Die Welt da draußen wartet nicht

Den Gedichtband wenn ich asche bin, lerne ich kanji von Kathrin Niemela bespricht Antje Weber in der Süddeutschen Zeitung (31.3.22): „‚Die welt da draußen wartet / nicht auf wörter – wartet auf wandel‘, schrieb Kathrin Niemela im September 2017 im Café La Poesía in Buenos Aires – ob in ein Notizbuch, ob in ihr Handy oder ein Laptop, wir wissen es nicht. Sicher ist nur, dass die Zeilen nun auf Seite 50 im ersten Gedichtband der Autorin abgedruckt sind. Sicher ist auch, dass die Welt inzwischen nicht gerade ungeduldig, sondern eher beklommen auf weiteren Wandel wartet. Auf Wörter wartet sie vielleicht auch nicht, doch es ist gut, dass sie da sind – auch die von Kathrin Niemela, die im letzten Vers jenes Gedichts mit dem Titel ‚Café La Poesía‘ schreibt: ‚ich kratze frei, was ich verscharren will‘.“ Und weiter: „Die Texte sind inhaltlich und atmosphärisch an die Orte ihres Entstehens angedockt, wie im Gedicht ‚Bad in Shibuya‘, das die titelgebende Zeile enthält und unter anderem auf ‚Kanji‘ als japanische Schriftzeichen verweist. Doch die Gedanken des lyrischen Ichs mäandern stets weiter. Immer wieder geht es um dessen eigene Verortung in der Welt – ‚ich schneide mich am sein‘. Oder, gerne sprachspielerisch, um die Liebe: ‚dazwischen wir, irgendwo lieben geblieben‘, im weltweiten digitalen Raum. Der wird häufig mitthematisiert; wir ’scrollten am sommer‘ oder ‚posten hygge‘, liest man etwa in dem Zyklus ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘.“ Die ganze Besprechung findet sich hier.

Bungee-Jumping mit Sprache

Die beiden Gedichtbände wenn ich asche bin, lerne ich kanji von Kathrin Niemela und als ich noch ein tier war von Sünje Lewejohann bespricht Hellmuth Opitz in einer Doppelbesprechung auf dasgedichtblog. „Bei Kathrin Niemela geht es aber gar nicht um Entzifferung, es geht auch nicht um Kanji, es geht um Inspiration. Allein, dass so ein faszinierendes Schriftbild den Wunsch in der Poetin weckt, in das Labyrinth dieses vielschichtigen Zeichensystems einzutauchen, zeigt, welche ungeheure Neugier, welcher Welthunger in den Gedichten von Kathrin Niemela steckt. Unterwegs sein, ist der Normalzustand bei ihr, ob tatsächlich auf Reisen zwischen Aufbruch und Ankunft oder im Kopf zwischen Geistes- oder Gefühlszuständen oder gar beim Klicken durchs Netz: Nichts entgeht diesem genauen Blick, der quasi im Vorbeigleiten seine Wahrnehmung schärft. (…) Kopfüber mitten in die Sprache, so kann man einen Gedichtband auch beginnen. Allein schon diese 20 Gedichte [des ersten Kapitels] beglaubigen die sprachliche Virtuosität von Kathrin Niemela und sind mit ihrem Anspielungsreichtum ein wahrer Fundus für Poesie-Aficionados.“

Und weiter: „Gerade mal knappe zwei Jahre ist es her, dass Sünje Lewejohann einen Gedichtband mit dem schönen Titel die idiotische wucht deiner wimpern vorlegte – einen sehr erfolgreichen Band mit radikalen, rasanten, sinnlichen Liebesgedichten, die einen Ton anschlugen, den man so noch nicht gehört hatte. Und jetzt kommt schon ein neuer Band: als ich noch ein tier war, heißt er und auch hier geht es um Sinnlichkeit. Aber nicht nur in Sachen offensiver Liebesgedichte, sondern auch im Hinblick auf den Titel um eine Art Rückbesinnung auf Instinkte und geschärfte Sinne, wie sie eben Tieren zugeschrieben werden. (…) Man bewegt sich durch die Gedichte von Sünje Lewejohann wie durch einen Dschungel, immer ist da das Gefühl, da lauern unberechenbare Bilder, da springt einen hinter dem nächsten Zeilenumbruch etwas Gefährliches an. Es ist eine Unbedingtheit in diesen Gedichten, die bis zur Aufgabe des Ichs reicht. ‚reinige mich aus deinem körper‘, so heißt ein Gedicht, ein anderes beginnt mit dem Vers: ‚dann lösch mich doch aus.‘ (…) als ich noch ein tier war – das sind Liebesgedichte von einer wilden, ungebändigten Zärtlichkeit, fordernd, offensiv, dunkel und sexy zugleich. Schön wie ein Kuss mit rauen, aufgesprungenen Lippen, die nach Holunder schmecken.“

Kathrin Niemela: wenn ich asche bin, lerne ich kanji

Was passiert mit uns, wenn wir unterwegs sind, was setzt es frei? Und was, wenn wir fremd sind? Worin gründen Wurzeln? wenn ich asche bin, lerne ich kanji von Kathrin Niemela beschäftigt sich in fünf Kapiteln mit dem Reisen und dem Fremdsein: in der Liebe, in Paris, in der Welt, im Leben und Sterben, in der Herkunft. Es erzählt von (Ab)Gründen und Höhenflügen, vom Suchen und Ausgesetztsein, vom Großen im Kleinen und vom Kleinen im Großen, von Momenten der Betörung, Verstörung, Zerstörung und der Einsamkeit, der digitalen Getriebenheit, der Suche nach Liebe und dem Scheitern.

Kathrin Niemela ist eine vielreisende Lyrikerin. Schlägt man ihren Debütband auf, wird man nicht nur nach Südamerika und Asien geschickt, um die Dichterin bei ihren oft gesellschaftskritischen Beobachtungen zu begleiten, sondern auch in die Bilderwelt einer Autorin, deren poetische Wortschöpfungen durchaus auch für Semiotik- und Archetypenforscher interessant sein könnten. Der den Bandtitel gebende Satz „wenn ich asche bin, lerne ich kanji“ stammt aus dem Gedicht bad in shibuya, das geradezu ein Paradebeispiel für Niemelas Schreiben ist: urbane, vor Werbung für Weltmarken überbordende Welten prallen mit Menschenmassen und Anonymität zusammen, und mittendrin das lyrische Ich, das das Mysterium unseres Daseins nicht nur beschreiben, sondern auch verstehen will. Niemela schreibt im besagten Gedicht aus Japan: „(…) ich bin kein roboter, / wähle alle bilder mit brücken – hantle mich an mangas / entlang, acht stunden neben der zeit – das waka bricht / silben in splitter – ich schneide mich am sein“.

Kathrin Niemela liest am 14. Oktober bei Literatur im Lindley, am 21. Oktober bei der Parasites‘ Night und am 22. Oktober bei unserer Buchmessen-Lesung im Yok Yok, alles in Frankfurt.

Kathrin Niemela: wenn ich asche bin, lerne ich kanji. Gedichte, mit einem Nachwort von Artur Becker, 88 Seiten. Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Kathrin Niemela, geboren 1973 in Regensburg, lebt in Passau und Regensburg und ist unterwegs als Lyrikerin und Markenbotschafterin. Sie studierte Betriebswirtschaft in Regensburg und Paris. Bisher erschienen ihre Gedichte in Anthologien und Literaturzeitschriften. wenn ich asche bin, lerne ich kanji ist ihr erster Lyrikband. Zuletzt ist sie mit dem Jurypreis beim Irseer Pegasus für den im Band enthaltenen Zyklus die süße unterm marmeladenschimmel ausgezeichnet worden.