Schatzkammern

Die „Grundkonstanten der Wahrnehmung bildender Kunst macht Astrid Nischkauer in ihrem Gedichtband du Wundergecko sichtbar. Die Autorin präsentiert über 90 Miniaturen, von denen ein Großteil der Texte sich je einem Kunstwerk widmet – unterbrochen nur von einem kurzen Zyklus, der während des Lockdowns entstanden ist und sich mit Naturwahrnehmung/ Naturbetrachtung befasst. Die Objekte werden in wenigen Sätzen so beschrieben, dass sie vorstellbar werden, die Lesenden ein Bild davon entwickeln können. Die Deskription der Ausstellungsstücke ist schlicht, nahezu ohne Verwendung rhetorischer Mittel, nah an der Prosa unter Verzicht auf den Lesefluss bremsende Satzzeichen. Ebenso wie die Augen der Museumsbesucher bei der Betrachtung über ein Gemälde oder eine Skulptur mäandern, wandern die Augen der Lesenden über die hypotaktischen Sätze und Enjambements Nischkauers hinweg. Dabei entsteht der Eindruck, dass die Gedichte aufgrund ihrer Kürze und ihres Zeilenbruchs durch den weiß verbleibenden Teil der Seite gerahmt sind. Sie verkörpern Sprache, herausgelöst aus der Zeit und dem Raum“, schreibt Andreas Hutt in einer Besprechung des Bandes im Signaturen-Magazin. „Was du Wundergecko von Astrid Nischkauer lesenswert macht, (…) [ist] das Konzept des Bandes, die Betrachtung bildender Kunst lyrisch fruchtbar zu machen, indem man Museumsbesuche sprachlich abbildet. So schreiten die Lesenden im ‚Wundergecko‘ von Gedicht zu Gedicht wie ein Museumsbesucher von Bild zu Bild schreitet.“ 

Unterm Marmeladenschimmel

„Wenn man Kathrin Niemelas Debütband liest, hat man den Eindruck, dass die Autorin auf eine ähnliche Art und Weise arbeitet, wie es in Rose Ausländers Gedicht ‚Mutter Sprache‘ thematisiert wird. Ein wahrnehmendes Ich zerfällt und setzt sich in der Sprache wieder zusammen. Was dabei entsteht, ist ‚Menschmosaik‘, ein lyrisches Ich, das sprachlich gebrochen gespiegelt wird“, schreibt Andreas Hutt über wenn ich asche bin, lerne ich kanji im Signaturen-Magazin. Und weiter: „Am deutlichsten scheint dieses poetische Verfahren im ersten Gedichtzyklus des Bandes ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘ sichtbar zu sein, der eine Beziehung des lyrischen Ichs von der ersten Verliebtheit über die Alltagsroutine bis zu Trennung begleitet. Dass diese oft dagewesene Thematik nicht in Klischees versinkt, ist der Sprache Niemelas zu verdanken, die mittels Leerstellen, Metaphern (‚wir sitzen unverlinkt‘ – Gedicht 14 oder ‚du fällst aus dem gras/ in die handlung‘ – Gedicht 1), Neologismen (sperrangelnah, lollipoptagen, des überliebens) und Auflösung des Dargestellten in Details die gängigen Stereotype genügend bricht, um dem Sujet Neues hinzuzufügen. Dabei unterliegen Niemelas Gedichte einer permanenten sprachlicher Gegenwärtigkeit.“