Die Intimität der Stimme

„Die kalendarische Form von Álvaro Seiças Gedichten ist an den Freitagen eines Jahres orientiert, die 52 Gedichte sind als eine Art Vorschau („previsão“) auf den ganzen Jahreslauf angelegt: „previsão para  365“. Traxler macht daraus „365 vorhergesagte Gedichte“. Viele dieser Gedichte sind assoziativ notierte Bewusstseinsprotokolle und Wahrnehmungsaugenblicke, leuchtende Partikel einer intensiven Geistesgegenwart: ‚grad eben leicht das Feld der Sonne wogte/ und schon stürzen die Krähen herab und beben in Saatbeeten/ wie Kohle weissglühend// eine lange rote Scheune im Hintergrund/ und ein Tuch mit geschnittenem Stroh/ gebreitet auf der Tafel des Augusts…‘ Durch Improvisation, durch Störungen des Sprachverlaufs, durch lautliche Entgrenzung und Glossolalie verwandeln sich diese Texte, werden unabschließbar. Die Produktion von lautlichen Verschiebungen und Fehlern ist dabei konstitutiver Bestandteil der „Übertragung“: ‚ich erinnere mich, das ist doch alles falsch ausgesprochen_/ Ich erinnrmich an Brotschnitten hoch auf dem Elefanten_/das Kanu in der schilafabr länglichen Grotte_/ die Italienerin die mich mit Janusch bat ihre Zigarette auszumachen_/ Bäumeschskpie uam Meeresgrund_…'“, schreibt Michael Braun über 365 vorhergesagte Gedichte von Álvaro Seiça in der Übertragung von Mathias Traxler. Und an einer anderen Stelle: „Mathias Traxler ist ein Dichter und Übersetzer, der seine Werke in immer neuen Überarbeitungs-Prozessen verändert und ständig neu konstelliert, seine Sprachkunststücke in eine flirrende Schwebe bringt, sie in Klangräume setzt, wo sie in interaktiven Gestaltungen mit befreundeten Künstlern ständig neue Gestalt annehmen. Und seine Stimme, wie sie in starker Suggestivität die Texte spricht, flüstert, in entsemantisierende Glossolalie transformiert, spielt dabei eine große Rolle.“ Die ganze ausführliche Besprechung ist jetzt im Signaturen-Magazin erschienen.

Flöz mit Rissen

„In [dem] Feld der geologisch interessierten und auch an ‚Grum‘, ‚Gemäuer‘, ‚Flöz‘,, ‚Schichtmomenten‘ und der ‚Agenda des Rands‘ sich konturierenden Poesie bewegt sich auch der in Dortmund lebende Dichter Arnold Maxwill. Seine Poesie ist nicht an der Ausstellung von Aggregatzuständen eines empfindsamen poetischen Subjekts interessiert, sondern an der Formung einer Gelände-Textur. Seinen Debütband Raumsch hat Maxwill als ein sprachliches Feld von äußerster Verdichtung und schroffster Fügung angelegt“, schreibt Michael Braun in einer ausführlichen Besprechung im Signaturen-Magazin über den Band. „Im ersten Gedicht des Zyklus »Großmarkthalle« wird die strenge Methodik Maxwills besonders deutlich: Seine auf die Erfassung von Naturstoffen, geographischen Objekten, Raumverhältnissen und Flächen-Strukturen konzentrierte Dichtung tastet die Konturen des Gebäudes ab, dessen architektonische Schönheit selbst die Farbe als ein ästhetisches Kraftfeld zur Geltung bringt. Maxwills Gedicht evoziert nur die Linienführung, die Abstände zwischen den Raum-Elementen, die Strukturen des Objekts, die Lichtverhältnisse. Dabei bedient sie sich gerne seltener Vokabeln für die materiellen Eigenschaften und die Eigendynamik der Objekte. Ganz nebenbei entsteht ab der Hälfte des Gedichts ein Klangraum aus Umlauten (’spüren‘, ‚knüstern‘, ‚bröckelnd‘, ‚Rück-stand‘, ‚Schwäre‘), von Lauten also, die, wie die Sprachforscher glauben, bald aus der deutschen Sprache verschwunden sind: ‚…bröckelndes Licht in Fäden: / die Neige verschwingt sich; Rück-/ stand, Schwäre. passgenau Leere'“.

Cover Maxwill

Poetische Motivkette

„Der poetische Prozess kann sich an ein paar Fragmenten mündlicher Rede entzünden, an Funden im Wörterbuch oder am taktilen Kontakt mit Naturstoffen oder Alltagsgegenständen. Und dann entfaltet sich mit immensem Sprachwitz und ebensolcher Assoziationskraft eine genuin poetische Motivkette“, schreibt Michael Braun in seiner Besprechung des Bandes eins: zum andern von Karin Fellner im Deutschlandfunk. Und weiter:
„So etwa in einem Gedicht, das sich mit der lautlichen Nähe der Wörter ‚Gelingen‘ und ‚Lehrlingin‘ befasst: ‚ha! habe kein Gelingen. Lehrlingin bleib ich von/ Pilzpartnern, Algenpartnern, Mitfellträgern, d.i./ Filets häkelnd, Filiationen/ entsprechen nicht notwendigerweise den/ Hüllen, Hymnen, Hymen, Hieroglypen, Hyphen.'“

Cover Fellner eins

Gerlinger Förderpreis an Anne Nimmesgern

Wir freuen uns, dass Anne Nimmesgern den Förderpreis beim Gerlinger Lyrikpreis 2018 erhält. Nimmesgern „zeige in ihren sinnes- und gedankengesättigten Gedichten, „wie sich Stimmen in der ‚trümmerlandschaft der identität‘ orientieren und aus Sprachgestrüpp Orte schaffen, in denen sie ‚entweder fremd sind (…) oder gar heimisch‘. Ihre subtile Anziehungskraft beziehen diese Gedichte aus der Spannung zwischen dem zeitgenössischen ‚umgraben vom material‘ und dem Wissen, dass in diesem Vorgang ‚die alten gottheiten ihre kämpfe‘ austragen“, so die Jury, der Michael Braun, Irene Ferchl, Hans Thill, Wolfgang Tischer und Henning Ziebritzki angehörten. Den Hauptpreis erhält übrigens Walle Sayer.

Von Anne Nimmesgern ist bei uns der Band mindestens hell jetzt erschienen und weiterhin lieferbar.

Die öffentliche Preisverleihung findet am Dienstag, den 16. Oktober ab 19 Uhr in der Stadtbücherei Gerlingen statt, so die Presseinformation der Petra Schmidt-Hieber Literaturstiftung.

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Schlachtgewicht, 4. Auflage

Schlachtgewicht von Georg Leß geht nun in die 4. Auflage. Das freut uns sehr und bestätigt auch in Verkaufszahlen das, was Michael Braun in seinem Leß-Portrait (Sprache im technischen Zeitalter, Nr. 219) so formuliert: „Mit seinem Band Schlachtgewicht legte Georg Leß eins der wirkmächtigsten Lyrik-Debüts der letzten Jahre vor.“ Wer das Lyrikheft noch nicht kennt, sollte sich schnell selbst davon überzeugen.

Schlachtgewicht

 

Kondorlied

In der Reihe Der gelbe Akrobat liest Michael Braun Kondorlied von Georg Leß und ordnet die Wortfäden, die nach Chile und Guernica führen und sich mit Geiern, Kojoten und anderen Kleintieren verknoten. Der ganze Text ist im Poetenladen nachzulesen. Das Gedicht ist im Band Schlachtgewicht enthalten.

Schlachtgewicht