Flöz mit Rissen

„In [dem] Feld der geologisch interessierten und auch an ‚Grum‘, ‚Gemäuer‘, ‚Flöz‘,, ‚Schichtmomenten‘ und der ‚Agenda des Rands‘ sich konturierenden Poesie bewegt sich auch der in Dortmund lebende Dichter Arnold Maxwill. Seine Poesie ist nicht an der Ausstellung von Aggregatzuständen eines empfindsamen poetischen Subjekts interessiert, sondern an der Formung einer Gelände-Textur. Seinen Debütband Raumsch hat Maxwill als ein sprachliches Feld von äußerster Verdichtung und schroffster Fügung angelegt“, schreibt Michael Braun in einer ausführlichen Besprechung im Signaturen-Magazin über den Band. „Im ersten Gedicht des Zyklus »Großmarkthalle« wird die strenge Methodik Maxwills besonders deutlich: Seine auf die Erfassung von Naturstoffen, geographischen Objekten, Raumverhältnissen und Flächen-Strukturen konzentrierte Dichtung tastet die Konturen des Gebäudes ab, dessen architektonische Schönheit selbst die Farbe als ein ästhetisches Kraftfeld zur Geltung bringt. Maxwills Gedicht evoziert nur die Linienführung, die Abstände zwischen den Raum-Elementen, die Strukturen des Objekts, die Lichtverhältnisse. Dabei bedient sie sich gerne seltener Vokabeln für die materiellen Eigenschaften und die Eigendynamik der Objekte. Ganz nebenbei entsteht ab der Hälfte des Gedichts ein Klangraum aus Umlauten (’spüren‘, ‚knüstern‘, ‚bröckelnd‘, ‚Rück-stand‘, ‚Schwäre‘), von Lauten also, die, wie die Sprachforscher glauben, bald aus der deutschen Sprache verschwunden sind: ‚…bröckelndes Licht in Fäden: / die Neige verschwingt sich; Rück-/ stand, Schwäre. passgenau Leere'“.

Cover Maxwill

Ruth Lasters: Lichtmesser

Wörter, Lücken und ihre Kombination, das ist es, woraus die flämische Dichterin Ruth Lasters ihre Texte komponiert. „Als man mir erzählte, dass das Alphabet nur 26 Buchstaben besitze, wurde ich argwöhnisch, weil meine Mutter mir doch jeden Abend die Bücher von Roald Dahl vorlas und die Sätze darin jedes Mal ganz anders klangen“, sagte sie selbst einmal. Der Übersetzer Stefan Wieczorek, der ihre Gedichte für den Band Lichtmesser auswählte und ins Deutsche übertrug, meint: „Ihre Gedichte sind häufig Versuchsanordnungen oder Spielanweisungen für performative Inszenierungen, die erst in der Poesie möglich werden.“ Beispielsweise in dem Gedicht Flosse, in dem Punkte eines Stadtplans gesetzt und verbunden werden. Die Koordinaten persönlicher Begegnungen mit Freunden und Bekannten ergeben etwas, das der Form eines Fisches gleicht. Aus allen Texten sprudelt hier die wunderbare Fähigkeit, mit Stift auf Papier Linien zu ziehen und dadurch poetisch-befremdliche Welten entstehen zu lassen.

Ruth Lasters: Lichtmesser. Gedichte aus dem Niederländischen von Stefan Wieczorek, 52 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar

Cover Lasters

Ruth Lasters, geb. 1979 in Antwerpen, ist Dichterin, Romanautorin und Essayistin. 2006 debütierte sie mit dem Roman Poolijs, der mit dem Flämischen Debütpreis ausgezeichnet wurde. Der zweite Roman, Feestelijk Zweet, folgte 2010 und Vlaggenbrief, ihr jüngster Roman, wurde 2014 publiziert. Für ihr Lyrik-Debüt Vouwplannen (2007) erhielt sie den Preis der Zeitschrift Het Liegend Konijn. Ihr zweiter Lyrikband, Lichtmeters, erschien 2015 und wurde mit dem Herman De Coninckprijs ausgezeichnet. Mit dem Gedicht Chicorée aus Lichtmeters gewann sie zudem den Turing-Gedichtwettbewerb.

Stefan Wieczorek, geb. 1971 in Koblenz, ist Übersetzer, Literaturwissenschaftler und Essayist. Er lebt in Aachen, im Dreiländereck Niederlande-Belgien-Deutschland.
Sein Engagement gilt insbesondere der Lyrik aus Flandern und den Niederlanden, siehe auch die gemeinsam mit Christoph Wenzel herausgegebene Anthologie Polderpoesie. Junge Lyrik aus Flandern und den Niederlanden (2016) und den Themenband Bojen & Leuchtfeuer (2016) der Literaturzeitschrift die horen.