekehrt sich bildnerisches Schaffen an Sprache orientiert, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich dadurch trotzdem auch das Bild verändert – nämlich durch die individuelle Sichtweise darauf, die ohne das Gedicht eine andere wäre – oder zumindest sein könnte.“

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