Scharfkantiges Kalk

„Ein idealisiertes, romantisierendes Bild mit Zusätzen von Arbeiterviertel-Folklore zeichnet Alexander Estis jedenfalls ganz und gar nicht“, schreibt Hans-Willi Hermans in einem Bericht über die Buchvorstellung der Legenden aus Kalk im Kölner Stadt-Anzeiger (14./15.4.22). „Repräsentativ für das ganze Viertel sollen die versammelten Geschichten ausdrücklich nicht sein. Doch man wundert sich schon, wie unterschiedlich die Einstellungen und Perspektiven der Menschen sind, die er – mit dem Blick des Literaten – meist spontan und intuitivan gesprochen und gebeten hat, eine persönliche Geschichte über Kalk zu erzählen. Die hat Estis häufig noch überarbeitet, Namen und andere, leicht identifizierbare Details verändert. Als Veedelsschreiber unterwegs war er (…) Vorgesehen war zunächst eine Dauer von knapp zwei Monaten, doch Alexander Estis (…) blieb ein knappes Jahr. Was im voll besetzten Sünner-Keller natürlich für viel Applaus sorgte. Ob er denn nach all den Monaten den Stadtteil Kalk auf einen Begriff bringen, ihn in einem Satz zusammenfassen könne, wird der Autor gefragt. Nein, antwortet der, mit jedem Gespräch sei das schwieriger geworden, sei ihm bewusster geworden, wie viele Facetten so ein Veedel hat. An ein Kaleidoskop oder ein Mosaik erinnere ihn das. Man könnte auch an eine Collage denken, bei der die einzelnen Bestandteile ja nicht zueinander passen, sondern häufig ohne Übergänge scharfkantig nebeneinander gestellt sind, und gerade in ihrer Unterschiedlichkeit belassen ein interessantes, manchmal faszinierendes Ganzes ergeben.“

Alexander Estis wird Heilbronner Stadtschreiber

Alexander Estis wird Stadtschreiber in Heilbronn. In dieser Funktion wird er das Projekt Hauptstadt der Folgenlosigkeit literarisch begleiten. Die Stadtschreiberstelle wurde zum ersten Mal vom Verein Bund der Folgenlosen ausgelobt. Eine sechsköpfige Jury (Rainer Moritz, Nora Bossong, Claudia Ihlefeld, Heike Gfrereis, Ijoma Mangold und Anton Knittel) entschied sich für Alexander Estis, der von Mai 2022 bis April 2023 in Heilbronn wohnen wird. Das Projekt Hauptstadt der Folgenlosigkeit, das verschiedene Berliner und Heilbronner Theatermacher und Institutionen realisieren, fragt, wie ein Leben aussehen kann, das keine negativen Folgen für andere Lebewesen und Materien hat. Weitere Informationen finden sich auf der Seite des Vereins und in der Heilbronner Stimme. In parasitenpresse erschienen von Estis Handwörterbuch der russischen Seele und Legenden aus Kalk.

Alexander Estis: Legenden aus Kalk

Als Veedelsschreiber in Köln-Kalk hat Alexander Estis Geschichten aus dem Veedel gesammelt – von kleinen Beobachtungen bis hin zu ganzen Biographien, von urbanen Mythen bis hin zu veritablen historischen Studien, von trivialen Alltagserlebnissen bis hin zu religiösen Visionen, von skurrilen Bagatellen bis hin zu tragischen Schicksalswendungen. In den Legenden aus Kalk geht es um Geister, Macheten und Fischaugen, um Heizungsrohre und Tik-Tok-Stars, um Holzwürmer, Janosch-Enten, Atombomben und die GSG9, um Trümmerfrauen und Mafiamänner, um Beinamputationen und Altäre aus Felgen, um violette Geigen, bunte Kaftans, nackte Verkehrsregler und wiederauferstandene Tote, um Einbrüche im Schutz von Matratzen, persische Prinzessinnen in Dönerläden und Bodenbelag aus Kirchenwachs.

Die Premiere findet am 31. März um 19 Uhr im Sünner Brauhaus statt. Bitte hier anmelden!

Legenden aus Kalk – Nach Erzählungen der Menschen eines Kölner Veedels, nacherzählt von Alexander Estis, mit einem Grußwort von Henriette Reker, 94 S., Preis: 12,- € (erscheint außer der Reihe) – ab sofort lieferbar

Alexander Estis wurde 1986 in einer jüdischen Künstlerfamilie in Moskau geboren; 1996 siedelte er mit seinen Eltern nach Hamburg über. Nach Abschluss des Studiums arbeitete er als Dozent für deutsche Literatur an verschiedenen Universitäten. Seit 2016 lebt er als freier Autor in Aarau. Im Jahr 2021 verbrachte er mehrere Monate als Veedelsschreiber in Köln-Kalk. Zuletzt erschien von ihm in der parasitenpresse: Handwörterbuch der russischen Seele.

Unsere Leipziger Buchmesse 2022

Auch wenn die offizielle Buchmesse abgesagt ist, sind wir vom 17. bis 20. März mit unseren Büchern, Autor*innen und Übersetzer*innen in Leipzig.

Vom 18. bis 20. März findet die Buchmesse Popup der unabhängigen Verlage statt. Wir sind mit einem Stand dabei, an dem ihr Autor*innen, Übersetz*innen und Freunde des Verlages treffen könnt, u.a. Olav Amende, Dirk Bretschneider, Evelyn Bubich, Zuzana Finger, Philipp-Bo Franke, Adrian Kasnitz, Christian Kreis, Sünje Lewejohann, Jonas Linnebank, Kathrin Niemela, Thomas Podhostnik, Mathias Traxler, Patrick Wilden und Nora Zapf. Am Sonntag lesen dort Sünje Lewejohann und Thomas Podhostnik (12.15-12.45h). Sowohl für die Popup-Messe als auch für die Lesungen sollte man Tickets reservieren! Ort: Werk 2, Kochstr. 132 (Haltestelle: Connewitzer Kreuz), Fr. 12-18h, Sa.+So. 10-18h.

Zusätzlich sind wir am 19. März mit einem Stand bei It’s a book in der Hochschule für Grafik und Buchkunst vertreten (Wächterstr., 12-21 Uhr) – gemeinsam mit der Kölner Literaturzeitschrift KLiteratur.

In zwei parasitären Abendveranstaltungen stellen wir am 18. März beim Books & Beers im Textat (Erich-Zeigner-Allee 64, 20 Uhr) und am 19. März bei So glücklich war ich noch nie im Besser Leben (Holbeinstr. 2, 20 Uhr) unsere Bücher vor. Am 18.3. lesen: Thomas Empl, Alexander Estis, Zuzana Finger, Philipp-Bo Franke, Adrian Kasnitz, Christian Kreis, Sünje Lewejohann, Jonas Linnebank, Kathrin Niemela, Thomas Podhostnik, Mathias Traxler, Patrick Wilden und Nora Zapf. Am 19.3. lesen: Olav Amende, Dirk Bretschneider, Beatrice Cordier, Veronique Homann, Laurine Irmer, Adrian Kasnitz, Sünje Lewejohann, Kathrin Niemela, André Patten, Thomas Podhostnik, Andre Rudolph und Patrick Wilden.

Wer gar nicht nach Leipzig kommen kann, dem sei die Lyrikbuchhandlung empfohlen. Von der ‚Buchhandlung‘ sind zwar nur die Online-Lesungen übriggeblieben, das Programm reicht aber für zwei Lyrik-Abende am 17. und 18. März. Am 17.3. liest dort Kathrin Niemela (ab 20.20 Uhr).

In jedem Fall freuen wir uns auf Begegnungen und Gespräche!

Thomas Podhostnik bei der parasitären Lesung vorm
Besser Leben, Leipzig 2021. Foto: AK.

Permafrostgärtner der Poetik

„Spätestens bei der Erklärung, warum es BIRKEN nur in Russland gibt, wird klar: Wir brauchen mehr Permafrostgärtner in der Poetik. Mit scheinbar herrlicher Leichtigkeit gräbt Alexander Estis russische Eigenarten um, während er zugleich in Deutschland vorherrschendes Klischeedenken entlarvt – kenntnisreich, messerscharf beobachtet, knapp und pointiert formuliert. Dabei kann es passieren, dass einem das Lachen in einer Zeile in der Folgezeile im Hals stecken bleibt“, schreibt Ortwin Bonfert über das Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis auf dem Spiegelungen-Blog, wo man den ganzen Text finden kann.

Alexander Estis erhält Rolf-Bossert-Gedächtnispreis

Alexander Estis erhält den Rolf-Bossert-Gedächtnispreis (für 2020). Bereits im vergangenen Jahr wurde Estis mit diesem neu begründeten Preis ausgezeichnet, konnte ihn aber aufgrund der Pandemie nicht in Empfang nehmen. Der Preis wurde u.a. von den ehemaligen Mitgliedern der »Aktionsgruppe Banat« und des »Literaturkreises Adam Müller-Guttenbrunn« im Andenken an den vorzeitig verstorbenen Dichter Rolf Bossert ins Leben gerufen; er wird jährlich unter allen auf Deutsch schreibenden Autoren ausgeschrieben. Die Laudatio auf Alexander Estis hielt die Grande Dame der rumänischen Lyrik Nora Iuga. Darin bemerkte sie:»Alexander Estis – für mich eine Offenbarung! Außer der Lyrik eines Robert Gabriel Elekes, eines in Rumänien geborenen und beheimateten Dichters, habe ich in der jüngeren Dichtergeneration keinen mit einer vergleichbar radikalen, unmittelbaren Ausdrucksweise vorgefunden, eine ohne Armspangen und Tätowierungen, immer verstörend, wobei die Botschaft, wenn von einer solchen die Rede sein kann, sich immer zwischen zwei gegensätzlichen Varianten befindet. Egal, für welche man sich entscheidet, man befindet sich auf unsicherem Terrain. In drei Zeilen fasst Alexander das Wesen unserer Existenz zusammen, besser gesagt das der Realität, in der wir uns ständig wiegen!« Die Verleihung fand gemeinsam mit der Preisträgerin für 2021 Britta Lübbers am 28. August in Reschitza (Rumänien) statt. In der parasitenpresse ist von Alexander Estis bislang das Handwörterbuch der russischen Seele erschienen.

Das ELK 2021 Bücherpaket

Zu unserem Europäischen Literaturfestival in Köln-Kalk (3.-5. September 2021) schnüren wir wieder ein Bücherpaket mit einigen der Festival-Autor*innen. Das sind diesmal Unwetter von Luis Luna und die beiden Anthologien Wie man ein Wunder löscht (mit Texten von Gisela Casimiro) und Was es bedeuten soll (mit Texten von Mati Shemoelof) sowie die beiden Bände Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis und Handbuch der russischen Seele von Alexander Estis (unseren Gästen des Alumni-Programms). Dazu legen wir den Festival-Reader, in dem auch die Texte von Lütfiye Güzel, Andreea Simionel und Xoşewîst enthalten sind. Das ganze Bücherpaket gibt es jetzt für 63,- € frei Haus. Bestellungen bitte direkt in unserem Buchladen aufgeben.

ELK Bücherpaket

Europäisches Literaturfestival Köln-Kalk – Programm ist online!

Das Programm unseres mehrsprachigen Europäischen Literaturfestivals in Köln-Kalk ist nun online. Am 3. September eröffnen wir das Festival in einer großen Lesung mit Gisela Casimiro (Lissabon/Guinea-Bissau), Lütfiye Güzel (Duisburg), Luis Luna (Spanien), Mati Shemoelof (Berlin/Israel), Andreea Simionel (Italien) und Xoşewîst (Leipzig/Syrien), Moderation: Adrian Kasnitz. Am Samstag (4.9.) und Sonntag (5.9.) finden weitere Lesungen aller Autor*innen des Eröffnungsabends statt und es stellen sich die Literaturzeitschriften Das Narr, KLiteratur, P.S. – Politisch Schreiben und Trimaran vor. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit ehemaligen ELK-Gästen nämlich mit Alexander Estis (Köln/Schweiz), Zoltán Lesi (Wien/Ungarn), Arvis Viguls (Lettland) und Krišjānis Zeļģis (Lettland).

Eine Stereotypmaschinerie

„Die ‚russische Seele‘ – wie viel Pathos, welche literarischen Tiefen und vielleicht sogar imperialen Traumlandschaften schwingen mit in dieser Worthülse? Zugegeben kann der Titel Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis Irritationen auslösen, allerdings womöglich gewünscht. Die Befremdung beginnt bei der zu hinterfragenden Konstruktion einer pauschalisierten nationalen Seele und wird bei der formalen Kategorie des ‚Handwörterbuchs‘ fortgeführt, das im Widerspruch dazu gewissermaßen Objektivität verspricht. Doch blickt man hinein in den literarischen Versuch, dieses schwer greifbare und zu hinterfragende Große des Titels in dem literarischen Gegenteil – nämlich in Prosaminiaturen – zu fassen, dann lassen sich in diesem Spannungsfeld Texte von ironischer Schärfe und überraschenden Pointen entdecken, die einen humoristisch persönlichen Zugang zu dem kulturell geformten Konstrukt offenbaren“, schreibt Ricarda Fait über das Handwörterbuch der russischen Seele für Read Ost. Und weiter: „Die Stimme und Perspektive variiert von Eintrag zu Eintrag zwischen einer auktorialen Instanz, einem Erzähler mit der Maske eines Ichs oder eines Wirs und kleinen Dialogen. Durch dieses Spiel der Perspektiven ist auch die eigentliche Erzählinstanz schwer zu fassen. Sie existiert nur in ihrer Vieldeutigkeit, blickt mal von innen, mal von außen, aber stets sehr einfühlsam auf den ausgewählten Begriff und geht dabei auch weit über klischeehafte Vorstellungen von Russland hinaus.“