Schatzkammern

Die „Grundkonstanten der Wahrnehmung bildender Kunst macht Astrid Nischkauer in ihrem Gedichtband du Wundergecko sichtbar. Die Autorin präsentiert über 90 Miniaturen, von denen ein Großteil der Texte sich je einem Kunstwerk widmet – unterbrochen nur von einem kurzen Zyklus, der während des Lockdowns entstanden ist und sich mit Naturwahrnehmung/ Naturbetrachtung befasst. Die Objekte werden in wenigen Sätzen so beschrieben, dass sie vorstellbar werden, die Lesenden ein Bild davon entwickeln können. Die Deskription der Ausstellungsstücke ist schlicht, nahezu ohne Verwendung rhetorischer Mittel, nah an der Prosa unter Verzicht auf den Lesefluss bremsende Satzzeichen. Ebenso wie die Augen der Museumsbesucher bei der Betrachtung über ein Gemälde oder eine Skulptur mäandern, wandern die Augen der Lesenden über die hypotaktischen Sätze und Enjambements Nischkauers hinweg. Dabei entsteht der Eindruck, dass die Gedichte aufgrund ihrer Kürze und ihres Zeilenbruchs durch den weiß verbleibenden Teil der Seite gerahmt sind. Sie verkörpern Sprache, herausgelöst aus der Zeit und dem Raum“, schreibt Andreas Hutt in einer Besprechung des Bandes im Signaturen-Magazin. „Was du Wundergecko von Astrid Nischkauer lesenswert macht, (…) [ist] das Konzept des Bandes, die Betrachtung bildender Kunst lyrisch fruchtbar zu machen, indem man Museumsbesuche sprachlich abbildet. So schreiten die Lesenden im ‚Wundergecko‘ von Gedicht zu Gedicht wie ein Museumsbesucher von Bild zu Bild schreitet.“ 

Schließe die Augen

„April 2021 erschien ein Band der Dichterin, Übersetzerin und Kritikerin Astrid Nischkauer, die auch als Aufsicht in den Sammlungen der Wiener Museen tätig ist. Ihr neuer Gedichtband reflektiert Momente zwischen Öffnung und Schliessung der Ausstellungen während des Lockdowns. Nischkauer fehlen die Kunstwerke, die sie sonst während der Arbeitszeiten sehen kann. In einem Text, ohne erkennbare Gliederung in Verse, formuliert sie eine Überlegung dazu, was sich in der Zwischenzeit, in den Mo- naten der Abwesenheit, verändert haben mag: schliesse die Augen um den Bildern im Traum zu begegnen und in Gedanken durch die Säle zu gehen aus denen ich so lange Zeit ausgesperrt gewesen war (…)“, schreibt Nils Röller in seinem Beitrag Dimensionen des Buches: Klein und absolut, der sich u.a. den beiden Bänden du Wundergecko und Satyr mit Thunfisch, aber auch vielen anderen Beispielen widmet. Erschienen ist der Text in: Medialität. Historische Perspektiven. Newsletter Nr. 23/2021 des Zentrums für historische Mediologie, Zürich, S. 36-49. Als pdf hier zu finden.

Geckos einer Ausstellung

„Das Buch (…) ist im Wesentlichen eine Sammlung von ungefähr achtzig Ausstellungsgedichten; (…). Zwar geht es um die einzelnen Kunstwerke (und gelegentlich anderweitigen Exponate, wenn die Sprecherin beispielsweise von ausgestopften Enten im Naturhistorischen Museum handelt) – aber nicht einfach im Sinne kontextloser Meditation, sondern stets in Hinblick auf die Bewegung des Vorüberschreitens und Betrachtens im Kontext einer Hängung, eines Ausstellungsraums, dieser oder jener Nachbarschaft; kunstgeschichtliche Kontexte, Querverweise zwischen Bildern, nimmt diese Bewegung ebenso ‚mit‘ wie Wahrnehmungen zur zeitgenössischen Ausstellungspraxis“, schreibt Stefan Schmitzer über du Wundergecko von Astrid Nischkauer im Blog der Poesiegalerie. „du Wundergecko postuliert nicht den Ausstellungsraum als Welt, sondern die Welt als Ausstellungsraum, als Austragungsort ästhetischer Diskurse und Auswahlprozesse, und empfiehlt (scheint’s) den dazugehörigen Blick auf die Dinge als probater Modus von Weltaneignung.“

 

Ausstellung final image

Über die heute in Jena beginnende Ausstellung final image und das gleichnamige Buch von Mario Osterland und Alexander Neugebauer schreibt Ulrike Kern von der Ostthüringer Zeitung: „Alexander Neugebauer legt sich auf einen Stil fest und wählt dafür Tusche mit seinem tiefen Schwarz und den vielen feinen Untertönen. Fortan zeichnet der Künstler wunderschöne Bilder von Persönlichkeiten wie Paul Cézanne, Marlene Dietrich, Amy Winehouse, Kurt Cobain, Bob Marley. Es sind komprimierte, pointierte Zeichnungen, die markante Züge hervorheben und alles Unwesentliche ausklammern.

Ebenso arbeitet Mario Osterland mit seinen nebengestellten Texten, die meist eine halbe A4-Seite umfassen und als Zwischenform zwischen Lyrik und Prosa einzuordnen sind. Mal formuliert er in treffend-klarer Sprache eine klassische Bildinterpretation, mal sind es Anekdoten oder persönliche Assoziationen. So wird der Betrachter zum Zeugen im Augenblick des Unfalltodes, zunehmender Drogenabhängigkeit oder Magersucht eines sterbenden Stars gemacht. Es sind würdevolle Worte zu stilvollen Illustrationen. 30 Arbeiten haben die beiden in ihrem interdisziplinären Projekt zusammen geschaffen und in ihrem Buch vereint – 16 sind nun Teil der aktuellen Ausstellung in der Villa Rosenthal.“

Zu sehen ist final image vom 4. März bis 6. Mai in der Villa Rosenthal in Jena

Cover Osterland final

Adrian Kasnitz: Pierre Huyghe hired me

Pierre Huyghe hired me (to write this text) entstand als Schreibperformance während der Ausstellung von Pierre Huyghe im Museum Ludwig (2014). Der Kölner Schriftsteller Adrian Kasnitz beobachtete als von Pierre Huyghe inszenierter Schriftsteller die Ausstellungseröffnung und schrieb einen Text. Seite um Seite wurde der Text an dem Abend ausgedruckt und in die Ausstellung integriert. Jetzt liegt er in einer zweisprachigen Ausgabe (english/deutsch) vor und erscheint als Sonderdruck zur Cologne Art Book Fair. Die Übertragung ins Englische besorgte Catherine Hales.

Adrian Kasnitz: Pierre Huyghe hired me (to write this text), english / deutsch, 40 pages / Seiten, Preis: 10,- € – ab sofort lieferbar / already available

Cover Kasnitz Pierre Huyghe

Das Unbelebte eines gemalten Augenblicks

„Nischkauers Verse sind Kommentare, Interpretationen, Beschreibungen, Beobachtungen, Ausformungen, Durchdenkungen, Rückbezüge, Anreicherungen. Sie spürt der Frage nach, wie die Welt der Ausstellungsstücke und die Welt der Menschen sich gegenüberstehen, wo ihre Schnittstellen sind und warum das Unbelebte eines gemalten Augenblicks, eines ausgestellten Gegenstandes, unsere Fantasie und unser Lebensgefühl doch erreicht, obgleich es statisch ist, nicht auf uns zukommt; wir müssen den ganzen Weg gehen, aber ist nicht gerade das das Besondere?“ schreibt Timo Brandt in einer Besprechung für das Signaturen-Magazin über Satyr mit Thunfisch von Astrid Nischkauer.

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Astrid Nischkauer: Poesie passieren & passieren lassen

Im Winter 2015 verbrachte die Wiener Dichterin Astrid Nischkauer mehrere Wochen auf der Raketenstation Hombroich. In dieser Zeit entstanden die Arbeiten für die Ausstellung
Poesie passieren & passieren lassen, die sie nach und nach im Pförtnerhäuschen installierte. Diese Arbeiten sind Bestandteil des vorliegenden Katalogs mit allen Texten und elf teils farbigen Aufnahmen. Sie werden ergänzt um ein Gedicht von Ute Langanky und eine Zeichnung von Oswald Egger.

Astrid Nischkauer: Poesie passieren & passieren lassen. Gedichte Ausstellung Katalog, 36 Seiten, Preis: 10,- € (erscheint am 15. August 2016)

Astrid Cover

Astrid Nischkauer, geb. 1989, studierte Germanistik und Komparatistik. Übersetzungsbegeistert. Lebt zwischen Bücherbergen und in Wien. In der parasitenpresse erschien von ihr bereits frisch gepresste Parasiten (2015). Mit dem Übersetzerkollektiv VERSATORIUM wurde sie mit dem Preis der Stadt Münster für internationale Poesie ausgezeichnet.

 

Poesie passieren

Astrid Nischkauer ist derzeit Literatur-Fellow auf der Museumsinsel Hombroich. Für das Pförtnerhäuschen zur Raketenstation hat sie nun dort eine Gedichtausstellung realisiert, die Poesie passieren & passieren lassen heißt. Ab jetzt. Open End. Hier ein paar photographische Blicke.

 

P.S. Eine detaillierte Beschreibung des Projekts findet sich jetzt bei Fixpoetry!

Im Museum

Bibliophil, engagiert, einzigartig heißt die Ausstellung, die noch bis zum 4. Oktober 2015 im Museum für Westfälische Literatur in Oelde (Kulturgut Nottbeck/Oelde-Stromberg) zu sehen ist. Im Bielefelder Aisthesis Verlag ist nun auch das Begleitbuch von Walter Gödden erschienen. Hier werden Bücher aus Kleinverlagen und Handpressen vorgestellt, die seit den 1950er Jahren zum Beispiel in der Ermeniten-Presse von V.O. Stomps, in der Corvinus Presse, dem Verlag Peter Engstler, dem SuKuLTuR Verlag oder der parasitenpresse erschienen sind. Größer als in echt ist das erste, leider vergriffene Leseheft Lippenbekenntnisse (2000) von Adrian Kasnitz abgebildet, aber es ist sehr schön, an unsere Anfänge aus dem Papiermüll erinnert zu werden. Die Abbildungen sind immer mit Zitaten und kurzen Einführungen versehen. Außerdem sind in dem Band kurze Statements zum Thema von den Autoren-Verlegern Marc Degens und Adrian Kasnitz enthalten. Ausstellung und Begleitbuch werden unbedingt empfohlen!

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