Eine Stereotypmaschinerie

„Die ‚russische Seele‘ – wie viel Pathos, welche literarischen Tiefen und vielleicht sogar imperialen Traumlandschaften schwingen mit in dieser Worthülse? Zugegeben kann der Titel Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis Irritationen auslösen, allerdings womöglich gewünscht. Die Befremdung beginnt bei der zu hinterfragenden Konstruktion einer pauschalisierten nationalen Seele und wird bei der formalen Kategorie des ‚Handwörterbuchs‘ fortgeführt, das im Widerspruch dazu gewissermaßen Objektivität verspricht. Doch blickt man hinein in den literarischen Versuch, dieses schwer greifbare und zu hinterfragende Große des Titels in dem literarischen Gegenteil – nämlich in Prosaminiaturen – zu fassen, dann lassen sich in diesem Spannungsfeld Texte von ironischer Schärfe und überraschenden Pointen entdecken, die einen humoristisch persönlichen Zugang zu dem kulturell geformten Konstrukt offenbaren“, schreibt Ricarda Fait über das Handwörterbuch der russischen Seele für Read Ost. Und weiter: „Die Stimme und Perspektive variiert von Eintrag zu Eintrag zwischen einer auktorialen Instanz, einem Erzähler mit der Maske eines Ichs oder eines Wirs und kleinen Dialogen. Durch dieses Spiel der Perspektiven ist auch die eigentliche Erzählinstanz schwer zu fassen. Sie existiert nur in ihrer Vieldeutigkeit, blickt mal von innen, mal von außen, aber stets sehr einfühlsam auf den ausgewählten Begriff und geht dabei auch weit über klischeehafte Vorstellungen von Russland hinaus.“

 

Im Plastikstrudel

„Den Abschluss bildet dieses kleine Trauerstück. Hier im wahrsten Sinn des Worts. Denn ein Trauerspiel ist es nicht – nur das Bild, dass es evoziert. Das Bild verschränkt in sich spiegelnd Meer und Ich, das Abbild des Betrachters. Schiefern ist es, wie eine Tafel. Geschrieben darauf: ein Plastikstrudel, eine Scherbe, die einen Arm ritzt und die Seele meint, Schädelplatten, die sich auf den Punkt zusammenschieben, ein Herz, das sich verbiestert. Schrecklich. Alles in diese wenigen, lakonischen Verse geschafft“, schreibt Walther Stonet über das Kalendarium #1 von Adrian Kasnitz bei Zugetextet.com. Mittlerweile sind sechs Teilbände des Kalendariums erschienen, Kalendarium #7 erscheint im Juni.

Adrian Kasnitz: Kalendarium #1

Kalendarium ist ein poetisches Langzeit-Projekt von Adrian Kasnitz. Es beschreibt 365 Tage in 365 Gedichten. Das ganze poetische Jahr erscheint nach und nach in zwölf Monatsbüchern. Der erste Band Kalendarium #1 erscheint jetzt. In den kommenden Jahren werden zwölf Bände das Kalendarium in loser Folge komplettieren, die schließlich in einem Schuber aufbewahrt werden können. Jeder Band ist teilweise farbig illustriert. Die Umschlaggestaltung übernimmt übrigens das Kölner Grafik-Büro kikkerbillen.

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01.01. / [Beginn]

     

An diesem Tag fühl ich mich wie mit Maske

ein kühles Tuch liegt auf dem Gesicht

                  weder die Schmerzen weichen

noch das Neue sehe ich, sehne mich nackt

vor dem neuen Jahr zu stehen und es wie eine

weiße Wand zu betrachten

                           nimm du einen Stift

beginne, auf mir zu schreiben, Wörter

an mich zu heften, Vorsätze durchzudeklinieren

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Adrian Kasnitz, geb. 1974 an der Ostsee, aufgewachsen in den westfälischen Bergen, lebt in Köln. Zuletzt erschienen von ihm die Gedichtbände Sag Bonjour aus Prinzip (Corvinus Presse 2013) und Schrumpfende Städte (Luxbooks 2011) sowie der Roman Wodka und Oliven (Ch. Schroer 2012).

Adrian Kasnitz: Kalendarium #1. Gedichte, 44 Seiten, Preis: 9,- € (bis zum 30.11.15, danach: 10,- €)

Vorbestellungen zum Subskriptionspreis für die Einzelbände (à 9,- €) und für den kompletten 12-teiligen Schuber (100,- €) können jetzt (bis zum 30.11.2015) im Buchladen aufgegeben werden. Auch kann die 12-teilige Reihe abonniert werden (Preis je Band: 9,80).

Kalendarium #1 Cover