Adalber Salas Hernández: Auf dem Kopf durch die Nacht

Ein Staat zerfällt, rückt offensichtlich dem Status des „failed state“ immer näher (aktuell in der Klasse „Warning“ geführt) – Venezuelas Schicksal scheint sich derzeit irgendwo in der Mitte zwischen Pseudosozialismus und korrumpierter Regierungsbank zu entscheiden. Die sich immer weiter beschleunigende Hyperinflation hat den wirtschaftlichen Kollaps bereits eingeleitet. Generationen verstörter, traumatisierter Kinder und Jugendlicher sind die Zukunft, die Gegenwart lässt sich erschießen oder ist massenhaft auf der Flucht. Die Frage ist angesichts des Zerfalls staatlicher Strukturen, der Auflösung von Rechtssicherheit und Parlamentarismus, ob man bleibt und die Gegenwart auszusitzen versucht oder geht und in die Bresche springt. Letztere Wahl hat der junge venezolanische Dichter Adalber Salas Hernández (*1987) getroffen und ist nach New York gegangen, um dort zu promovieren und großartige Gedichte über sein im Abgrund versinkendes Heimatland zu schreiben.

Sein Band Salvoconducto (dt. Freies Geleit) von 2015 ist eine einzige Anklageschrift. Angeklagt werden seine Geburtsstadt Caracas und mithin der gesamte Staat Venezuela, der ein Land zerstörter Kindheiten und geschändeter Landschaften ist. Fortdauernde Anarchie, Extremismus und Gewalt aller Art verwandeln das Leben in einen Notalltag. Selbst schöne Erinnerungen an die eigene Kindheit werden von Entfremdung und der Erfahrung von Ungerechtigkeit und Tod verdrängt. Es ist die Anklage einer Generation, die mit dem Entsetzen in den Augen großgeworden ist, unter einer politischen Führung, die ihre Macht gegen die eigenen Bürger missbraucht. Diese Generation erstickt am Gestank der Mülltonnen und der täglich zunehmenden Zahl der Toten.

In Deutschland stellt Adalber Salas Hernández seine Texte am 27. August beim Festival Poetische Quellen in Bad Oeynhausen vor.

Adalber Salas Hernández: Auf dem Kopf durch die Nacht. Gedichte aus dem venezolanischen Spanisch von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff. Zweisprachig deutsch/spanisch, 124 S., Preis: 14,- € – ab sofort lieferbar

Adalber Salas Hernández, geb. 1987 in Caracas, ist Lyriker, Essayist und Übersetzer. Von ihm sind folgende Lyrikbände erschienen: Salvoconducto (XXXVI Premio de Poesía Arcipreste de Hita, Pre-Textos, 2015), mínimos (Amargord, 2016),[a love supreme] (Letra Muerta, 2018), La ciencia de las despedidas (Pre-Textos, 2018) sowie die Anthologien: Ai margini di un mondo sconosciuto (Edizioni Fili d’Aquilone, 2018, übers. von Alessio Brandolini), De ningún viaje se vuelve (Mantis, 2019) und Die Zukunft nutzt sich ab durch Gebrauch (hochroth Heidelberg, 2019). Nach der Promotion an der New York University lebt er nun auf Teneriffa.

Geraldine Gutiérrez-Wienken, geb. 1966 in Venezuela, Lyrikerin und Übersetzerin. Sie promovierte in Deutscher Philologie an der Universität Heidelberg. Zuletzt erschienen von ihr der Lyrikband El silencio es una bailarina (El Tal- ler Blanco, 2020, Alción, 2021) und die Übersetzung von Inge Müller: ¡Que no me asfixie de hacer tanto silencio! (Llantén, 2021). Sie lebt in Heidelberg.

Marcus Roloff, geb. 1973 in Neubrandenburg, Lyriker und Übersetzer, lebt in Frankfurt am Main. Literarische Veröf- fentlichungen seit 1997, zuletzt erschienen die Bände Mogk’s Bierstubb in Platons Schneekugel (hochroth Heidelberg, 2019) und gespräch mit dem horizont (Stadtlichter Presse, 2021). Außerdem übertrug er die amerikanischen Lyriker Peter Orlovsky (Sauber abgewischt, Stadtlichter Presse, 2020) und Philip Lamantia (Zerstörte Werke, ebd. 2021) erstmals ins Deutsche.

Gemeinsam übersetzten sie Klagelieder im Gepäck von Rafael Cadenas für die parasitenpresse (2018).

Schutt und Asche

„Obwohl das Leben von Rafael Cadenas mehr als zwei Drittel des 20. Jahrhunderts durchmisst, ist dieses Gedicht (…) getragen von einer fast anmaßenden Hoffnung gegenüber den Bewohnern des 21. Jahrhunderts. Gleichwohl spuckt der Mund des venezolanischen Dichters das verflossene 20. Säkulum aus wie eine verdorbene Frucht: nichts als ‚Schutt‘ und ‚Asche‘, nichts als Menschen mit einer sich wohl mit allen Übeln akkomodierenden ‚widerwärtigen‘ Geduld, nichts als verbrauchte ‚Diskurse'“, schreibt Paul-Henri Campbell in Volltext (4/2019). Gemeint ist das Gedicht Wie du mich zwingst aus dem Band Klagelieder im Gepäck in der Übersetzung von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff.

Cover Cadenas

Rafael Cadenas: Klagelieder im Gepäck

Der venezolanische Dichter Rafael Cadenas (*1930) gilt in der hispanophonen Welt als Klassiker der spanischen Dichtung. Höchste Zeit, ihn auch bei uns vorzustellen. Unsere Auswahl fokussiert Gedichte aus seinem lyrischen Gesamtwerk, bei denen insbesondere der ethische Aspekt seiner Poetik (Literatur als Leben) sichtbar werden soll. Die Auswahlausgabe Klagelieder im Gepäck unternimmt nichts weniger als den Versuch, Rafael Cadenas im deutschsprachigen Raum bekannt zu machen. Wir haben Texte ausgewählt, deren Sprachkritik einer Art stammesgesellschaftlichen Perspektive folgt und den Leser gleichzeitig quasidialogisch mitreflektiert und -einbezieht. Klagelieder im Gepäck kann zeigen, dass Gedichte wie Sand im Getriebe jeder Art von Totalitarismus fungieren – und das ganz ohne Verkündigungston oder große Gesten, aber durchaus mit der untrüglichen Einsicht, dass die Sprache der Dichtung mehr von unserer eigenen Sprache erwartet. Übersetzt wurden die Gedichte von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff.

Rafael Cadenas: Klagelieder im Gepäck. Gedichte aus dem venezolanischen Spanisch von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff, 56 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar

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Rafael Cadenas, geboren 1930 in Barquisimeto/Venezuela, ist Lyriker, Essayist und Übersetzer. Er lebt als emeritierter Professor der Universidad Central de Venezuela in Caracas. Sein Gesamtwerk erscheint im Verlag Pre-Textos (Valencia/Spanien), zuletzt veröffentlichte er unter anderem den Auswahlband Obra entera. Poesía y prosa 1958-1995 (2007) sowie die Lyrikbände Sobre abierto (2012) und En torno a Basho y otros asuntos (2016). Für sein Werk erhielt erzahlreiche Preise, unter anderem den Premio Nacional de Literatura de Venezuela (1985), den Premio FIL de Literatura en Lenguas Romances (Mexiko 2009), den XII. Premio Internacional de Literatura Federico García Lorca (Granada 2015) und den Premio Reina Sofía (2018). Klagelieder im Gepäck stellt zum ersten Mal eine Auswahl von Gedichten aus seinem Gesamtwerk in deutscher
Übersetzung vor.

Premio Reina Sofía für Rafael Cadenas

Der venezolanische Dichter Rafael Cadenas erhält den Premio Reina Sofía de Poesía Iberoamericana, die wichtigste Auszeichnung für einen südamerikanischen Dichter. Sein erster Titel auf Deutsch, Klagelieder im Gepäck, erscheint in Juni bei uns (Infos folgen bald). Die Übersetzung stanmt von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff. Beide stellen das Buch heute (6.6.) in der Buchhandlung artes liberales universitas in Heidelberg vor.

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Vorschau: Lateinamerika

Die kommenden Wochen stehen ganz im Zeichen von Lateinamerika. Neben dem lang erwarteten Gedichtband Oben das Meer unten der Himmel des chilenischen Dichters Enrique Winter, den Léonce W. Lupette, Sarah Otter und Johanna Schwering übersetzt haben, der im Mai erscheinen wird, folgt im Juni der Band Klagelieder im Gepäck von Rafael Cadenas aus Venezuela in der Übersetzung von Geraldine Gutierréz-Wienken und Marcus Roloff. Bereits erschienen ist der Bildband Die Armutslehre der Bohne mit Fotos aus Chile von Manuel Araneda. Enrique Winter wird im Mai und Juni in Deutschland auf Tour sein mit einer Release-Lesung in der Buchhandlung Andenbuch in Berlin-Kreuzberg am 31. Mai und weiteren Terminen in Hamburg, Köln und Heidelberg. Klagelieder im Gepäck stellen wir am 6. Juni in der Buchhandlung artes liberales in Heidelberg vor.