Carl E. Ricé: Das Kainszeichen

Das Kainszeichen – Geschichte einer Vergewaltigung ist das Hauptwerk des Autors und Performers Carl E. Ricé. 1992 uraufgeführt, existierte es 30 Jahre lang als Erzähl-Performance des Autors. Anlässlich von Carl E. Ricés 75. Geburtstag erscheint eine von ihm live im Studio gesprochene Fassung als Hörbuch-Doppel-CD.

Auf mehreren Erzählebenen, die zwischen schonungslosem Realismus und surrealen Alptraumwelten hin und her wechseln, schildert Carl E. Ricé die Erfahrungen seines Protagonisten Pierre: die gewalttätige und lieblose Familiensituation der Nachkriegszeit, den sexuellen Missbrauch durch einen älteren Mitschüler, die aus dem Trauma resultierenden Drogen- und Prostitutionserfahrungen.

„Sein Vortrag ist eine Mischform, die das Auditorium […] von der ersten bis zur letzten Minute packt“ (Augsburger Allgemeine). Als Erzähler dieses Textes arbeitete der Autor mehr als 20 Jahre lang in Therapiegruppen mit Sexualstraftätern.

Auf Basis des Hörbuchs und Gesprächen mit Carl E. Ricé entwickeln Studierende der Sozialen Arbeit an der Hochschule Augsburg im Auftrag der Stadt Augsburg ein Toolkit zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern. Der Download-Code, der jeder CD beiliegt, gibt Zugang zu den Begleitmaterialien aus dem Hochschulprojekt, sowie einem einführenden Text und einer kommentierten Inhaltsübersicht, die das (auszugsweise) Arbeiten mit dem Hörbuch erleichtern.

„Carl Ricés eindringliche Erzählung sensibilisiert auf exemplarische Weise, wie Missbrauchsstrukturen im inner- und außerfamiliären Umfeld funktionieren. Systemische Lücken werden deutlich aufgezeigt. Damit kann sie eine wertvolle Funktion in der Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern und anderen pädagogischen Fachkräften übernehmen.“ Diana Schubert, (Leitung Kita Stadt Augsburg, Fachkraft für Kriminalprävention)

Carl E. Ricé: Das Kainszeichen – Geschichte einer Vergewaltigung. Laufzeit: ca. 110 Min. Doppel-CD / Download inkl. Begleitmaterial für Therapie- und Ausbildungszwecke. Erscheint in Koproduktion mit gebrauchtemusik (Augsburg), Preis: 20,- €

Auch bei Bandcamp erhältlich.

Carl E. Ricé, geboren 1947 in Hamburg, lebt in Augsburg. Er ist Lyriker, Erzähler und Literatur-Performer. Seit Anfang der 1990er erweckt er durch freies Erzählen (nicht Vorlesen) Stoffe der Weltliteratur – von Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ über Brechts „Geschichten vom Herrn K.“ bis zu Ingeborg Bachmanns „Malina“ – ebenso zum Leben wie seine selbst erdachten Geschichten. Eine Auswahl seiner Erzählungen erschien 1993 unter dem Titel „Henker, bitte weitermachen“ in Buchform und ist unter https://carlerice.wordpress.com erhältlich.

Mürigkeit & Motörhead

In der Süddeutschen Zeitung bespricht Antje Weber die beiden Gedichtbände Dioden, wie es Nacht (vierhändig) von Nora Zapf und motörhead klopstöck von Gerald Fiebig und schreibt: ‚“Dioden, wie es Nacht (vierhändig)“, steht auf dem Band … So kompliziert das auch klingt – Nora Zapf liebt solche gewagten Konstruktionen -, kann man ihre Absichten doch zumindest erahnen: Dioden werden zur Gleichrichtung, zur Umwandlung von Wechselspannung in Gleichspannung eingesetzt. Nimmt man die Nacht als Grundthema dazu und denkt sich den Lyrikband als eine Art vierhändige Etüde, dann könnte man zum Schluss kommen: Hier versucht jemand, von wechselnden Anspannungen zu einem entspannten Gleichmaß zu finden. Dem lyrischen Ich, von Schlaflosigkeit gequält, fällt das nicht leicht. In mehreren, formal unterschiedlichen Langgedichten gleiten die Leser mit der Autorin durch wechselnde Nachtphasen und auch mal Fieberträume. Das schlägt sich in entsprechend unruhigen Texten mit unterschiedlichen Schriftgrößen, Fettungen und Sprachen-Einsprengseln nieder, durchzuckt von immer neuen Assoziationen zwischen „Mürigkeit“ und „Umwachtung“. Wer in seinem Leben solche Zustände kennt, wird die geradezu elegisch zusammengehaltenen Gedankensplitter mit anderer, sozusagen somnambul verschwommener Wahrnehmung lesen. Und wer kleine Kinder hat – ein Baby taucht immer wieder mal im Text auf -, weiß sicherlich auch, wovon die Autorin schreibt.“ Und weiter: „Der Gedichtband motörhead klopstöck des Augsburger Autors und Musikers … zeigt auf köstliche Weise, wie man verspielt mit der Tradition umgehen kann. Das Titelgedicht ‚Odenströphen (Motörhead Klopstöck)‘ bringt schon im Titel in schön alberner Assonanz eine Rockband und den Dichter Klopstock zusammen. Mit den ersten Wörtern ‚,palim palim’psest‘ macht Fiebig dann endgültig klar, dass er Populärkultur mit Bildungswissen zu verschmelzen gedenkt. Wenn dieser Dichter mit Altem und Neuem, mit Gegensätzen und Gleichklängen spielt, ist das immer wieder lustig (‚VODAFONE nichts übrig bleibt‘). Und so drückt man auch bei etwas schmerzhafter Genderkritik ‚die äugin‘ zu. Es ist ja nicht das Einzige, was dieser und andere Lyriker und Lyrikerinnen als ‚NOISE UNTER DER SONNE‘ bieten.

Gerald Fiebig: motörhead klopstöck

Wie im Titel der Name einer Rockband und der eines Dichters, so werden auch im neuen Gedichtband motörhead klopstöck von Gerald Fiebig diverse thematische und formale Stränge zusammengeführt. Thematisch gilt dies etwa für die intensive Auseinandersetzung mit Massenmedien und Popkultur, aber auch die an konkreten Orten festgemachte Suche nach Spuren von Faschismus, Krieg und Kolonialismus. Wie in früheren Bänden begegnet uns Fiebig als melancholischer bis wütender Beobachter entfremdeten Alltags. Von einer gänzlich unbekannten Seite zeigt sich der Autor hingegen in den Liebesgedichten. Eine eigene Abteilung des Buches ist der sprachspielerischen Dekonstruktion von sprachlichen Geschlechter-Stereotypen gewidmet.

In formaler Hinsicht ist motörhead klopstöck wohl Fiebigs variantenreichstes Buch. Das im Titel angekündigte Niederreißen von Pop- und „Hochkultur“-Grenzzäunen ist Programm. Von Odenstrophe und Sonett über chiffrenhafte Lakonik und dadaeske Collagetexte bis zu binnenreimgetriebenen Spoken-Word-Gedichten bringt Fiebig hier ein breites Spektrum an lyrischen Formen zum Einsatz.

Die Release-Lesung findet am 25. Juni im Parasiten TV statt, live gestreamt ab 20.30h unter http://www.facebook.com/parasitenpresse.

Gerald Fiebig: motörhead klopstöck. Gedichte, 52 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar

cover fiebig motörhead

Gerald Fiebig (geb. 1973) wohnt in Augsburg. Er ist Lyriker, Audiokünstler sowie Mitglied der Band Jesus Jackson und die grenzlandreiter und des Duos KLONK (zusammen mit Tine Klink). Zuletzt erschienen von ihm der Gedichtband nach dem nachkrieg (parasitenpresse 2017) und die CD Gasworks (Gruenrekorder 2019). www.geraldfiebig.net

Release-Tour: motörhead klopstöck

Ende Juni erscheint motörhead klopstöck, der neue Gedichtband des Augsburger Schriftstellers Gerald Fiebig. Bis zum Erscheinungstermin gibt es vom 21. Mai bis 25. Juni 2020 immer donnerstags um 19 Uhr im Literaturkanal Augsburg eine Online-Lesung von Fiebig, erst aus älteren Büchern, dann aus motörhead klopstöck. Alle Termine en détail sind hier zu finden. Den Band, der 10,- € kosten wird, kann man jetzt schon vorbestellen. Wer den Vorgänger-Band nach dem nachkrieg noch nicht kennt, dem empfehlen wir das Gerald-Fiebig-Bücherpaket. Wer jetzt bestellt, bekommt nach dem nachkrieg zuerst geliefert, motörhead klopstöck folgt dann Ende Juni (Preis 15,- €).

GFBP banner

Zerebraler Kontaktaufbau

„Fiebigs Lyrik ist lyrisch und kantig zugleich“, schreibt Martin Schmidt über nach dem nachkrieg in a3kultur, dem Feuilleton für Augsburg, „die Gedichte sind ein emotionaler und zerebraler Kontaktaufbau mit einem Steingebäude, das vor Historie flirrt. Fiebigs Worte sind eine Deutschstunde im doppelten Sinne: Geschichte, Gedichte, (alte und neue) Gewichte.“

lr040 Fiebig Cover_kleen

 

Geschichte beschwören

Die Süddeutsche Zeitung bringt eine großen Bericht über Gerald Fiebigs nach dem nachkrieg und das Augsburger Kulturhaus Abraxas. „Die Texte in dem schmalen, gut gestalteten Heft ‚Nach dem Nachkrieg‘ (Parasitenpresse) handeln vom Kulturhaus im Augsburger Stadtteil Kriegshaber, das Fiebig seit 2015 leitet. Die Verse kommen leichtfüßig daher, transportieren ihren Inhalt unmerklich. Das geht bei der Adresse los“, schreibt Sabine Reithmaier. Den ganzen Artikel gibt es hier nachzulesen.

lr040 Fiebig Cover_kleen

kein schlaf bis kriegshaber

Zum Gedichtband nach dem nachkrieg von Gerald Fiebig veröffentlichen wir heute einen Bonustext, der nicht im Band enthalten ist.

 

kein schlaf bis kriegshaber (nach motörhead)

we are the road crew, auf signalwegen unterwegs
durch die besatzungszeitzonen, zwischen 45 & 95,
zwischen 230 & 110 volt: another europe map to learn.

wir arbeiten da, wo sich aux & esel gut’ nacht sagen.
wo sich hase & igel & raupe & raupe
& der schweigefuchs mit den devil horns
die klinkenkabel in die hand geben. we are the road crew.

wir arbeiten an der basis, & umverteilung kommt
an uns nicht vorbei. schon gar nicht, wenn’s um
elektroverteilung geht. i sing the body electric,
& ohne elektrizität singt hier niemand. du brauchst
mehr monitor? „shure, man.“ (das können wir auf türkisch,
vietnamesisch, auf russisch & butoh. another word i learned to say.)

wir entscheiden, wem wir seine (oder ihre) stimme geben,
denn der fader ist mächtiger als das schwert.
wir sind die herren über licht & schatten,
über die ballettteppichschicht auf den bodenlatten,
über riser & trusses, über nacht & nebelmaschinen.
we are the road crew.

wir halten hier mit leiter & gehörschutz,
mit hammer & sichel, äh, akkuschrauber,
mit geduld & spucke & kleber den laden zusammen:
another tube of superglue. another turn. another screw.
wir nehmen’s immer ganz genau. wir kennen unsre VstättV.
we are the road crew.

& wenn ihr weg seid, sind wir die letzten, die bleiben.
wir messen die stille nach dem ende des lärms.
another gig, my ears bleed. alle fader
sind unten, doch die feder
ist mächtiger als die schwerkraft & macht,
dass die blauen stühle im leeren theater
langsam nacheinander nach oben klappen.
& das macht ein geräusch, das ihr nie hören werdet.
das kennen nur wir. we are the road crew.

ihr seid die gaffer, aber wir ha’m das gaffa.
& wenn’s mit gaffa nicht mehr hält, dann spax ma’s.
we are the road crew aus dem abraxas.

für Andi, Bert, Georg, Peter & Wolfi

lr040 Fiebig Cover_kleen

 

Das Echo der Kaserne

„Was sich da (in das Kasernengelände) eingeschrieben hat, dem spürt Fiebig in einem neuen Gedichtband nach“, schreibt die Augsburger Allgemeine über nach dem nachkrieg. Und weiter: „Ein sehr ungewöhnliches Kapitel Augsburger Geschichtsschreibung ist Fiebig an diesem Ort gelungen.“ Dass Lyrik auch Geschichte kann, freut uns natürlich.

lr040 Fiebig Cover_kleen