Mario Osterland: heimische Arten

Private wie urbane Räume, die hier bedichtet werden, sind trostlos, das Rurale beiläufig, aber zunehmend rituell. Die Zeichen vergletschern! Was der Mensch nicht wahrnimmt: die Ränder zur ungewissen Zukunft als auch zur dunklen Vorvergangenheit zerfasern, es entstehen Fraßbilder, irgendwo im Düsteren schließt sich der Kreis …
Mario Osterland gelingt es, uns wie nebenbei Beklemmung und schließlich Grauen einzuflößen. Mit nur leicht angehobener Alltagssprache erzeugt er Unruhe und lässt, was wir sicher glaubten, zu uralten Nebeln zerschlieren. Am Ende des Bandes sind wir überzeugt, – schreibt Crauss in seinem poetischen Gruß – nicht die Einzigen zu sein, die sich vor dem Kommenden fürchten – aber die Letzten. Das finale Wort dieses Buchs: »Angst«!

Mario Osterland: heimische Arten. Gedichte, 42 Seiten, 9,- € – erscheint heute in der Reihe ‚Die nummernlosen Bücher‘ und ist ab sofort lieferbar

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Mario Osterland, geboren 1986, lebt in Erfurt. Studierte Germanistik, Komparatistik und Kunstgeschichte an der Universität Leipzig. In der parasitenpresse erschien bereits In Paris (2014).

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Den Tag zu langen Drähten, 2. Auflage

In 2. Auflage erscheint nun Den Tag zu langen Drähten von Adrian Kasnitz. Der Gedichtband, der 2009 das erste Mal erschien und sich mit Kindheit und Jugend in Westfalen auseinandersetzt, ist durchgesehen und an wenigen Stellen leicht bearbeitet. Auch das Cover ist rundum renoviert.

„Adrian Kasnitz gelingt auf schlichte, magische weise, worum sich andere aufgeregt bemühen. er hat sich in westfalen umgesehen und es überall ähnlich gefunden“, schreibt der Dichter Crauss zu dem Buch.

Adrian Kasnitz: Den Tag zu langen Drähten. Gedichte, 40 S., Preis: 9,- €

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gestern hab ich mich glücklich gekauft

Im HausBlog Nottbeck schreibt Crauss über die Gedichte von Katharina Bauer, die er zunächst in der Anthologie Westfalen, sonst nichts? entdeckte und später in weiteren Publikationen verfolgt hat, bis zum jünst in der Edition Nottbeck erschienen Band ein ganzes vielleicht. Als regional und in der Auswahl genau begrenzter Sammelband kommt Westfalen, sonst nichts? ganz gut weg. So schreibt Crauss: „Kasnitz und Wenzel konzentrieren sich nicht nur geographisch genauer, sondern auch zeitlich, und finden daher mehr als die üblichen verdächtigen und beispielsweise auch Katharina Bauer. „noch einmal / kurz innehalten / dich vor mir warnen“, endet ihr beitrag in der anthologie, und es ist eine jener warnungen, die man vernimmt, aber nicht versteht.“  Dass es „gleichzeitig gefährliche lyrik ist: viral, sich festsetzend“, dessen ist sich der Rezensent jetzt sicher. Nachzulesen ist der ganze Beitrag hier.

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„gestern hab ich mich glücklich gekauft“ ist ein Vers von Katharina Bauer aus der Anthologie.

Stille Begleiter #1 / Crauss: poesie abseits von schinken und schnapsidee

„in der pflege der kunst und dichtung sind wir westfälinger hinter den anderen deutschen volksstämmen weit zurück,“ schreibt Justus Möser, ein zeitgenosse von Matthias Claudius. „die freundliche gottheit des liedes liebt leichtentzündliche naturen, wir aber sind zu ernst, zu gründlich, zu schwerfällig.“

mag es an dieser schwerfälligkeit liegen, dass bis heute, 2013, zwar die bildende kunst und die musik, seltener aber die literatur eine echte, d.h. dauerhaft intensive förderung hierzulande erhalten hat. da mühen sich dichter nach wie vor, in ihren heimatstädten und –städtchen etwas auf die beine zu stellen, eine kleine lesebühne vielleicht, müssen aber schon bald am desinteresse der veranstalter verzweifeln. in oberzentren wie siegen (und das gilt durchaus auch für schwestern wie hagen oder lüdenscheid) gilt bei buchhändlern für literatur, was sich als roman verkaufen lässt; auf den bühnen der stadt müssen kabarettisten und comedians, vielleicht noch amüsierkolumnisten den job des dichters übernehmen. gebucht wird, was publikum zieht. als neu und interessant gelten poetry slams, die vielleicht ein kurzes vergnügen, aber doch selten einen bleibenden wert vermitteln. das publikum wird dabei oft genug mit der eintagsfliege verwechselt, die sich auf den gleichen haufen setzt wie alle ihre genossinnen – und bitteschön nirgendwo anders hin.

westfälische dichter, die wegen literarischer tiefe berühmt oder zumindest bekannt wurden, kamen (und kommen) oft genug erst zu ehren, als sie längst weggezogen waren. blieben sie, sammelten sie sich zu früheren zeiten eher in münster als in schmallenberg, kamen häufig auch aus dem münsterland, und trafen sich später im kölner raum.

nicht umsonst entfachte sich 1956 ein jahrelang anhaltender dichterstreit an der frage, was genau denn westfälische dichtung sei. Josef Bergenthal schreibt in einer 1953 erschienenen anthologie: „westfälischer dichter ist, wer dichter und westfale zugleich ist. er braucht gewiss nicht in einer westfälischen mundart zu schreiben. heimatliche bezüge dürfen nicht als ersatz für fehlende dichterische qualitäten gewertet werden.“ und nun, meine damen und herren, schauen Sie sich bitte einmal die siegerland-, das heisst: regional-ecken in den hiesigen buchtempeln etwas genauer an!

das westfälische – und eben auch die literatur – ist seit je wegen heimischer kargheit zum auswandern gezwungen. das sauerland, und erst recht das geographisch schwerer zugängliche siegerland, ist in der literaturgeschichte kaum vertreten. es hat viele tüchtige industrielle oder pädagogen hervorgebracht, mit dichtern war und ist es aber nicht besonders gesegnet.

das liegt an einer (auch nicht nur im regionalen verankerten, sondern durchaus allgemeinen) geringschätzung zeitgenössischer literatur, das gründet aber heute wie vor 150 jahren ebenfalls am erwähnten, nicht besonders leicht entzündlichen gemüt des westfalen. im 19. jahrhundert gab es sogenannte hollandgänger, die sich ihr brot auch wegen der beschwerrnis zuhause woanders verdienen mussten. es gab den berufsstand des westfälischen heringsfängers: männer aus der gegend um minden, die jahr für jahr hinauszogen, um an den fanggründen der nordsee zwischen norwegen und schottland ihre treibnetze auszulegen.

die anthologie von Josef Bergenthal versammelt einige wunderbare texte, etwa Margarete zu Bentlages pfingsttag, Wilhelm Vershofens geschichten aus sonnenhoevel oder Otto Wohlgemuths als hätte die erde selber geschrien. wem aber sind diese dichter heute noch ein begriff? neben ihnen versammeln sich in dem buch texte, die anfang der 1950er jahre ebenso wie das vorwort noch schwer beladen sind mit begriffen wie volksstammerde oder erbstrom.

freilich heisst der westfälische literaturpreis in der folge des grossen dichterstreits von 1956 Ernst Meister preis; etwas hat sich also geändert. zwar gibt es ausserdem einen 2003 als universitäres forschungsheft erschienenen schmalen überblick über die literatur in der direkten siegener umgebung und mehrere zwischen 1989 und 1999 erschienene sammelbände, die sich mit literatur und kunst in siegen beschäftigen, darunter allein zwei anthologien der zehn jahre existiert habenden literaturgruppe aktion musenflucht. allerdings handelt es sich bei vielen beiträgen der bücher meine stadtmomentaufnahme und siegener lesebuch um spass- und heimatkundliche texte oder solche, die das weggehen bzw. die möglichst schnelle durchreise zum thema haben – was nichts weiter ist als eine andere form der heimatkunde, oft aber einfach nichts mit literatur zu tun hat.

selbstverständlich gibt es auch ambitionierte und sogar hochrangige texte in diesen anthologien. der punkt ist: sie sind nicht in der lage (und garnicht dazu gedacht), auch nur ansatzweise einen überblick über literatur in westfalen zu geben – und so zum beispiel auch zu vermitteln, dass nicht nur in den ballungsräumen berlin, hamburg und eventuell köln oder münchen poetisch gedacht wird oder gedacht werden kann, sondern dass es auch auf dem land urbane und national bedeutende literatur geben kann.

mir ist keine zusammenstellung bekannt, die jünger als dreissig oder vierzig jahre wäre und dies leistet. immerhin, seit 2008 erscheint mit versnetze ein jährlicher sammelband, der deutschsprachige lyriker nach postleitgebiet zusammenfasst; im vierer- und fünfer-bereich lassen sich neben den anderen republikgebieten entsprechend die westfalen nachschlagen und entdecken.

ebenfalls begrenzt auf gedichte, aber spezifischer in der auswahl der autoren haben nun Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel die anthologie westfalen, sonst nichts? auf den weg gebracht. sie zeigt, wie vielfältig die gegenwärtige junge lyrik in und aus nrw ist: neue gedichte von etwa dreissig gebürtigen, zugezogenen, ausgewanderten und zurückgekehrten. unter ihnen sind Andreas Bülhoff, Jan Skudlarek, Stephan Reich und Bastian Schneider. alle haben einen bezug zum westfälischen, vor allem haben sie aber einen literarischen anspruch, der über schnaps und schinken hinausreicht.

Literatur:
* Josef Bergenthal: westfälische dichter der gegenwart. deutung und auslese. mit 28 illustrationen und einem bücher-nachweis. münster: verlag regensberg 1953;
* Franz-Josef Weber, Karl Riha: meine stadt. literatur und kunst in und um s.; in zusammenarbeit von universität-gh siegen und kunstverein siegen. siegen: höpner verlag 1989;
* arbeitsgruppe literarisches leben: momentaufnahme. literatur und kunst in siegen heute: ein lesebuch. siegen: verlag vorländer 1989;
* aktion musenflucht: manuscripties. anthologie. mit einem vorwort von M. Jung. siegen: eigenverlag 1993;
* aktion musenflucht: inner city. anthologie.hg. v. prof. dr. Wolfgang Popp. siegen: universität siegen 1998;
* Thomas Kleber, Karl Riha: siegener lesebuch. literarische streifzüge durch die krönchenstadt. siegen: universität siegen 1999;
* Walter Gödden, Reinhard Kiefer: utopische dichter. der schmallenberger dichterstreit 1956, Ernst Meister und die folgen. analysen und dokumente. bücher der nyland-stiftung köln. münster: ardey verlag 2000;
* Crauss: KONtext sieGEN. digging the dirt. literatur in der krönchenstadt – eine übersicht. reihe massenmedien und kommunikation, MUK 144. siegen: universität siegen 2003;
* Axel Kutsch: versnetze. das grosse buch der neuen deutschen lyrik. weilerswiste: verlag ralf liebe 2008; versnetze_zwei (2009), _drei (2010), _vier (2011) und _fünf (2012) ebendort;

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In der Reihe Stille Begleiter erscheinen in loser Folge Beiträge zu Büchern und den Themen, die sie verhandeln. Es sind kurze Essays, Kommentare, eigene Sichtweisen. Der Schriftsteller Crauss. (Jg. 1971) lebt in Siegen. Eine kleine Auswahl seiner Gedichte ist in der Anthologie Westfalen, sonst nichts? enthalten, neben zahlreichen weiteren Publikationen ist zuletzt der Band Lakritzvergiftung (Berlin: Verlagshaus J. Frank, 2011) erschienen.

Anthologie: Westfalen, sonst nichts?

Jetzt lieferbar!

Wie vielfältig die gegenwärtige junge Lyrik in und aus Westfalen ist, zeigt diese Anthologie, die als Kooperation des [SIC] – Literaturverlags und der parasitenpresse erscheint. Die beiden Herausgeber Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel haben über 30 Autoren im Alter von 20 bis 40 versammelt und um neue Gedichte gebeten: feste Größen wie Sabine Scho, Hendrik Jackson und Crauss stehen in diesem Buch neben neuen, noch kaum veröffentlichten Stimmen. Westfalen, sonst nichts? – das ist eine poetische Entdeckungsreise, die von Westfalen ausgeht und weit hinausführt in die lebendige und junge deutsche Lyriklandschaft.

Westfalen, sonst nichts? Eine Anthologie, hg. von Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel. 200 Seiten, Preis: 14,- €, erscheint als Ko-Produktion von parasitenpresse und [SIC] – Literaturverlag am 1. Dezember 2012

Autor/innen sind: Katharina Bauer, Sonja vom Brocke, Eva Brunner, Dana Buchzik, Andreas Bülhoff, Crauss., Greta Granderath, Paul Heinrich, Sebastian Himstedt, Marius Hulpe, Hendrik Jackson, Adrian Kasnitz, Daniel Ketteler, Nicolai Kobus, Dagmara Kraus, Ivette Vivien Kunkel, Georg Leß, Vesna Lubina, Stephan Reich, Xaver Römer, Hendrik Rost, Angela Sanmann, Bastian Schneider, Sabine Scho, Elisabeth Schröder, Jan Skudlarek, Sandra Trojan, Julia Trompeter, Charlotte Warsen, Philipp Weber, Christoph Wenzel, Patrick Wilden

Westfalen, sonst nichts?