Eine Flammenschrift, ein Meisterwerk

„Neun Lyrikbände hat er bisher verfasst, und jetzt ist eine Sammlung seiner Gedichte auf Deutsch erschienen, die den jungen Venezolaner auch in Deutschland bekannt machen dürfte. Auf dem Kopf durch die Nacht ist die Beschreibung eines wahr gewordenen Albtraums in Versen. Vom ersten Gedicht (‚Caracas, die Sterbenden grüßen dich nicht‘), das beginnt mit ‚Schon haben sie keine Hände mehr, die sie heben können/man hat sie ihnen abgeschnitten/ihnen entrissen …‘), bis zum letzten Gedicht ‚Freies Geleit‘ ist dieses Buch der Versuch, das Unbeschreibliche in Worte zu fassen“, schreibt Matthias Ehlers über die Gedichte von Adalber Salas Hernández für die Bücher-Sendung bei WDR5.

Seine „Lyrik erzählt von Demoralisation, Auflösung, Zerfall und Agonie eines Landes, das die höchste Mordrate Lateinamerikas hat und trotz der weltweit größten Erdölreserven seine Einwohner verhungern lässt, die am ‚Gestank der Mülltonnen ersticken‘. Vor diesem Hintergrund verblassen selbst die seltenen positiven Bilder, die Adalber Salas Hernández findet, wenn er z. B. über seine Großmutter schreibt: ‚Ich habe nie rausgekriegt ob sie auch schlief oder aufs Morgenrot wartete, das sanfte Husten der Vögel hörend …‘ (…) Auf dem Kopf durch die Nacht ist eine Flammenschrift, ein Meisterwerk in guter lateinamerikanischer Tradition von Ruben Dario und Pablo Neruda, geschrieben für die, die es angeht.“

Rasmus Nikolajsen: was sollen wir mit all der schönheit?

Das Langgedicht was sollen wir mit all der schönheit? des dänischen Schriftstellers Rasmus Nikolajsen schaut den Blättern beim Fallen zu und widmet sich – ausgehend von den Themen Natur, Herbst und Schönheit – der Frage nach dem Sinn des Lebens, nach dem Tod, nach Einsamkeit und Verlorenheit in der Gesellschaft, nach der Sehnsucht nach Freundschaft und Gemeinschaft. Ins Deutsche übertragen wurde der Text von der Übersetzerin Sarah Fengler, die für uns schon Gedichte in der Dänemark-Anthologie Hier habt ihr mich übersetzt hat.

… und du stehst da, im flur zwischen

schlaf- und badezimmer, und bist

gerade aufgewacht, nicht ganz /

wach, und ich gehe zu dir hin

und umarme dich, und du hast

etwas aufgelöstes vom schlaf

an dir, und während ich dich im

stehen halte, verschwinde ich

mit in dem aufgelösten, und

mir kommen zweifel, wer wer ist,

und wir stehen eine weile /

da, miteinander verfilzt, …

*

Rasmus Nikolajsen: was sollen wir mit all der schönheit? Herbstgedicht, aus dem Dänischen von Sarah Fengler, 70 Seiten, 12,- € – ab sofort lieferbar 

(Hinweis für Abonnent*innen: Sonderausgabe, nicht im Abo enthalten)

Cover Nikolajsen 4

Rasmus Nikolajsen, geb. 1977 in Kopenhagen, studierte Literaturwissenschaft und debütierte im Jahr 2000. Seitdem hat er neun Lyrik- und drei Prosabände veröffentlicht. Für seine Texte erhielt er u.a. einen Ehrenpreis der dänischen Kunststiftung Statens Kunstfond und den renommierten Kritikerprisen. Sein Langgedicht was sollen wir mit all der schönheit? (hvad skal vi med al den skønhed?) erschien in Dänemark im Verlag Rosinante (2018). Gedichte aus dem Band Tilbage til unaturen finden sich schon in der Anthologie Hier habt ihr mich (parasitenpresse 2017).

Sarah Fengler, geb. 1997 in Frankfurt am Main, studierte Politikwissenschaft, Skandinavistik und Literaturwissenschaft. Sie übersetzt aus dem Norwegischen und Dänischen. Für die Dänemark-Anthologie Hier habt ihr mich übersetzte sie neben Rasmus Nikolajsen auch Texte von Naja Marie Aidt.