Di Lu Galay: Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe

Di Lu Galay ist ein vorsichtiger und kritischer Beobachter, dessen Lyrik von Empathie für die menschliche Notlage und tiefem Mitgefühl für den Außenseiter geprägt ist. Seine Gedichte bewirken oft neo-surrealistische Kettenreaktionen, die den Ursprung menschlicher Werte einer Prüfung unterziehen lassen, wobei deren Komplexität und Mehrdimensionalität zugleich ans Licht gebracht werden. Alle Dinge, Menschen und Tiere werden zu einer Sorte merkwürdiger Geister in einer entsetzlichen Umgebung, in der sie eine vollständige und detaillierte Entfremdung erfahren. Es handelt sich dabei um inneres wüstes Land, dessen Raum voller Angst, Wut, Gewalt und Impotenz ist.

Die Gedichte des Dichters aus Myanmar, die ursprünglich auf Birmanisch geschrieben wurden, hat Artur Becker ins Deutsche gebracht. Über die Schwierigkeiten der Übersetzung berichtete er kürzlich im Literaturmagazin Bremen.

Du und deine Menschenmenge – ihr seid einfach zu

viele. Während ich nur einer bin.

Ich muss sicherstellen, dass ich unter euren

Körpern nicht zerquetscht werde.

Und der Zauberertruck düst in einem Kino wieder

los – dem Neumond entgegen.

Di Lu Galay: Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe. Gedichte aus dem Englischen von Artur Becker. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Indra Wussow , 46 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar

(Hinweis für Abonnent*innen: erscheint als Sonderdruck in Zusammenarbeit mit der Sylt Foundation)

Di Lu Galay, geb. 1986, lebt als (Menschenrechts-)Anwalt in Yangon und ist einer der jungen Dichter seiner Generation in Myanmar, die eine zentrale Rolle spielen. Er organisiert das Online-Lyrikfestival Midnight Poetry Festival, das eine wichtige Plattform für burmesische Dichter:innen darstellt. Sein erster Gedichtband Die Handschrift des Mörders wurde ins Englische und Deutsche übersetzt. Außerdem wurden einige seiner Gedichte in internationalen Literaturzeitschriften veröffentlicht und Einladungen zu internationalen Festivals folgten.

Artur Becker, geb. 1968 in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Becker schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays. Zuletzt veröffentlichte er den Roman Drang nach Osten bei weissbooks.w, wo viele seiner Romane und Essays erschienen sind. In der parasitenpresse liegt der Gedichtband Bartel und Gustabalda vor. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Adalbert-von-Chamisso-Preis und dem Dialog-Preis.

Gedichte aus Myanmar

Im Literaturmagazin Bremen schreibt Artur Becker über seine Übersetzung der Gedichte des Dichters Di Lu Galay aus Myanmar, die er aus dem Englischen ins Deutsche überträgt, ohne das birmanische Original verstehen zu können. „Eine Übersetzung aus einer Übersetzung ist immer eine heikle Sache, da man vieles intuitiv erahnen muss – man darf vor allem keine Angst haben, Fehler zu machen. Aber man muss eine poetische Vorstellung von der Dichtung haben, deren Sprache und Schrift einem zudem komplett fremd sind.“ Der Band Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe ist gerade im Druck, erscheint Anfang Juni in Zusammenarbeit mit der Sylt Foundation in Johannesburg und kann nun vorbestellt werden.

„Dis Gedichte kreisen oft um Gewalt und Angst vor dieser, und seit dem Militärputsch im Februar 2021 in Myanmar verstehe ich besser, warum die Gewalt in Dis Lyrik ein immer wiederkehrendes Motiv ist, wie zum Beispiel in dem kurzen Gedicht Rennen, verstecken, schießen und töten – er wuchs ja in einer Militärdiktatur auf. Während der Arbeit an der Übersetzung beschränkte sich unser Kontakt auf kurze, sporadische Nachrichten auf WhatsApp, da Di selten und nur für kurze Dauer das Internet nutzen konnte“. Der ganze Text findet sich hier.

 

Aus der posttherapeutischen Welt

„Dabei gibt es ein kleines graues Buch mit großer Sprengkraft, in dem ich all das finde, was als so bahnbrechend neu an Leif Randts Roman gepriesen wird. Die Gedichte dort, es sind nicht sehr viele, dafür sind sie sämtlich mehrere Seiten lang, beginnen mittendrin, mitten in der kaputten neopastellfarbenen, posttherapeutischen Welt, und direkt mit dem vermeintlichen oder echten Anspruch an Dichtung“, schreibt Elke Engelhardt sehr treffend bei Fixpoetry über Andre Rudolphs Ich bin für Frieden, Armut und Polyamorie – welche Partei soll ich wählen?

Und weiter: „Als direkte Ansprache fungieren sie sowieso, denn alle Gedichte beginnen mit der identischen Überschrift: ‚hallo!‘ Eine Anrede, die man als Aufruf verstehen kann, sich den Fragen auszusetzen, die die Gedichte stellen, sich nicht beruhigen zu lassen von den wiederkehrenden Refrains, denn die […] versammelten Gedichte sind in Wirklichkeit eine enorme Anklage, die direkt ins Herz der lange schon bestehenden Krankheit dieser Gesellschaft trifft. Einer Krankheit aus Hass, Angst und Orientierungslosigkeit, der sehr lange durch Verdrängung begegnet wurde.“ Die ganze Besprechung ist hier nachzulesen.

Cover Rudolph kladde

Danae Sioziou: Nützliche Kinderspiele

Einer unbegreiflichen und verwirrenden Erwachsenenwelt stellt die griechische Dichterin Danae Sioziou ihre eigene Spielewelt gegenüber. Dabei zeigt sie das Spiel als den ewigen Versuch, Ordnung im Chaos zu schaffen, als Mittel der Selbsterkenntnis und damit als nützliche Kulturpraxis. In den Welten, die sie arrangiert, ziehen Spielsachen, Tiere, Pflanzen, Haushaltsgegenstände, Eltern, Großeltern, Gouvernanten und Lehrer, Märchenfiguren und übernatürliche Wesen umher – und werfen Fragen nach der Widersprüchlichkeit des Lebens auf. Es ist eine Traum- und Albtraumwelt zugleich, voller Vorstellungskraft und Wunder, voller Bedrohungen und Hindernisse, in denen Wunden, Ängste und Verdrängungen als Sensoren der Suche und Orientierung fungieren.

Danae Sioziou ist Gast beim Europäischen Literaturfestival Köln-Kalk am 6.-8. September 2019.

Danae Sioziou: Nützliche Kinderspiele. Gedichte aus dem Griechischen von Elena Pallantza und der Gruppe LEXIS, 62 Seiten, Preis: 10,- € – ab sofort lieferbar

Cover Sioziou

Danae Sioziou, 1987 geboren, aufgewachsen in Karlsruhe und in Karditsa (Thessalien / Griechenland), lebt in Athen. Sie studierte Anglistik, Europäische Geschichte und Kulturmanagement in Athen und Berlin. Für ihren ersten Gedichtband Nützliche Kinderspiele (erschienen im Verlag Antipodes) erhielt sie den Staatspreis für Junge Autor*innen und den Jannis-Varveris-Preis der Hellenic Authors Society. 

Elena Pallantza, 1969 in Athen geboren, unterrichtet Neugriechische Sprache und Literatur an der Universität Bonn. Mit der Gruppe LEXIS (Andreas Gamst, Anne Gaßeling, Rainer Maria Gassen, Milena Hienz de Albentiis, Christiane Horstkötter-Brüssow, Klaus Kramp, Alkinoi Obernesser) übersetzt sie neugriechische Literatur ins Deutsche.

Mira Mann: Gedichte der Angst

Im Sommer 2017 erhält die Musikerin Mira Mann eine beängstigende Diagnose. Die vorliegenden Gedichte der Angst sind in den ersten zwei Wochen danach entstanden. „Ich will meine Angst nicht verstecken“, schreibt sie über diese Zeit.

„Es gibt wahrscheinlich nichts, was einem in seinem Leben in so diverser Form begegnet wie die Angst, denke ich. Auch ist dieses vielgestaltige Gefühl vermutlich eine der Hauptantriebsfedern für das Entstehen von Literatur, denke ich ebenfalls. Schreiben, um Angst zu verstehen, sie zu umgarnen, einzuhüllen, zu verdecken, zu überlagern? Das mag gehen. Ich weiß nicht, als ich anfange die mir vorliegenden Gedichte zu lesen, ob die Autorin Mira Mann das oder etwas Ähnliches im Sinn hatte, als sie – am 17. August 2017 – damit begann eine Reihe von Gedichten zu schreiben, die nun als korallenfarbener Gedichtband vorliegt“, schreibt Sascha Ehlert über diesen Band.

Mira Mann: Gedichte der Angst, 32 Seiten (Lyrikreihe Bd. 102), Preis: 7,- € – ist ab sofort lieferbar

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Mira Mann ist Bassistin und Sängerin der Band candelilla, macht die Sendung Text + Musik für Radio 80000 und ist Herausgeberin des pdf-Magazins Ultra Soft. Sie schreibt für Das Wetter, Tegel Media und die Süddeutsche Zeitung. Gedichte der Angst ist ihre erste eigenständige Publikantion. Sie lebt und arbeitet in München.

Mario Osterland: heimische Arten

Private wie urbane Räume, die hier bedichtet werden, sind trostlos, das Rurale beiläufig, aber zunehmend rituell. Die Zeichen vergletschern! Was der Mensch nicht wahrnimmt: die Ränder zur ungewissen Zukunft als auch zur dunklen Vorvergangenheit zerfasern, es entstehen Fraßbilder, irgendwo im Düsteren schließt sich der Kreis …
Mario Osterland gelingt es, uns wie nebenbei Beklemmung und schließlich Grauen einzuflößen. Mit nur leicht angehobener Alltagssprache erzeugt er Unruhe und lässt, was wir sicher glaubten, zu uralten Nebeln zerschlieren. Am Ende des Bandes sind wir überzeugt, – schreibt Crauss in seinem poetischen Gruß – nicht die Einzigen zu sein, die sich vor dem Kommenden fürchten – aber die Letzten. Das finale Wort dieses Buchs: »Angst«!

Mario Osterland: heimische Arten. Gedichte, 42 Seiten, 9,- € – erscheint heute in der Reihe ‚Die nummernlosen Bücher‘ und ist ab sofort lieferbar

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Mario Osterland, geboren 1986, lebt in Erfurt. Studierte Germanistik, Komparatistik und Kunstgeschichte an der Universität Leipzig. In der parasitenpresse erschien bereits In Paris (2014).