Eine klare ästhetische Linie

„Gesänge zum Austreiben lautet der Untertitel des Buchs, aber wer wen austreibt, bleibt offen“, schreibt Jana Volkmann über Lydia Haiders Wort des lebendigen Rottens im aktuellen Freitag und stellt stellt Zusammenhänge zum Bachmann-Wettbewerb und den Texten von Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard und Nora Gomringer her. Und weiter: „Auch, wer adressiert wird. Ein ‚du‘ gibt es, in der Regel wird es beschimpft: ‚du Haufen Faschiertes auf zwei Beinen‘, ‚du Nachbeter‘, ‚du fade Sau‘. Dass die Bezüge mitunter schwer herzustellen sind, ist keiner dichterischen Unsauberkeit geschuldet. Lydia Haider setzt sich in ihrem Werk intensiv und kritisch mit der Sprache selbst auseinander. Ihre Texte klingen roh und unmittelbar performativ, und der heilige Ernst dieser Sprache wird mit verschiedenen Slangs, Jargons und dialektalen Einsprengseln kontrastiert. ‚Die Schrift hat gesprochen, Ende Gelände‘, heißt es in einem der Gesänge. Das poetologische Konzept dahinter ist wohldurchdacht, von ihrem ersten Buch bis zum jetzt erschienenen Lyrikband zeichnet sich eine klare ästhetische Linie ab.

Cover Haider

Lydia Haider: Wort des lebendigen Rottens

Lydia Haiders erster Lyrikband Wort des lebendigen Rottens setzt sich aus 88 ganz unterschiedlichen Gesängen zusammen. Die Frage „Wer spricht?“ muss für jeden Text neu verhandelt werden – obwohl unerheblich für deren Aussage, denn ob Prediger_in oder das Volk selbst, ob ein „wahrer Gott“ spricht oder doch der Antichrist, macht’s Kraut nicht mehr fett. Es ist bereits fett. Ein Spiegel unseres Seins? 

Haider nimmt die Sprache von Handelnden, Machern, Mächtigen, Tätern und gießt sie über uns aus als einen Wortschwall. Sie zerbröselt die Sätze, die Strukturen, knetet und walkt alles durch, bis sich diese Sprache mit aller Macht gegen die Sprechenden wendet – was oft ein großer böser Spaß ist und manchmal tödlich endet.

Einige Gesänge sind auch vertont – die Musikkapelle gebenedeit hat Texte aufgegriffen und wird sie an Allerheiligen 2020 über ihr Album Missgeburt (Macht eine Messe!) der Weltlichkeit zugänglich machen.

Bei den 44. Tagen der deutschsprachigen Literatur, dem Bachmann-Wettbewerb, wird man Lydia Haider erleben dürfen. Sie nimmt dort auf Einladung von Nora Gomringer teil. Der Wettbewerb findet heuer vom 17.-21. Juni 2020 statt.

Cover Haider

Lydia Haider: Wort des lebendigen Rottens. Gesänge zum Austreiben, 40 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar (Als Sonderdruck kein Teil des Abos)

Lydia Haider, geb. 1985, Schriftstellerin, lebt in Wien. Auch: Chefpredigerin der Musikkapelle gebenedeit. Zuletzt erschienen: Und wie wir hassen!, Anthologie (als Herausgeberin) 2020; Am Ball. Wider erbliche Schwachsinnigkeit, Roman 2019; Wahrlich fuck you du Sau, bist du komplett zugeschissen in deinem Leib drin oder: Zehrung Reiser Rosi. Ein Gesang 2018.

Was wir vorhaben (2020)

Ins Jahr 2020 starten wir mit neuen deutschsprachigen Gedichtbänden von Sünje Lewejohann, Andre Rudolph, Mario Osterland und Lydia Haider, ergänzt um Prosa von Thomas Podhostnik. International wird wieder Dänemark in den Fokus rücken mit Gedichten von Rasmus Nikolajsen, aber auch neue Übersetzungen aus Griechenland, Kanada, Lettland und Spanien entstehen gerade und werden im Laufe des Jahres folgen. Und schließlich werden Kalk und Halle die Alphabete-Reihe mit Städte- und Stadtteilbüchern fortsetzen.

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