Es knistert und raschelt

„Diesem Lyriker gelingt es in phantastischer Weise unsichtbare Bewegungen, die über das Erfahrbare hinausgehen, transparent zu machen, damit sie in unserer Phantasie aufleuchten können. Für mich ist das ein ganz wichtiger Anspruch, den ich an gute Lyrik stelle. In grandioser Weise wird Krišjānis Zeļģis diesem Anspruch gerecht. Es knistert und raschelt in seinen Gedichten, es tobt und jongliert, hinter, über und unter den Zeilen“, schreibt Kerstin Fischer über Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis auf ihrem Lyrikblog Lyrikatelier Fischerhaus.

Und weiter: „Der Dichter und Schriftsteller Adrian Kasnitz hat aus dem Lettischen ins Deutsche übertragen. Man muss des Lettischen nicht mächtig sein, um zu erspüren, dass hier eine sehr feine, einfühlsame Übersetzung vorliegt.“

Exzellente Gedichte aus dem dämmrigen Lettland

„Es sind traurige Gedichte, die von Einsamkeit und Entfremdung künden, aber gleichzeitig und oft grotesk-komisch sind. Das gelingt Zeļģis auch durch seine wunderbar lakonischen Darstellungen der Menschen, mit denen er es zu tun hat“, schreibt Matthias Ehlers in seiner Besprechung von Krišjānis Zeļģis‘ Gedichtband bei WDR5 Bücher, wo auch das Gedicht Ich habe auf den Wal gewartet ausgestrahlt wurde. „Wilde Tiere birgt eine großartige Sammlung exzellenter Gedichte, die jedes für sich eine kleine, einzigartige Geschichte aus dem dämmrigen Lettland des Krišjānis Zeļģis erzählen. Diesen Band sollte man jederzeit zur Hand haben – auch wenn man wissen will, wie man wilden Tieren hierzulande poetisch begegnet. Ganz feine Lyrik!“

Freizeit und Nichtstun sind mir wichtig

„Die Wildheit der Gedichte des 1985 geborenen Krišjānis Zeļģis, der nach allerhand Berufs- und Auslandserfahrungen inzwischen als Bierbrauer in Riga lebt, ist vielleicht ihrem scharfen, unparteiischen Blick geschuldet. Menschen haben Probleme, werden aus ihren Wohnungen geworfen, der Strom ist abgestellt, und das Eisfach taut auf: ‚mir ist kalt / kauf Suppe / Schatz‘. Menschen schnorren sich durch WGs, stehlen Essen, klauen Geld, „und die Fischschuppen in meinem Portemonnaie stehen für Wohlstand“. In einem Text verfolgt das lyrische Ich in einem Zug die Diebin seiner Schuhe und schlägt sie: ‚das Blut tropft aus ihrer Nase auf ihren Rock / Entschuldigung sage ich‘, nur um anschließend festzustellen, dass ihm inzwischen sämtliche Fischkonserven geklaut worden sind: ’niemand hat was gesehen / niemand / hat was gesehen‘.

Man hört diese Worte förmlich ausgesprochen, lakonisch, doch mit unterdrückter Wut, sie zwingen die Leser zu einer Positionierung. Zeļģis setzt Wiederholungen geschickt ein, ihre Rhetorik, der ständige Dialog, ist eine Stärke der Gedichte: ‚mir ist Freizeit wichtig und Nichtstun / Freizeit und Nichtstun sind mir wichtig'“, schreibt Patrick Wilden über Wilde Tiere bei Fixpoetry.

Und weiter: „Wer die lakonischen, von einer spannungsreichen Menschlichkeit durchzogenen Texte von Adrian Kasnitz kennt, der seine ersten Lebensjahre an der Ostsee nicht weit von Zeļģis’ Heimat verbracht hat, erkennt bald, daß Autor und Nachdichter im Band Wilde Tiere schier idealtypisch zusammengefunden haben“.

Festival-Bücherpaket ELK 2020

Wer das 2. Europäisches Literaturfestival in Köln-Kalk verpasst hat oder alle Texte noch einmal nachlesen möchte, dem sei das Festival-Bücherpaket empfohlen. Darin enthalten sind Abecedar von Pablo Jofré, was sollen wir mit all der schönheit? von Rasmus Nikolajsen, Wellenlängen deines Liedes von Eleonore Schönmaier, Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis, die Anthologie Was es bedeuten soll mit Texten von Zahava Khalfa, In Frauenkleidung von Zoltán Lesi (erschienen bei mosaik), die neuste Ausgabe der KLiteratur mit Texten von Željana Vukanac, das Kalk Alphabet und der Festival-Reader mit Autorenportraits und Texten aller Autor*innen (inkl. Margarita Athanasiou). Das Paket gibt es zum Preis von 85,- € (Lieferung in D frei haus) und kann nur hier in unserem Buchladen bestellt werden.

Vorfreude-Bücherpaket

Ihr könnt auch vor Hitze nicht mehr denken und wünscht euch schon den September herbei? Und freut euch bereits auf unser Europäisches Literaturfestival in Köln? Zur Abkühlung liefern wir zwar kein Eis, aber das Vorfreude-Bücherpaket mit den vier bislang erschienenen Büchern zum Festival (Ende August werden es mehr). Es sind Bücher von Pablo Jofré, Rasmus Nikolajsen und Krišjānis Zeļģis sowie die Anthologie Was es bedeuten soll mit Texten von Zahava Khalfa. Zusammen für 48,- €. Dazu legen wir eine parasitäre Tasche. Bestellung im Online-Shop.

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2. Europäisches Literaturfestival Köln Kalk

Zum 2. Mal findet vom 4. bis 6 September 2020 das Europäische Literaturfestival Köln Kalk (ELK) statt. Das ELK2 ist eine Kooperationsveranstaltung des Integrationshaus e.V., der KLiteratur, des KUNTS e.V. und der parasitenpresse.

Acht internationale Dichter*innen aus Europa und darüber hinaus kommen an einem langen Wochenende nach Köln Kalk.
Lesen werden im Hauptprogramm: Margarita Athanasiou (Griechenland), Pablo Jofré (Chile), Zahava Khalfa (Israel), Zoltán Lesi (Ungarn), Rasmus Nikolajsen (Dänemark), Eleonore Schönmaier (Kanada), Željana Vukanac (Serbien) und Krišjānis Zeļģis (Lettland)

Grober Ablaufplan

Freitag, 4.9., 18 Uhr: Auftaktveranstaltung mit allen Autor*innen auf dem Ottmar-Pohl-Platz (Open Air)

Samstag, 5.9., 12 bis 22 Uhr: Europa liest – Lesungen mit allen Autor*innen und Nebenprogramm auf dem Ottmar-Pohl-Platz und in der Pflanzstelle Kalk (Open Air)

Sonntag, 6.9., 10 bis 16 Uhr: Kater, Kultur & Kalk Alphabet – Lesungen und Musik mit den ELK Alumni, den Teilnehmer*innen des ELK Schreibworkshops und den Autor*innen des Kalk Alphabets auf dem Ottmar-Pohl-Platz (Open Air)

Lesungen auf Griechisch, Spanisch, Hebräisch, Ungarisch, Dänisch, Englisch, Serbokroatisch und Lettisch und in deutscher Übersetzung.

Zu allen Veranstaltungen ist der Eintritt frei!

Weitere Infos: www.eulit.org

ELK2 Teaser

Krišjānis Zeļģis: Wilde Tiere

Nüchtern, fast unterkühlt beobachtet und notiert der lettische Dichter Krišjānis Zeļģis Alltag und Leben in seinem Gedichtband Wilde Tiere. Manchmal so akribisch, dass man den Eindruck hat, er steht neben sich selbst, beobachtet und beschreibt, was gerade mit ihm und den Personen um ihn herum passiert, zum Beispiel einem Paar beim Ausflug an den See. Bei Familienfeiern, Treffen mit alten Freunden, zufälligen Begegnungen bei Bus- und Bahnfahrten stellt sich schnell ein Gefühl der Entfremdung ein, „ich fürchte ich kenne diese Leute nicht“. Im Kapitel „die Fachmänner“ werden Menschen und ihre Berufe fast wie Tiere im Zoo präsentiert. Jeder Fachmann wundersamer als der andere. Vertrauter wirken da die wilden Tiere, die uns in der Landschaft begegnen: „in der Nacht kam ein Hund und setzte sich zu uns“. Wenigstens die Tiere könnten unsere Freunde sein, wären die Menschen nicht so bösartig und hockten auf dem „Hochsitz im Wald / wo du alle leichtgläubigen Tiere abknallen kannst“.

Fremdheit, Leere, Trauer sind wiederkehrende Themen der Gedichte. Längst Verdrängtes poppt ungefragt auf, wenn der Gesang eines „bös verschlagenen Vogels“ plötzlich daran erinnert, dass der Bruder im See ertrunken ist. Auch an einem wohl vertrauten Ort kann sich die Abwesenheit von Dingen wie ein schwarzes Loch auftun und alles verschlingen, wie im folgenden Gedicht aus dem Band.

nach der Uni wirst du in deinen Heimatort zurückkehren
wo du wieder allein sein wirst
die einzigen Leute die du in dieser Stadt kennst
sind die rassistischen Idioten aus der weiterführenden Schule
und deine Eltern

der Rest der Leute
die du liebst
die du vermisst
leben jetzt im Ausland
oder sind tot
oder haben dich betrogen

du lügst wenn du sagst dass du ein fröhlicher Mensch bist
Traurigkeit steht dir viel besser
es gibt niemand in der Nähe der dich umarmen könnte
zwischen uns das blöde Internet
sprachlos schaue ich in deine braunen kummervollen Augen
und tue nichts

 

Krišjānis Zeļģis: Wilde Tiere. Gedichte aus dem Lettischen von Adrian Kasnitz, 78 S., Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Cover Zelgis

Krišjānis Zeļģis, geb. 1985, lebt in Riga. Er hat Bibliothekswissenschaft und Geographie studiert und im Weinbau in Frankreich, beim Bau in Mexiko, als Bibliothekar und Bäcker gearbeitet und ist nun Bierbrauer. Als Dichter hat er mehrere Bücher veröffentlicht, Zvēri (Wilde Tiere) erschien 2016 bei Neputns in Riga. In diesem Jahr folgt sein neuer Band Skaistuma Klātbūtne (Die Anwesenheit von Schönheit). Seine Texte wurden in viele Sprachen übersetzt. Oft arbeitet er mit anderen Künstler*innen aus den Bereichen Musik und Kunst zusammen, zuletzt wurden seine Texte als Tanzperformance für das Lettische Nationaltheater bearbeitet.

Adrian Kasnitz, geb. an der Ostsee, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Köln. Für die parasitenpresse übertrug er u.a. Gedichte aus dem Griechischen Kleine Tiere zum Schlachten und aus dem Hebräischen Was es bedeuten soll. Als Dichter veröffentlichte er zuletzt: Kalendarium #1 bis #6 (2015-2020).