Wieder Herrin werden

Auf dem Kulturgeschwaetz-Blog schreibt Katharina Herrmann über vier Bücher, die das Leben mit Krankheiten thematisieren, auch über Gedichte der Angst. Darin sagt sie: „Auch Mira Mann verwendet die Krankheit, von der sie sich plötzlich betroffen weiß, nicht als Metapher, schreibt ihr keine Bedeutung zu, die sie nicht hat. Sondern sie versucht (…) wieder Herrin über ihr Leben zu werden, indem sie es schreibend zu tragen versucht.

cover frau mann

 

Kinga Tóth: Party

„In diesem kleinen Horrorbuch habe ich über viele Tabus in meinem Land geschrieben: über die Probleme von Queers, über Rassismus. All das, worüber man nicht sprechen kann oder soll. Problematisch ist aber auch, dass man in Ungarn derzeit nicht genau weiß, wann man ein Tabu angreift, weil die Regeln sich immer verändern – wie in meinem Buch. Party handelt von einer Welt, in der die Regeln sich immer wieder verschieben und man nie weiß, ob man der Spielleiter oder nur ein Mitspieler, Gewinner oder Verlierer ist“, schreibt Kinga Tóth über ihr neues Buch.

Die illustrierte Sammlung basiert auf Kinderreimen, die Kinga Tóth sich aneignet, indem sie sie verzerrt und verkehrt. Ein wiederkehrendes Element darin ist der Bezug zur Tierwelt, vor allem zu Nutztieren der Landwirtschaft. Im Zusammenhang mit den übergreifenden Themen Gewalt und Macht im Spiel, die Party insgesamt durchdringen, wird aus dem Schwein ein Symbol gesellschaftlicher Strukturen. Die landwirtschaftliche Tradition zählt neben der christlichen zu den wichtigsten Grundfesten der nationalen und kulturellen Identität Ungarns. Heute erfolgt ihre Repräsentation häufig im Sinne einer Romantisierung: das Land als Idyll, Zuflucht und Kern eines bodenständigen, autonomen Daseins. Gegenwärtig schlägt aber die wirtschaftliche Notlage der ungarischen Nation vor allem in den ländlichen Gegenden zu Buche. Fremdenhass, insbesondere der Antiziganismus, und ein Traditionalismus, der zum Nationalismus tendiert, florieren.
Kinga Tóth: Party. Gedichte und Zeichnungen, 60 S., Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar
Cover Tóth Party
Kinga Tóth, geb. 1983, lebt in Ungarn und Deutschland. Sie ist Sprachwissenschaftlerin, (Klang-)Poet-Illustratorin und Kulturmanagerin. Ihre Texte inszeniert sie als Performance und mit Installationen. Preise und Stipendien: Iowa Writer Academy, LCB, Bosch-Wimmelforschung, Solitude Akademie, Havirov, Visegrad-Bratislava, Eduard-Rosenthal-Stipendium, GEDOK, Hazai-Attila-Preis für Literatur. Zu ihren Publikationen zählen Gedichtbände (auf Ungarisch, Deutsch und Englisch) mit Illustrationen: Zsúr (Party, Prae, 2013), ALL MACHINE/Allmaschine (Akademie Schloss Solitude, Magvet), Village 024 (Melting Books), Mondgesichter (Magvet, 2017), Flugschrift-Sprachbau (2018). In der parasitenpresse erschien Wir bauen eine Stadt (2016). Zur Zeit ist sie Stadtschreiberin in Graz und arbeitet an neuen Text-Klangprojekten.