Seelischer Wörterbuchwitz

„Was um alles in der Welt ist eine ‚Fignja‘? ‚Was weiß ich‘, sagt das Handwörterbuch, ‚irgendeine Fignja eben.‘ Diese Art von launiger Anti-Information, die auf höchst amüsanten, oft tragikomischen Tautologien beruht, wird den Lesenden und Blätternden den ganzen Band hindurch begleiten. Das Handwörterbuch gründet sich auf die Hypothese, daß in jedem Vorurteil, Zerrbild und Stereotyp ein Fünkchen Wahrheit aufblitzt“, schreibt Patrick Wilden über das Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis in der Dresdner Literaturzeitschrift Signum (Sommer 2021) und kommt zu diesem Fazit: „Für die deutsche Literatur ist Alexander Estis ein Glücksfall, weil er eine Form von Humor ins Spiel bringt, die bei uns viel zu selten anzutreffen ist – Salcia Landmann nennt als ihre modernen Vertreter Heinrich Heine, Kurt Tucholsky und Karl Kraus.“

Aus der heimlichen Welthauptstadt der Kurzgeschichte

„Die titelgebende Geschichte erzählt von Günter, einem Philosophen, der vielleicht ein Werk hinterlassen hätte, wenn es einen Namen dazu gäbe, aber nicht einmal die Authentizität des Vornamens Günter ist gesichert, so bleiben in den Bibliotheken nur die Werke und Namen der anderen Philosophen, deren Rekonstruktion sich Günter letztlich Zeit seines philosophischen Lebens gewidmet hat. Von Heraklit bis Sartre verdanken diese Denker letztlich allesamt ihre Existenz dem unermüdlichen Bemühen eines nicht benannten Unbekannten, dem provisorisch der Name Günter zugeordnet wurde und wird. Günter ist letztlich die Bedingung der Möglichkeit Hegels und Heideggers, deren Ruhm vom seinem Nichtruhm, dem des Unbekannten, begründet ist. Zumindest könnte so die Auslegung dieser Ebene der Erzählung lauten“, schreibt Jan Kuhlbrodt über Die Dädalus-Hypothese von Lew Naumow auf piqd.de.

Und weiter: „Aber eine Erzählung ist vor allem auch Sprache. Der Dresdner Fachübersetzer Dirk Bretschneider hat Lew Naumows Erzählungen ins Deutsche gebracht, und man merkt seiner Übersetzung an, dass er in der Tradition der russischen Kurzgeschichte hervorragend bewandert ist. Und was ist das für eine Tradition!! Puschkin, Leskow und so weiter. Tschechow. Man könnte einen nicht endenwollenden Schwanz großer Namen an dem schwarzen Hündchen befestigen. Im 20. Jahrhundert differenziert sich das ganze noch aus. Die heimliche Welthauptstadt der Kurzgeschichte ist meiner Ansicht nach ohnehin St. Petersburg. „

Lew Naumow: Die Dädalus-Hypothese

Sankt Petersburg war vielleicht schon immer die weltoffenste aller europäischen Großstädte. Keine Gedankenströmung und kein ästhetisches Prinzip, das dort nicht seine Spuren hinterlassen hätte. Sankt Petersburg ist ein Palimpsest. Wer dort an einer Hauswand kratzt, der findet unter einem Filmplakat von Tarkowski möglicherweise ein Zitat von Seneca. Lew Naumows Erzählungen sind das Ergebnis solcherlei Ausgrabungen. Naumow erfindet und findet die Welt in Sankt Petersburg.

Der Band Die Dädalus-Hypothese und andere, nicht ganz abwegige Vermutungen versammelt acht Erzählungen von Lew Naumow, die der Dresdner Übersetzer Dirk Bretschneider ins Deutsche übertragen hat. Sie handeln von Personen, die sich ihren Gedanken, Fähigkeiten und Welten ganz ergeben, von seltsamen auch außeriridschen Orten und Botschaften für eine spätere Zeit. Er erscheint in unserer neuen Reihe für erzählende Prosa aus Europa: PLÜ. Gleichzeitig ist der Band Teil unseres russischen Jahres und wird am 24. April im Goethe-Institut Sankt Petersburg (mit Lew Naumow, Thomas Podhostnik, Dirk Bretschneider u.a.) präsentiert.

„Ich glaube, der Gedanke, Theaterregisseur zu werden, war die allererste Idee, die mir in den Kopf kam…“ Hand aufs Herz, das ist natürlich gelogen. Es ist schlichtweg unmöglich. Aber wie das klingt! Gern sähe ich es, wenn ein zukünftiger Biograf meine Geschichte mit eben diesen Worten beginnen würde und darum werde ich nicht müde, sie wieder und wieder auszusprechen. Bislang wiederhole ich mein Mantra nur insgeheim für mich und doch hoffe ich, dass sich irgendwann einmal die Gelegenheit ergibt, den Satz laut und weithin hörbar vorzubringen, nach einer triumphalen Aufführung im „Palais-Royal“, im „dell’Angelo“ oder im „Comunale“, auf der Bühne des Royal Theatre oder im „Old Vic“…

Lew Naumow: Die Dädalus-Hypothese und andere, nicht ganz abwegige Vermutungen. Erzählungen aus dem Russischen von Dirk Bretschneider (PLÜ 001), 116 Seiten, Preis: 14,- € – ist ab sofort lieferbar

(Hinweis für Abonnent*innen: die Reihe PLÜ ist nur Bestandteil des Prosa-Abos.)

Lew Naumow, geb. 1982 in Leningrad, ist ein russischer Schriftsteller, Theaterautor, Essayist und Kulturwissen- schaftler. Seine Arbeit wurde mit russischen und internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. Seine Texte wurden neben dem Deutschen auch ins Chinesische und Türkische übersetzt, seine Stücke an russischen und deut- schen Theatern inszeniert. Die Erzählungen des Bandes sind seinen beiden Büchern Гипотеза Дедала (Die Dädalus-Hypothese) und Шёпот забытых букв (Das Flüstern der vergessenen Buchstaben) entnommen. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit den künstlerischen Arbeiten von Andrei Tarkowski, Samuel Beckett, Alexander Kaidanowski, Terry Gilliam, Christopher Nolan, Sergei Paradschanow und anderen. Über den Dichter Alexander Baschlatschow schrieb er eine Biographie. Außerdem hält Naumow kulturwissenschaftliche Vorträge über Theorie und Praxis von Literatur und Kino.

Dirk Bretschneider, Jahrgang 1972, lebt in Dresden. Als gelernter Fachübersetzer überträgt er gelegentlich auch Belletristisches ins Deutsche.

Dresdner Lyrikpreis

Im Finale des diesjährigen deutsch-tschechischen Dresdner Lyrikpreises, der diesmal online stattfindet, lesen gleich drei mit uns verbundene Autoren: Arnold Maxwill, Walter Fabian Schmid und Christoph Wenzel. Die Lesungen sind als Videos oder Audiofiles bereits anschau- oder anhörbar. Das Publikum hat die Möglichkeit, bis zum 7. November abzustimmen.

Unser kleines Dresdner Lyrikpaket mit diesen drei Titeln gibt es übrigens für 36,- €. Bestellungen bitte direkt hier im Buchladen.

Chamisso-Poetikdozentur für Artur Becker

Der deutsch-polnische Dichter und Schriftsteller Artur Becker wird mit der 1. Chamisso-Poetikdozentur der Sächsischen Akademie der Künste geehrt.

Die Wiederbelebung der Chamisso-Poetikdozentur wurde von Artur Becker mit Enthusiasmus begrüßt. Die Dozentur sei eine wichtige intellektuelle Plattform der Auseinandersetzung „angesichts der Zerrissenheit des heutigen Europäers und der Stereotype, die seit Jahren durch populistische und nationalbetonte Bewegungen verbreitet werden.“ Er kündigte an, zur Dozentur werde nicht nur „Literarisches, Soziologisches, Philosophisches und Autobiografisches, sondern auch Publizistisches zur Sprache kommen. Die Bilingualität natürlich auch, das Leben zwischen zwei Stühlen und Völkern“. Wir schließen uns seiner Freude an.

Die Chamisso-Poetikdozentur umfasst drei Vorlesungen mit einem anschließenden moderierten Gespräch. Sie findet am 24.09., 1.10. und 22.10.2020 jeweils um 19.30 Uhr in Kooperation mit der Zentralbibliothek der Städtischen Bibliotheken Dresden im Dresdner Kulturpalast statt.

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Ostdeutsches Bücherpaket

Obwohl wir in Köln beheimatet sind, haben uns von Anfang an natürlich auch ostdeutsche Autor*innen interessiert – ohne sie besonders zu labeln. Namen wie Ron Winkler, Tom Schulz, Anna Hoffmann, Maren Ruben, Maik Lippert sind in der Liste der ersten Lyrikhefte zu finden. Biographien verlaufen verschieden, man wechselt die Bundesländer wie Hemden, aus unserer Perspektive ist die Herkunft ziemlich egal. Wichtig ist der Text.

Wenn sich jetzt aber Autorengruppen formieren, die Chartas unterzeichnen und scheinbar im Namen von was auch immer sprechen, ist es Zeit dagegen anzusprechen. In unserem augenzwinkernd ostdeutschen Bücherpaket haben wir Stimmen versammelt, die über Herkunft, Sozialisation und aktuelles Leben Auskunft geben, vielschichtig und spannender als jede Stereotype, garantiert.

Ganz frisch erschienen ist der Band heimische Arten von Mario Osterland (Erfurt). Dazu gibt es Lyrikhefte von Christoph Georg Rohrbach (Greifswald) und Jan Kuhlbrodt (Leipzig). Eine ältere Erzählung von Ulrich van Loyen (früher einmal Dresden) und der Band Wir bauen eine Stadt von Kinga Tóth (Ungarn/längere Zeit Stipendiatin in Jena) setzen Kontrapunkte.

Das ostdeutsche Bücherpaket gibt es ab sofort für 35,- € in ganz Deutschland (im Ausland kommt ein Portoanteil hinzu) – direkt bei uns.

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Besuchen Sie uns in Leipzig

Wenn heute Abend die Leipziger Buchmesse beginnt, sind wir wieder an vielen Orten dabei. Auf der Messe sind wir bei den lieben Kollegen vom Poetenladen zu finden (Halle 5, G219) und freuen uns am Donnerstag und Freitag auf Begegnungen, Gespräche und Kaffee!

Heute Abend öffnet die Lyrikbuchhandlung ihre Tore mit vielen Lesungen und natürlich einem umfangreichen Angebot an Lyrik-Neuerscheinungen unabhängiger Verlage. Für die parasitenpresse lesen: Kathrin Bach (23.3., 21 Uhr), Adrian Kasnitz (23.3., 24 Uhr), Pablo Jofré (24.3., 21 Uhr). Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag, 19 bis 01 Uhr, Kunstraum D21, Demmeringstr. 21.

Besonders freuen wir uns auf Überall Stiche, die gemeinsame Lyrik-Lesung von parasitenpresse (Köln) und edition Azur (Dresden). Es lesen Kathrin Bach, Pablo Jofré, Kinga Tóth, Sascha Kokot, Nancy Hünger und Volker Sielaff. Blackbox im Café Bau Bau, Karl-Tauchnitz-Str. 9-11, 16 Uhr

Zum zweiten Mal sind wir am Messe-Samstag bei It’s a book dabei, einer Art Book Fair der Hochschule für Grafik und Buchkunst. An unserem Stand erwarten abwechselnd Adrian Kasnitz, Bernd Lüttgerding und Anne Nimmesgern Kundschaft und Besuch. Ort: Wächterstr. 11, 12 bis 21 Uhr

Außerdem empfehlen wir folgende Lesungen: 23.3.: Georg Leß beim Literarischen Salon NRW / Leipziger Buchmesse, Messegelände, Halle 5 (K406), 12 Uhr +++ 24.3.: Das Eine. Artefakt im Maschinentakt mit Kinga Tóth, Orsolya Kalász u.a. Ort: UT Connewitz, Wolfgang-Heintze-Str. 12a, 20 Uhr +++ 24.3.: Auch dieser Raum entsteht durch Gebrauch mit Alexander Gumz, Kinga Tóth u.v.a. Ort: Noch Besser Leben, Merseburger Str. 25, 21 Uhr

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It’s a book in der HGB (2016). Foto: parasitenpresse