Lyrische Kostbarkeiten

„‚Passt Poesie in unsere Zeit?‘ (…) Adrian Kasnitz, Verfasser des Kalendarium #7, hat sich vermutlich wenig um diese Überlegungen geschert, und das ist absolut zu begrüßen. Der Autor widmet sich in seinem Langzeitprojekt, dem monatlichen Kalendarium, und hält im Inneren lyrische Kostbarkeiten bereit. Bild- und facettenreich entsteht vor uns ein Kosmos an realen und fiktiven Elementen: ‚Ein Tropfen Milch echote auf der Herdplatte und wir summten das Lied aus dem Radio nach‘ (16.07.), und fordert unsere Vorstellungskraft heraus: ‚Am Morgen setzte ich meine alte sowjetische Kamera auf den Kopf und schoss Fotos ohne einen Film‘. Kasnitz‘ Poesie passt wunderbar in unsere (von Corona-Gespenstern geplagte) Zeit, überdauert diese mitunter, sie evoziert Imaginationen in uns, die eine andere Aufmerksamkeitsspanne erfordern als beim täglichen Wischen über spiegelglatte Smartphones. Beim Eintauchen in seine lyrischen Miniaturen verlangsamte sich mein Tempo. Der Puls kehrte in den Normalstatus zurück. Seine Sprachspielereien, ‚Fenster und Schatten, Beweise für Schatten/fürs Chatten gibt es nicht‘ (29.07). – enthalten Analogien, die, metaphorisch aufgeladen, zum Fabulieren einladen, zum Weiterspinnen, und die zum Teil als Hommage für Literaten/Literatinnen wie Durs Grünbein, Friederike Mayröcker, Peter Waterhouse und andere gelesen werden können. Kalendarium #7 – ein Geschenk, welches ich dem Autor verdanke“, schreibt Cornelia Stahl in einer Besprechung in etcetera (85/2021, St. Pölten).

Thomas Podhostnik: Frame

Im Zentrum von Frame steht ein junger Kameramann, den die eingefangenen Bilder einer Unglücksnacht nicht mehr loslassen. Es ist eine Art innerer Bilderwald, in dem er nach Orientierung und einem Ausweg sucht. Aufnahmen werden zu Erinnerungen und umgekehrt. Blicke und Gegenblicke bestimmen die Motiv- und Gedankenwelt. Totes und Lebendes stehen sich gleichermaßen als Subjekt und Objekt gegenüber und beobachten einander. Die Szenen führen den Kameramann immer wieder auch zu Erinnerungsbildern aus seiner Kindheit und seiner Jugend. Verhandelt werden in dem neuen Mikro-Roman von Thomas Podhostnik auch soziale Fragen und Geschlechterverhältnisse: Wem gehören die Bilder, wem gehört die Kamera, wem gehören die Motive? Welche Erniedrigung erfährt das Motiv durch den Blick des Kameramanns und wie sehr erniedrigt sich der Kameramann beim Blick durch den Sucher? Unter welchen Konditionen veräußert der Kameramann sein Auge? Nicht nur die Rolle des Kameramanns erscheint zunehmend fragwürdig, auch der Mensch als bestimmendes Subjekt hinter der Kamera. 

Im Sommer 2022 jährt sich das Flugzeugunglück von Überlingen, bei dem eine russische Passagier- und eine deutsche Frachtmaschine kollidierten. Im Juli 2002 war der Autor Teil eines Kamerateams und musste in der Nacht zur Absturzstelle eines Flugzeugunglücks. Auf der Fahrt dorthin wusste er noch nicht, dass es sich dabei um den folgenschwersten Flugunfall in der Geschichte der Bundesrepublik gehandelt hat.

Thomas Podhostnik liest am 9.9. in Köln (Paratexte, Traumathek), am 13.10. in Berlin (Volksbühne), am 20.10. in Leipzig (Westflügel), am 21.10. in Frankfurt (Parasites‘ Night, Hotel Lindley) und am 6.11. in Dresden (Hole of Fame).

Thomas Podhostnik: Frame. Mikro-Roman, 94 Seiten, Preis: 12,- € (paradosis Bd. 17) – ab sofort lieferbar

Thomas Podhostnik wurde 1972 in Radolfzell am Bodensee als Sohn jugoslawischer Gastarbeiter geboren. Er machte eine Lehre zum Speditionskaufmann, dann eine Ausbildung zum Regieassistenten am Teatro Nacional de Cuba. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

Thomas Podhostnik verfasst Prosa und experimentelle Prosa, die in Einzeltiteln, Anthologien und Literaturzeit- schriften veröffentlicht wurden. Er lebt in Leipzig. In der parasitenpresse erschienen zuletzt von ihm der Prosaband Unter Steinen (2020) und die Übersetzung ins Russische Под камнями (2021).

Manuel Araneda: Die Armutslehre der Bohne

Der chilenische Dichter und Fotograf Manuel Araneda (Jg. 1986) ist mit seiner Kamera in den Straßen von Santiago de Chile unterwegs und dokumentiert die sichtbare Seite von Armut und das Leben auf der Straße. Seine Bilder zeigen Kinder und Alte, Männer wie Frauen – alle, die nicht nur von einem persönlichen Schicksal gezeichnet sind, sondern die manchmal latent, manchmal sehr offensichtlich als Opfer von historischen und aktuellen Machtstrukturen zu erkennen sind. „Die Porträtierten sind nicht allein“, schreibt Araneda im Begleittext, „da sind ganze Generationen in ihren Blicken.“ Der Titel der Fotos rekurriert auf ein Gedicht des chilenischen Dichters Pablo de Rokha, in dem er von „Rotología“, der Armutslehre der „betrogenen Nation“ spricht.

Adrian Kasnitz, der Herausgeber des Bandes, traf den Fotografen auf einer Buchmesse in Santiago, auf der er von seinen Fotos und dem anderen Blick auf Chile erzählte. Aus der zufälligen Begegnung wurde ein Austausch über Fotografie und Poesie, der in diesem Fotobuch mündet.

Manuel Araneda: Die Armutslehre der Bohne. Fotos aus Chile, 44 Seiten (38 Fotos, schwarzweiß und farbig; Begleittext auf Deutsch, Spanisch und Englisch; Texto en español; Text in English), Preis: 10,- €

Cover Araneda

Manuel Araneda, geb. 1986, lebt als Fotograf, Dichter und Psychotherapeut in Santiago de Chile.

(Hinweis für Abonnenten: Als Sonderdruck ist dieses Fotobuch kein Bestandteil von Abos.)