Siehe, die Welt war eine dunkle

„Ein junger Mann will Kameramann werden. Über ihn heißt es: ‚Er hat keine Ahnung. Trotzdem gelingt ihm etwas.‘ In Thomas Podhostniks vom Verlag als Mikro-Roman bezeichneten Text begegnen wir einem jungen Menschen, der, das Auge am Sucher, in die Welt hinausgeht, um einzufangen, wie sie beschaffen ist. Seine Leidenschaft für Bilder führt ihn auf einen Weg, auf dem ihm sämtliche Illusionen
abhandenkommen. Der beharrlich nüchterne Blick der Kamera zeigt Menschen in hartem Licht jenseits aller Inszenierung (Siehe, die Welt war eine dunkle …)

Im Zentrum der Erzählung stehen die Opfer eines Flugzeugabsturzes, Bilder, die den Mann mit der Kamera nicht mehr loslassen. Sie sind zentrales Motiv des Textes, der wie ein Film geschnitten, mit Vor- und Rückblenden arbeitet. In dreizehn Einstellungen, teils durch harte Schnitte getrennt, umkreist der Autor seine Figur des Kameramannes und die unausgesprochene Frage, wie man leben soll mit dem eingebrannten Bild der ‚vom Himmel stürzenden Kinder‘ vor Augen.

Man darf den Autor Thomas Podhostnik wohl getrost als Nihilisten bezeichnen. Seine Texte sind nicht unbedingt hoffnungsvoll, jedoch Satz für Satz sorgsam und genau aus der Sprachmasse gemeißelt, von unnötigem Ballast befreit und wahrhaftig“, schreibt Jörg Jacob über Frame im Branchen-Blatt Literaturkurier.

Thomas Podhostnik: Frame

Im Zentrum von Frame steht ein junger Kameramann, den die eingefangenen Bilder einer Unglücksnacht nicht mehr loslassen. Es ist eine Art innerer Bilderwald, in dem er nach Orientierung und einem Ausweg sucht. Aufnahmen werden zu Erinnerungen und umgekehrt. Blicke und Gegenblicke bestimmen die Motiv- und Gedankenwelt. Totes und Lebendes stehen sich gleichermaßen als Subjekt und Objekt gegenüber und beobachten einander. Die Szenen führen den Kameramann immer wieder auch zu Erinnerungsbildern aus seiner Kindheit und seiner Jugend. Verhandelt werden in dem neuen Mikro-Roman von Thomas Podhostnik auch soziale Fragen und Geschlechterverhältnisse: Wem gehören die Bilder, wem gehört die Kamera, wem gehören die Motive? Welche Erniedrigung erfährt das Motiv durch den Blick des Kameramanns und wie sehr erniedrigt sich der Kameramann beim Blick durch den Sucher? Unter welchen Konditionen veräußert der Kameramann sein Auge? Nicht nur die Rolle des Kameramanns erscheint zunehmend fragwürdig, auch der Mensch als bestimmendes Subjekt hinter der Kamera. 

Im Sommer 2022 jährt sich das Flugzeugunglück von Überlingen, bei dem eine russische Passagier- und eine deutsche Frachtmaschine kollidierten. Im Juli 2002 war der Autor Teil eines Kamerateams und musste in der Nacht zur Absturzstelle eines Flugzeugunglücks. Auf der Fahrt dorthin wusste er noch nicht, dass es sich dabei um den folgenschwersten Flugunfall in der Geschichte der Bundesrepublik gehandelt hat.

Thomas Podhostnik liest am 9.9. in Köln (Paratexte, Traumathek), am 13.10. in Berlin (Volksbühne), am 20.10. in Leipzig (Westflügel), am 21.10. in Frankfurt (Parasites‘ Night, Hotel Lindley) und am 6.11. in Dresden (Hole of Fame).

Thomas Podhostnik: Frame. Mikro-Roman, 94 Seiten, Preis: 12,- € (paradosis Bd. 17) – ab sofort lieferbar

Thomas Podhostnik wurde 1972 in Radolfzell am Bodensee als Sohn jugoslawischer Gastarbeiter geboren. Er machte eine Lehre zum Speditionskaufmann, dann eine Ausbildung zum Regieassistenten am Teatro Nacional de Cuba. Er studierte am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig.

Thomas Podhostnik verfasst Prosa und experimentelle Prosa, die in Einzeltiteln, Anthologien und Literaturzeit- schriften veröffentlicht wurden. Er lebt in Leipzig. In der parasitenpresse erschienen zuletzt von ihm der Prosaband Unter Steinen (2020) und die Übersetzung ins Russische Под камнями (2021).