Translator’s Choice. Übersetzen als poetische Utopie. Latinale 2021

Translator’s Choice. Übersetzen als poetische Utopie ist der Reader zur 15. Latinale 2021, dem mobilen lateinamerikanischen Poesiefestival aus Berlin. Utopie entsteht dort, wo von einem Topos, von einem Ort zu einem anderen gewechselt, oder der gegebene Ort transmutiert wird. Utopie ist Neu-Belebung und Neu-Bedeutung. Der plötzlich von Vögeln bevölkerte Fenstersims, den Maricela Guerrero in ihrem vorangestellten Grußwort beschreibt, ist eine solche Utopie – oder, besser noch, ein schon existierender Ort, der auf neue Weise wirksam wird und so sein Publikum findet: die Dichterin, die Katze der Dichterin, und womöglich Kinder, die die Vögel (und die Katze) in ihren neuen Begegnungsbereichen beobachten. Das Setting kristallisiert zu einem Begriff – dem der Begegnung – und Guerrero überträgt ihn auf den Gegenstand ihres Textes: das internationale Poesiefestival Latinale, dessen Schlaglicht im Jahr 2021 die Utopie ist. Die Dichterin ist darin geübt zu transformieren, was sie benennt, und so wird die Latinale im Handumdrehen zu einer Plattform, auf der sich Vögel, Fenster und vogelfressende Hausraubtiere zum Feiern zusammenfinden. Gegenstand der Feier: Poesie. Genauere Kennzeichen: Poesie einer komplexen Provenienz. Ausgangsorte: Lateinamerika und die Karibik. Zielorte: Berlin und andere deutsche Städte.

Herausgegeben von Timo Berger, Rike Bolte und Alina Neumeyer versammelt der Band Beiträge von Julio Barco, Tania Favela, Caro García Vautier, Ana Martins Marques, Jamila Medina Ríos, Beatriz Rgb, Jimena González, Milton López, Xitlalitl Rodríguez Mendoza, Carlos Soto Román, Romy Brühwiler und Marcela Guerrero sowie Übersetzungen von José F.A. Oliver, Léonce W. Lupette, Michael Kegler, Nora Zapf, Christian Filips, Birgit Kirberg, Silke Kleemann, Johanna Schwering, Lisa Calmbach, Thomas Schultz und Lisa Spöri.

Die Latinale findet dieses Jahr vom 17.-24. November in Berlin, Osnabrück und Frankfurt statt. Das Programm findet sich hier.

Translator’s Choice. Übersetzen als poetische Utopie. Latinale 2021, hg. v. Timo Berger, Rike Bolte und Alina Neumeyer, dreisprachig Deutsch/Spanisch/Portugiesisch, 168 Seiten, Preis: 15,- € – ab sofort lieferbar

Enrique Winter: Oben das Meer unten der Himmel

Der Gedichtband Oben das Meer unten der Himmel des chilenischen Dichters Enrique Winter vereint Gedichte, die die Vielseitigkeit seines Schreiben ebenso zeigen wie die Kontinuität und Entwicklung bestimmter Themen, Formen und Motive, etwa die polyphone Auseinandersetzung mit der chilenischen und lateinamerikanischen sozialen Wirklichkeit, die Verarbeitung von Familiengeschichte als Weltgeschichte und die bildstarke Auseinandersetzung mit der Natur und vor allem dem Meer als Lebens- und Arbeitsraum.

Lange haben wir auf diesen Band gewartet, der schon an anderer Stelle angekündigt war. Das Übersetzer-Team (Léonce W. Lupette, Sarah Otter und Johanna Schwering) hat für uns noch einmal an der Auswahl gefeilt und den Gedichten den letzten Schliff gegeben, so dass wir uns heute besonders über das Erscheinen freuen.

Enrique Winter wird das Buch gemeinsam mit den Übersetzer/innen in der Berliner Buchhandlung Andenbuch vorstellen (31.5., 19h) und beim Poesiefestival Berlin (26.5., Poets‘ Corner, Instituto Cervantes, 19 Uhr), in Köln (5.6.) und Hamburg (7.6.) lesen.

Enrique Winter: Oben das Meer unten der Himmel. Gedichte aus dem chilenischen Spanisch von Léonce W. Lupette, Sarah Otter und Johanna Schwering, 86 S., 12,- € – ist ab sofort lieferbar

Cover Winter

Enrique Winter, geboren 1982 in Santiago de Chile, lebt in der Hafenstadt Valparaíso, war als Verleger der Ediciones del Temple sowie als Anwalt tätig und absolvierte einen Master in Kreativem Schreiben an der New York University. Seine Gedichte und Videos umfassen mehr als hundert Publikationen in sechs Sprachen. Gemeinsam mit dem Bassisten Gonzalo Planet hat Enrique Winter als „winterplanet“ Gedichte mit musikalischer Begleitung vertont (Agua en polvo, 2012). Zuletzt erschienen sein vierter Gedichtband Lengua de señas (2015), sein erster Roman Las bolsas de basura (2015) sowie Übersetzungen von Charles Bernstein, Emily Dickinson, G.K. Chesterton und Philip Larkin. Den Sommer 2017 hat Winter als Gast der Sylt Foundation in Deutschland verbracht. Derzeit lehrt er im Rahmen einer Autorenresidenz an der Universidad de los Andes in Bogotá und arbeitet an seinem zweiten Roman.

Vorschau: Lateinamerika

Die kommenden Wochen stehen ganz im Zeichen von Lateinamerika. Neben dem lang erwarteten Gedichtband Oben das Meer unten der Himmel des chilenischen Dichters Enrique Winter, den Léonce W. Lupette, Sarah Otter und Johanna Schwering übersetzt haben, der im Mai erscheinen wird, folgt im Juni der Band Klagelieder im Gepäck von Rafael Cadenas aus Venezuela in der Übersetzung von Geraldine Gutierréz-Wienken und Marcus Roloff. Bereits erschienen ist der Bildband Die Armutslehre der Bohne mit Fotos aus Chile von Manuel Araneda. Enrique Winter wird im Mai und Juni in Deutschland auf Tour sein mit einer Release-Lesung in der Buchhandlung Andenbuch in Berlin-Kreuzberg am 31. Mai und weiteren Terminen in Hamburg, Köln und Heidelberg. Klagelieder im Gepäck stellen wir am 6. Juni in der Buchhandlung artes liberales in Heidelberg vor.

Argentinisches Bücherpaket

Heute beginnen wir wieder mit unseren beliebten, vorweihnachtlichen Bücherpaketen. Den Aufschlag machen zwei Titel mit Argentinien-Bezug. In der lateinamerikanischen Reihe Barra de poesía erschien im Oktober der Band Füllhorn von José Villa aus Buenos Aires in der Übersetzung von Léonce W. Lupette. Im September starteten wir mit Señoritas eine neue Booklet-Reihe, die Text und Kunst zusammenbringt. Dort steht das Bild Señoritas des argentinischen Künstlers Gastón Liberto im Mittelpunkt. Dazu haben Christian Ingenlath und Kathrin Schadt Gedichte geschrieben. Das Ganze ist zwar in Barcelona angesiedelt, ist aber wiederum von der argentinischen Autorin Esther Andradi ins Spanische übersetzt. Beide Titel zusammen gibt es bei uns für 15,- €.

 

José Villa: Füllhorn

„Wahrnehmung, Zeit, Erinnerung – das sind die Themen dieser Gedichte. Und zwar nicht die Zeit, wie man sie auf den ersten Blick von einem Füllhorn erwarten könnte: Hier geht es nicht um Herbst und Ernte, um den Zyklus der Fruchtbarkeit und die Feier der Fülle. Zwar wird die Göttin Copia, als Allegorie der Fülle mit dem Cornucopia genannten Füllhorn dargestellt; sie ist damit aber auch Personifikation des Übermaßes und der .berfülle. Denn das Füllhorn ist vor allem eine Referenz auf die Bewegung zwischen dionysischem Exzess und dem darauf folgenden Absterben, auf den niemals endenden Übergang zwischen Exzess und Vergänglichkeit. Und diese Texte wimmeln vor Übergängen aller Art: metaphorischen, lexikalischen, visuellen, rhythmischen, zeitlichen“, schreibt der Übersetzer Léonce W. Lupette im Nachwort zum Gedicht-Zyklus Füllhorn von José Villa. Füllhorn erscheint heute in unserer Reihe Barra de Poesía – Lyrik aus Lateinamerika.

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TRAUBEN

Skizziert ein Chronogramm in seinem Kopf. Die Trauben erscheinen.

Hoch. Der Mann betrachtet sie. In abrupten Intervallen. Wie

abgebracht von seinem Weg: rote Fadenlinien

mit Nummern; Streichungen; Zeichen die sie ändern.

Die lauen Trauben. Zwischen Tageslichtern.

Unwirklich. Der Gedanke der Trauben setzt im nächsten Monat nicht an.

Gläsern. Blaues Samtfutter deckt sie.

Sie scheinen zu kreisen. Mit melodischer Natürlichkeit die ihre Form

zurückgewinnt. Um sich herum erwecken sie bloße Kehrseiten.

Benommene Punkte.

*

DER AUTOR

José Villa (geb. 1966 in Martín Coronado, Provinz Buenos Aires) ist ein argentinischer Lyriker und Vertreter der generación del 90. Er war Herausgeber der legendären Zeitschrift 18 Whiskys sowie Teil des Verlags Ediciones DelDiego. Veröffentlichungen: 8 Poemas (DelDiego, Buenos Aires 1998), Poemas largos (Ediciones 73, Bariloche 2005), Es un campo (Selecciones de Amadeo Mandarino, Buenos Aires 2006) und Camino de Vacas (Gog y Magog, Buenos Aires 2007).

DER ÜBERSETZER

Léonce W. Lupette, freier Autor, Übersetzer und Herausgeber zwischen Göttingen und Buenos Aires. Lyrik: Tablettenzoo (Luxbooks 2013). Übersetzung: John Berryman: 77 Dream Songs (Luxbooks 2015). www.karawa.net

José Villa: Füllhorn. Gedichte aus dem Spanischen und mit einem Nachwort von Léonce W. Lupette, 16 Seiten, 7,- € (Barra de Poesía Nr. 04)