Alexander Estis erhält Rolf-Bossert-Gedächtnispreis

Alexander Estis erhält den Rolf-Bossert-Gedächtnispreis (für 2020). Bereits im vergangenen Jahr wurde Estis mit diesem neu begründeten Preis ausgezeichnet, konnte ihn aber aufgrund der Pandemie nicht in Empfang nehmen. Der Preis wurde u.a. von den ehemaligen Mitgliedern der »Aktionsgruppe Banat« und des »Literaturkreises Adam Müller-Guttenbrunn« im Andenken an den vorzeitig verstorbenen Dichter Rolf Bossert ins Leben gerufen; er wird jährlich unter allen auf Deutsch schreibenden Autoren ausgeschrieben. Die Laudatio auf Alexander Estis hielt die Grande Dame der rumänischen Lyrik Nora Iuga. Darin bemerkte sie:»Alexander Estis – für mich eine Offenbarung! Außer der Lyrik eines Robert Gabriel Elekes, eines in Rumänien geborenen und beheimateten Dichters, habe ich in der jüngeren Dichtergeneration keinen mit einer vergleichbar radikalen, unmittelbaren Ausdrucksweise vorgefunden, eine ohne Armspangen und Tätowierungen, immer verstörend, wobei die Botschaft, wenn von einer solchen die Rede sein kann, sich immer zwischen zwei gegensätzlichen Varianten befindet. Egal, für welche man sich entscheidet, man befindet sich auf unsicherem Terrain. In drei Zeilen fasst Alexander das Wesen unserer Existenz zusammen, besser gesagt das der Realität, in der wir uns ständig wiegen!« Die Verleihung fand gemeinsam mit der Preisträgerin für 2021 Britta Lübbers am 28. August in Reschitza (Rumänien) statt. In der parasitenpresse ist von Alexander Estis bislang das Handwörterbuch der russischen Seele erschienen.

Das ELK 2021 Bücherpaket

Zu unserem Europäischen Literaturfestival in Köln-Kalk (3.-5. September 2021) schnüren wir wieder ein Bücherpaket mit einigen der Festival-Autor*innen. Das sind diesmal Unwetter von Luis Luna und die beiden Anthologien Wie man ein Wunder löscht (mit Texten von Gisela Casimiro) und Was es bedeuten soll (mit Texten von Mati Shemoelof) sowie die beiden Bände Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis und Handbuch der russischen Seele von Alexander Estis (unseren Gästen des Alumni-Programms). Dazu legen wir den Festival-Reader, in dem auch die Texte von Lütfiye Güzel, Andreea Simionel und Xoşewîst enthalten sind. Das ganze Bücherpaket gibt es jetzt für 63,- € frei Haus. Bestellungen bitte direkt in unserem Buchladen aufgeben.

ELK Bücherpaket

Eine Stereotypmaschinerie

„Die ‚russische Seele‘ – wie viel Pathos, welche literarischen Tiefen und vielleicht sogar imperialen Traumlandschaften schwingen mit in dieser Worthülse? Zugegeben kann der Titel Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis Irritationen auslösen, allerdings womöglich gewünscht. Die Befremdung beginnt bei der zu hinterfragenden Konstruktion einer pauschalisierten nationalen Seele und wird bei der formalen Kategorie des ‚Handwörterbuchs‘ fortgeführt, das im Widerspruch dazu gewissermaßen Objektivität verspricht. Doch blickt man hinein in den literarischen Versuch, dieses schwer greifbare und zu hinterfragende Große des Titels in dem literarischen Gegenteil – nämlich in Prosaminiaturen – zu fassen, dann lassen sich in diesem Spannungsfeld Texte von ironischer Schärfe und überraschenden Pointen entdecken, die einen humoristisch persönlichen Zugang zu dem kulturell geformten Konstrukt offenbaren“, schreibt Ricarda Fait über das Handwörterbuch der russischen Seele für Read Ost. Und weiter: „Die Stimme und Perspektive variiert von Eintrag zu Eintrag zwischen einer auktorialen Instanz, einem Erzähler mit der Maske eines Ichs oder eines Wirs und kleinen Dialogen. Durch dieses Spiel der Perspektiven ist auch die eigentliche Erzählinstanz schwer zu fassen. Sie existiert nur in ihrer Vieldeutigkeit, blickt mal von innen, mal von außen, aber stets sehr einfühlsam auf den ausgewählten Begriff und geht dabei auch weit über klischeehafte Vorstellungen von Russland hinaus.“

 

Seelischer Wörterbuchwitz

„Was um alles in der Welt ist eine ‚Fignja‘? ‚Was weiß ich‘, sagt das Handwörterbuch, ‚irgendeine Fignja eben.‘ Diese Art von launiger Anti-Information, die auf höchst amüsanten, oft tragikomischen Tautologien beruht, wird den Lesenden und Blätternden den ganzen Band hindurch begleiten. Das Handwörterbuch gründet sich auf die Hypothese, daß in jedem Vorurteil, Zerrbild und Stereotyp ein Fünkchen Wahrheit aufblitzt“, schreibt Patrick Wilden über das Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis in der Dresdner Literaturzeitschrift Signum (Sommer 2021) und kommt zu diesem Fazit: „Für die deutsche Literatur ist Alexander Estis ein Glücksfall, weil er eine Form von Humor ins Spiel bringt, die bei uns viel zu selten anzutreffen ist – Salcia Landmann nennt als ihre modernen Vertreter Heinrich Heine, Kurt Tucholsky und Karl Kraus.“

Hering mit Honig

„Dieses Buch ist wie Schokolade mit Chili, wie Hering mit Honig, eine Mischung widersprüchlicher Komponenten, die sich einzeln herausschmecken lassen – als Pendant für widersprüchliche Gefühle dieses Riesenland Russland betreffend. Etwas Liebe dazu möchte schon da sein, um die ironisch, satirisch, sarkastischen Texte von Alexander Estis zu genießen“, schreibt Irmtraud Gutschke über das Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis. Die ganze Besprechung kann jetzt auf literatursalon.online nachgelesen werden.  

Alexander Estis: Handwörterbuch der russischen Seele

Was ist der Unterschied zwischen Babuschka und Matrjoschka? Warum gibt es nur in Russland richtige Birken? Wo gelangt man hin, wenn man mit der Transsibirischen Eisenbahn fährt? Warum hat die Balalaika nur drei Saiten? Worin besteht die Aufgabe des FSB? Welcher Kaviar schmeckt besser – roter oder schwarzer? Warum ist Putin fast wie Puschkin? Und vor allem: Weshalb ist die russische Seele so breit? Wer sich diese und ähnliche Fragen schon einmal gestellt hat, wird im Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis fündig werden – aber keine Antworten erhalten.

Alexander Estis: Handwörterbuch der russischen Seele, 72 Seiten, Preis: 12,- € (paradosis Bd. 16) – ab sofort lieferbar

Alexander Estis, diensthabender Kaminer der Stereotypmaschinerie. In der Schweiz ein Deutscher, in Deutschland ein Russe, in Rußland ein Jude. Zentaurischer Hybrid aus sowjetischem Säuferpoeten und ostpreußischem Altphilologen. Arbeitet in literarischen Miniaturformen, die für das Auge des großen Publikums zu klein sind. Bekanntheit erlangte er immerhin dafür, daß er keinen einzigen Roman verfaßt hat. Seine Bescheidenheit verbietet es ihm, die zahlreichen Auszeichnungen und Stipendien zu erwähnen, die er beinah erhalten hätte.

Was wir vorhaben (2021)

Noch liegt das neue Jahr ziemlich im Nebel. Ein paar Dinge, die wir in den nächsten Monaten vorhaben, wollen wir euch trotzdem schon verraten. In der internationalen Reihe werden die Sprachen Portugiesisch, Russisch und Spanisch eine wichtige Rolle einnehmen. Portugiesische Lyrik wird im ersten Halbjahr gleich zweimal im Fokus stehen: Laurine Irmer und Beatrice Cordier bereiten eine Anthologie mit acht jungen portugiesischen Dichter*innen vor und Mathias Traxler überträgt für uns Gedichte von Álvaro Seiça. Den Auftakt ins russische Jahr bildet Das Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis, das Ende Januar erscheinen wird. In Kooperation mit dem Goethe-Institut St. Petersburg folgen später Übersetzungen ins und aus dem Russische(n). Spanisch wird es in der zweiten Jahreshälfte, wenn wir neue Bücher von Pablo Jofré, Luis Luna (beide in der Übersetzung von Odile Kennel) und von Adalber Salas Hernández (in der Übersetzung von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff) planen. Außerdem überträgt Anna Pia Jordan-Bertinelli Gedichte der botswanische Dichterin TJ Dema aus dem Englischen, die zum Europäischen Literaturfestival Köln-Kalk (ELK3) erscheinen sollen.

Bei den deutschsprachigen Titeln werden neben Alexander Estis neue Bücher u.a. von Nora Zapf, Thomas Podhostnik, Astrid Nischkauer, Kathrin Niemela, Sünje Lewejohann und Adrian Kasnitz erwartet. Mit Gedichten von Veronique Homann ist auch ein weiteres Lyrikheft einer Debütantin in Vorbereitung. Im Frühling starten wir die neue Reihe PARADIES, die junge Prosa jenseits des Romans vorstellen wird. Erzählungen von Thomas Empl und André Patten werden die Reihe begründen, auf die wir uns – wie auf alle neuen Bücher – schon sehr freuen.

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