Knochenfauteuil

„’Unkalkulierte Attraktion von Farben‘ lautet eine Textstelle. In etwa so bieten sich die 365 vorhergesagten Gedichte von Álvaro Seiça / Mathias Traxler an. Wer übersetzt hier eigentlich wen? Traxler setzt die gängigen (kanonischen) Tradierungen außer Kraft, indem er zusammen mit dem portugiesischen Lyriker Seiça diesen Text in mehrere Spuren erweitert, verschiedene Sprachen hineinorchestriert. Es ist ein auditives Verfahren, das eher an zeitgenössische additional Tracks auf einem Remix-Pult erinnert. Traxler fügt den Gedichten hinzu, was sich wohl instrumentartig angeboten hat. Er verwischt, klärt auf, findet neue Bezüge. Auf u.a. Bandcamp kann man die auditorischen Impulse nachhören, im Band selbst – in der Kölner Parasitenpresse erschienen – berichtet das Nachwort über die wetter-respektiven Einfallsmethoden Traxlers, die Lyrik Álvaro Seiças umzufusionieren“, schreibt Jonis Hartmann in einer Besprechung bei Textem über den Band. Und weiter: Das Buch ist in endlose wundervolle Abschnitte eingeteilt, deren Genregrenzen fließen wie jede einzelne Zeile selbst. Kaum stellt sich etwas scharf oder überscharf, ist es im nächsten Moment blurred edges oder scheinbar extrem weit hergeholt. Dann wieder sehr einfach. Auch die Zeichensetzung wird stark angepasst bis verfreiheitet. Es ist die sprachliche (und grammatische) Flexibilität von Sprache, die dieses Buch feiert. Er ist weniger verstörend als atemhaft experimentell, gleichzeitig schwierig zu fassen von einem Duo, das etwas vorherzusagen hat. Übersetzung als ein Angebot.

Die Viren sollen krepieren

Lydia Haider erfindet ihre ganz eigene Form zwischen Prosa, Lyrik, Wüterich, den Haiderschen Gesang: unversöhnlich, aggressiv, präzise schneidend. Sie benutzt ziemlich scharfkantige, hochgereizte Bilder, ohne Rücksicht auf Gewohnheiten. Obwohl des Öfteren fast das Gewand der Büttenrede durchscheint, eine trunkene Kanzel in Weißglut, alle Verstärker auf full gain, wirken ihre Texte nicht billig, im Gegenteil. Durchdacht, ohne Skrupel gezielt abgefeuert. Weder oberflächlich, noch mit Tiefgang. Ein mutiger Batzen Bellen von Autorin und Verlag. Hart, komisch, echt?“, schreibt Jonis Hartmann in einer Besprechung über Wort des lebendigen Rottens bei Fixpoetry.

Wälzen, rollen, kauen

„Das Wälzen oder Rollen eines Steines, das Abgeben eines eigenen Antriebes, durchzieht Künstliche Tölpel (…) Der zweitteilige Text (…) lebt auch stilistisch von einem Kauen bzw. Wälzen. Lange Sätze beschreiben gewollt umständlich das zielbefreiende Denken Laszlos, der (…) beschließt Stein am Rheinufer zu werden“, schreibt Jonis Hartmann auf Fixpoetry über Dominik Dombrowskis Erzählung. „Ein echter Runterzieher, schön (…), federleicht und galgenhumorig, trotz des schweren Bluts.“

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Geometrie des Nachmittags

„Die ‚Geometrie des Nachmittags‘ ist eine bedrückende Beschreibung des Spaziergangs einer Mutter, deren Familie sich in einem sich auflösenden Zustand befindet, von dem wir in immer neuen Varianten erfahren“, schreibt Jonis Hartmann in einer Besprechung für Fixpoetry über Luise Boeges Prosaband. Und weiter: „Depression, Sucht, Dyskommunkation etc. Alles da, auf wenigen Sätzen, die es in sich haben, deren Wucht und deren Streckung in Schlaufen man sich im ganzen Bändchen nicht entziehen kann. Obwohl Boege fast nichts sagt und die Manie des beschriebenen Inhalt zu ihrem Stilmittel macht, das Festhalten an Routinen, das Kreisen in der Sinnessackgasse, das nicht Wahrhabenwollen und Streichenwollen bzw ungeschehen/ ungeschrieben machen wollen, alles ist da. Verdichtet und erschütternd.“ Schließlich habe „Luise Boege in der Parasitenpresse ein heftiges, forderndes Stück Prosa vorgelegt“.

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Forsch und frech

„Der Band ist bunt und macht, was er will. Das gilt nicht nur typographisch, das gilt vor allem tonal. Verschiedene Zyklen siedeln im stimmapparatvibrato, ihnen gemein ist eine forsche und bisweilen, frech-herausfordernde Art, konkret zu sein“, schreibt Jonis Hartmann auf Fixpoetry über den Debütband von Walter Fabian Schmid.

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Lüttgerding der Entdecker

Die Gedichte aus dem Band Stäubungen lassen, so schreibt Jonis Hartmann in einer Besprechung für Fixpoetry, „in Bernd Lüttgerding einen Entdecker erkennen (…), dem aber alles offen liegt. Je nachdem, wohin er mit seinen nächsten Veröffentlichungen aufbrechen wird, eher die klaren Weltenwirbler einer grundnervösen Wahrnehmung, oder lieber die wort-assoziativen Sinnspiele in räumlichen Wimmelbildern oder womöglich noch etwas ganz anderes zwischen ‚Piepen, Spondeen und Arekasadara‘. Alles ist möglich unter diesen Vorzeichen: „Freunde, die Vergangenheit ist tot, doch/ wie ein Aal, sie zappelt noch“. Über soviel Lob für ein Debüt freuen wir uns natürlich.

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Bülhoffs Textvoxel

„Es fällt völlig raus in der Parasitenpresse, dekonstruiert die Parasitenregeln und baut einen neuen, räumlichen Textfluss beziehungsweise eine radikale Leserichtung auf. Ein Textvoxel entsteht“, schreibt Jonis Hartmann über seine Begegnung mit Andreas Bülhoffs die außenwelt der innenwelt der außenwelt und findet Analogien bei Max Bense, John Cage und John Zorn. Nachzulesen bei Fixpoetry.

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Lingo der Planschmuffen

„Wir bauen eine Stadt ist ein forderndes Gemisch aus technifizierter Sprache, beobachtend wiedergegeben, voller Abkürzungen, Gebrauchsanleitungen und Baustellenprotokollen, wie ein Sprachdiebstahl aus einer lingo der Betonrüttler und Planschmuffen zusammenkomponiert und vorgeblendet, einerseits, und menschlichen Handlungen innerhalb der Konturen dieser Welt andererseits, wie Erinnerungen, Bewegungen mit Fährten und Spuren unsichtbarer Gefühle. Konsequent durchgebildet, schlicht: eine Form des konzeptuellen Dichtens, vielleicht ein Konzeptalbum“, so lautet das Fazit über den Gedichtband von Kinga Tóth, das Jonis Hartmann für Fixpoetry zieht. In ganzer Länge ist es hier nachzulesen.

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Fit for fun und das Feld

„Und immer ist es ein Abbild einer heutigen, selbstkritischen Mehrheit“, schreibt Jonis Hartmann für Fixpoetry über Das Feld von Martin Glaz Serup, „die z.B. zu viel Zeit auf facebook verbringt, sich in Ängsten um seine Gesundheit der aktiven Fitness-Steigerung zuwendet usw., aber gleichzeitig ist es einfach ein Feld. Eine uralte, zutiefst menschliche Daseins-/ Dingform, der ein romantischer Wunsch der Rückkehr ins Minimalistische oder auf das Wesentliche reduzierte zukommt. Eine Lebensform des einfachen Zyklus: anbauen, hegen, ernten, pflügen, und die Zeit vergeht.“

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