Wie man ein Wunder löscht. Neue Gedichte aus Portugal

Die Anthologie Wie man ein Wunder löscht stellt neue Gedichte aus Portugal vor, die Beatrice Cordier und Laurine Irmer ausgewählt und übersetzt haben. „Mit den Gedichten der acht Lyriker:innen möchten wir vor Augen führen, wie kulturell und politisch divers die portugiesische Gegenwartslyrik ist. In einer Poesie zwischen Alltag und Mythos wird in diesen Gedichten von kleinen und großen Themen erzählt, von Politik und Zukunft, von Nähe und Fernweh, aber auch von der Kunst, Kritik zu üben.

Mit viel Humor, aber auch mit einer Spur von Pathos, gehen die Poet:innen den portugiesische Konventionen und Lebensweisen nach, indem sie sie in ihren Sprachspielen gleichermaßen auf die Probe stellen. Die Motive der Kolonialgeschichte, des Katholizismus, der konventionellen Geschlechterrollen, aber auch des Tourismus, des Klimawandels und der Wirtschaftskrise kollidieren in diesen bildreichen Poesien und werden gleichermaßen kritisch unter die Lupe genommen.

Ein wiederkehrendes Moment stellt die Reise dar. Es wird von ihr und dem Leben im Ausland gesprochen, aber auch über ein Reisen durch die Zeit, wie es die Aufarbeitung der kolonialen Praktiken und Hinterlassenschaften der portugiesischer Kolonialherrschaft bedeutet. Gewiss enthält die Kunst des Übersetzens die Kunst der Reise. Dazu gehören nicht nur große Entfernungen, wie man sie zwischen Ländern oder Sprachen zurücklegt, sondern auch kleinere Etappen, wie es Übersetzungsvorgänge von Dialekten – des portugiesischen und brasilianischen – oder von Redewendungen mit sich bringen“, schreiben die Herausgeberinnen im Nachwort.

Der Band enthält übersetzte Gedichte von Basco, Francisca Camelo, Gisela Casimiro, Sara F. Costa, Patrícia Lino, Cláudia Lucas Chéu, Rafael Mantovani und Inês Morão Dias mit je einem Originaltext und Zeichnungen von Dmitry Ilko.

Erstmals vorgestellt wird Wie man ein Wunder löscht beim Europäischen Literaturfestival in Köln-Kalk (3.-5. September 2021), bei dem Gisela Casimiro zu Gast ist.

Wie man ein Wunder löscht. Neue Gedichte aus Portugal, herausgegeben und aus dem Portugiesischen übersetzt von Beatrice Cordier und Laurine Irmer, 90 Seiten, Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Eine klare ästhetische Linie

„Gesänge zum Austreiben lautet der Untertitel des Buchs, aber wer wen austreibt, bleibt offen“, schreibt Jana Volkmann über Lydia Haiders Wort des lebendigen Rottens im aktuellen Freitag und stellt stellt Zusammenhänge zum Bachmann-Wettbewerb und den Texten von Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard und Nora Gomringer her. Und weiter: „Auch, wer adressiert wird. Ein ‚du‘ gibt es, in der Regel wird es beschimpft: ‚du Haufen Faschiertes auf zwei Beinen‘, ‚du Nachbeter‘, ‚du fade Sau‘. Dass die Bezüge mitunter schwer herzustellen sind, ist keiner dichterischen Unsauberkeit geschuldet. Lydia Haider setzt sich in ihrem Werk intensiv und kritisch mit der Sprache selbst auseinander. Ihre Texte klingen roh und unmittelbar performativ, und der heilige Ernst dieser Sprache wird mit verschiedenen Slangs, Jargons und dialektalen Einsprengseln kontrastiert. ‚Die Schrift hat gesprochen, Ende Gelände‘, heißt es in einem der Gesänge. Das poetologische Konzept dahinter ist wohldurchdacht, von ihrem ersten Buch bis zum jetzt erschienenen Lyrikband zeichnet sich eine klare ästhetische Linie ab.

Cover Haider

Granteln, zetern und zischen

In einer ausführlichen Besprechung von stimmapparatvibrato von Walter Fabian Schmid schreibt Konstantin Ames: „Den Dialekt nutzt er als eine Gelegenheit, nicht-normiert zu sprechen; es geht ihm dabei nicht ums Lokalkolorit und ist auch keine provinzielle Klangpinselei. Eher mischt sich gelegentlich darunter ein etwas falber Klagegesang auf den Verlust authentischer Erfahrung“ in Zeiten von Social Media. Und weiter: „Er genießt dabei merklich den Vorteil als Underdog sprechen zu können, der sich von den Türstehern nicht entmutigen ließ, und jetzt in bester Freigeistmanier aufs Establishment pfeifen kann.“ Der ganze Text ist im Signaturen-Magazin erschienen.

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