Sieben Bogen Papier. Eine persönliche Bemerkung zum 18. Geburtstag der parasitenpresse

Im April 2000 zeigte ich zwei Freunden in einem Café in Köln-Sülz (Adresse: Weyertal, das Café existiert heute in anderer Form und gehört zur Buchhandlung nebenan) ein Buchobjekt, das ich aus gebrauchten Briefumschlägen gefertigt hatte. Das Lyrikheft mit elf Textseiten gefiel den Freunden. Hätten sie damals die Köpfe geschüttelt, wäre es nie zur Gründung der parasitenpresse gekommen. Noch im April begannen wir die Produktion solcher Hefte (erste Verlagsadresse: Marienstr. 39 in Köln-Ehrenfeld). Da das Papier (gebrauchte Briefumschläge aus aller Welt, Packpapier, Künstlerkarton) gesammelt und per Hand zugeschnitten werden musste, war jedes Heft ein Unikat. Im ersten Jahr erschienen gleich fünf Titel (davon sind zwei immer noch als Neuausgabe lieferbar).

Neben dem literarischen Schreiben, dem Studium, der Kindererziehung und wechselnden Berufen begleitet mich die parasitenpresse seitdem und wird nun volljährig. Über achtzig Titel sind erschienen (Lyrikhefte, Taschenbücher, Anthologien, 3 E-Books und 2 CDs) von deutschsprachigen aber auch immer wieder internationalen Autorinnen und Autoren. Bücher, die in unzähligen Lesungen vorgestellt wurden und die uns in große aber auch abwegige Städte, fremde Länder und sogar über den Atlantik getragen haben. Für mich (ich bin in einem einsam gelegenen Haus in Masuren und am sauerländischen Waldrand aufgewachsen und stamme aus randständigen Verhältnissen) ist es immer noch schier unglaublich, wie aus sieben gefalteten Bogen Papier ein Verlag entstehen kann.

A.K.

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kein schlaf bis kriegshaber

Zum Gedichtband nach dem nachkrieg von Gerald Fiebig veröffentlichen wir heute einen Bonustext, der nicht im Band enthalten ist.

 

kein schlaf bis kriegshaber (nach motörhead)

we are the road crew, auf signalwegen unterwegs
durch die besatzungszeitzonen, zwischen 45 & 95,
zwischen 230 & 110 volt: another europe map to learn.

wir arbeiten da, wo sich aux & esel gut’ nacht sagen.
wo sich hase & igel & raupe & raupe
& der schweigefuchs mit den devil horns
die klinkenkabel in die hand geben. we are the road crew.

wir arbeiten an der basis, & umverteilung kommt
an uns nicht vorbei. schon gar nicht, wenn’s um
elektroverteilung geht. i sing the body electric,
& ohne elektrizität singt hier niemand. du brauchst
mehr monitor? „shure, man.“ (das können wir auf türkisch,
vietnamesisch, auf russisch & butoh. another word i learned to say.)

wir entscheiden, wem wir seine (oder ihre) stimme geben,
denn der fader ist mächtiger als das schwert.
wir sind die herren über licht & schatten,
über die ballettteppichschicht auf den bodenlatten,
über riser & trusses, über nacht & nebelmaschinen.
we are the road crew.

wir halten hier mit leiter & gehörschutz,
mit hammer & sichel, äh, akkuschrauber,
mit geduld & spucke & kleber den laden zusammen:
another tube of superglue. another turn. another screw.
wir nehmen’s immer ganz genau. wir kennen unsre VstättV.
we are the road crew.

& wenn ihr weg seid, sind wir die letzten, die bleiben.
wir messen die stille nach dem ende des lärms.
another gig, my ears bleed. alle fader
sind unten, doch die feder
ist mächtiger als die schwerkraft & macht,
dass die blauen stühle im leeren theater
langsam nacheinander nach oben klappen.
& das macht ein geräusch, das ihr nie hören werdet.
das kennen nur wir. we are the road crew.

ihr seid die gaffer, aber wir ha’m das gaffa.
& wenn’s mit gaffa nicht mehr hält, dann spax ma’s.
we are the road crew aus dem abraxas.

für Andi, Bert, Georg, Peter & Wolfi

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Quién es Bastian Schneider

„Wer ist Bastian Schneider?“, fragt sich die katalanische Tageszeitung La Vanguardia. Eine absolute Fiktion des spanischen Schriftstellers Enrique Vila-Matas? Ein Gespenst? Oder der deutsche Schriftsteller (Vom Winterschlaf der Zugvögel; Irgendwo, jemand)? Vila-Matas hat ein Buch über Intertextualität und Plagiat geschrieben (Doctor Pasavento + Bastian Schneider), gemeinsam mit Bastian Schneider. Nur mit welchem? In der aktuellen Ausgabe von Lettre International gibt es einen Auszug von/aus Bastian Schneider. Ist Bastian Schneider vielleicht ein neuer White (Paul Auster) oder ist er vielleicht sogar Enrique Vila-Matas höchstpersönlich?

Stille Begleiter #1 / Crauss: poesie abseits von schinken und schnapsidee

„in der pflege der kunst und dichtung sind wir westfälinger hinter den anderen deutschen volksstämmen weit zurück,“ schreibt Justus Möser, ein zeitgenosse von Matthias Claudius. „die freundliche gottheit des liedes liebt leichtentzündliche naturen, wir aber sind zu ernst, zu gründlich, zu schwerfällig.“

mag es an dieser schwerfälligkeit liegen, dass bis heute, 2013, zwar die bildende kunst und die musik, seltener aber die literatur eine echte, d.h. dauerhaft intensive förderung hierzulande erhalten hat. da mühen sich dichter nach wie vor, in ihren heimatstädten und –städtchen etwas auf die beine zu stellen, eine kleine lesebühne vielleicht, müssen aber schon bald am desinteresse der veranstalter verzweifeln. in oberzentren wie siegen (und das gilt durchaus auch für schwestern wie hagen oder lüdenscheid) gilt bei buchhändlern für literatur, was sich als roman verkaufen lässt; auf den bühnen der stadt müssen kabarettisten und comedians, vielleicht noch amüsierkolumnisten den job des dichters übernehmen. gebucht wird, was publikum zieht. als neu und interessant gelten poetry slams, die vielleicht ein kurzes vergnügen, aber doch selten einen bleibenden wert vermitteln. das publikum wird dabei oft genug mit der eintagsfliege verwechselt, die sich auf den gleichen haufen setzt wie alle ihre genossinnen – und bitteschön nirgendwo anders hin.

westfälische dichter, die wegen literarischer tiefe berühmt oder zumindest bekannt wurden, kamen (und kommen) oft genug erst zu ehren, als sie längst weggezogen waren. blieben sie, sammelten sie sich zu früheren zeiten eher in münster als in schmallenberg, kamen häufig auch aus dem münsterland, und trafen sich später im kölner raum.

nicht umsonst entfachte sich 1956 ein jahrelang anhaltender dichterstreit an der frage, was genau denn westfälische dichtung sei. Josef Bergenthal schreibt in einer 1953 erschienenen anthologie: „westfälischer dichter ist, wer dichter und westfale zugleich ist. er braucht gewiss nicht in einer westfälischen mundart zu schreiben. heimatliche bezüge dürfen nicht als ersatz für fehlende dichterische qualitäten gewertet werden.“ und nun, meine damen und herren, schauen Sie sich bitte einmal die siegerland-, das heisst: regional-ecken in den hiesigen buchtempeln etwas genauer an!

das westfälische – und eben auch die literatur – ist seit je wegen heimischer kargheit zum auswandern gezwungen. das sauerland, und erst recht das geographisch schwerer zugängliche siegerland, ist in der literaturgeschichte kaum vertreten. es hat viele tüchtige industrielle oder pädagogen hervorgebracht, mit dichtern war und ist es aber nicht besonders gesegnet.

das liegt an einer (auch nicht nur im regionalen verankerten, sondern durchaus allgemeinen) geringschätzung zeitgenössischer literatur, das gründet aber heute wie vor 150 jahren ebenfalls am erwähnten, nicht besonders leicht entzündlichen gemüt des westfalen. im 19. jahrhundert gab es sogenannte hollandgänger, die sich ihr brot auch wegen der beschwerrnis zuhause woanders verdienen mussten. es gab den berufsstand des westfälischen heringsfängers: männer aus der gegend um minden, die jahr für jahr hinauszogen, um an den fanggründen der nordsee zwischen norwegen und schottland ihre treibnetze auszulegen.

die anthologie von Josef Bergenthal versammelt einige wunderbare texte, etwa Margarete zu Bentlages pfingsttag, Wilhelm Vershofens geschichten aus sonnenhoevel oder Otto Wohlgemuths als hätte die erde selber geschrien. wem aber sind diese dichter heute noch ein begriff? neben ihnen versammeln sich in dem buch texte, die anfang der 1950er jahre ebenso wie das vorwort noch schwer beladen sind mit begriffen wie volksstammerde oder erbstrom.

freilich heisst der westfälische literaturpreis in der folge des grossen dichterstreits von 1956 Ernst Meister preis; etwas hat sich also geändert. zwar gibt es ausserdem einen 2003 als universitäres forschungsheft erschienenen schmalen überblick über die literatur in der direkten siegener umgebung und mehrere zwischen 1989 und 1999 erschienene sammelbände, die sich mit literatur und kunst in siegen beschäftigen, darunter allein zwei anthologien der zehn jahre existiert habenden literaturgruppe aktion musenflucht. allerdings handelt es sich bei vielen beiträgen der bücher meine stadtmomentaufnahme und siegener lesebuch um spass- und heimatkundliche texte oder solche, die das weggehen bzw. die möglichst schnelle durchreise zum thema haben – was nichts weiter ist als eine andere form der heimatkunde, oft aber einfach nichts mit literatur zu tun hat.

selbstverständlich gibt es auch ambitionierte und sogar hochrangige texte in diesen anthologien. der punkt ist: sie sind nicht in der lage (und garnicht dazu gedacht), auch nur ansatzweise einen überblick über literatur in westfalen zu geben – und so zum beispiel auch zu vermitteln, dass nicht nur in den ballungsräumen berlin, hamburg und eventuell köln oder münchen poetisch gedacht wird oder gedacht werden kann, sondern dass es auch auf dem land urbane und national bedeutende literatur geben kann.

mir ist keine zusammenstellung bekannt, die jünger als dreissig oder vierzig jahre wäre und dies leistet. immerhin, seit 2008 erscheint mit versnetze ein jährlicher sammelband, der deutschsprachige lyriker nach postleitgebiet zusammenfasst; im vierer- und fünfer-bereich lassen sich neben den anderen republikgebieten entsprechend die westfalen nachschlagen und entdecken.

ebenfalls begrenzt auf gedichte, aber spezifischer in der auswahl der autoren haben nun Adrian Kasnitz und Christoph Wenzel die anthologie westfalen, sonst nichts? auf den weg gebracht. sie zeigt, wie vielfältig die gegenwärtige junge lyrik in und aus nrw ist: neue gedichte von etwa dreissig gebürtigen, zugezogenen, ausgewanderten und zurückgekehrten. unter ihnen sind Andreas Bülhoff, Jan Skudlarek, Stephan Reich und Bastian Schneider. alle haben einen bezug zum westfälischen, vor allem haben sie aber einen literarischen anspruch, der über schnaps und schinken hinausreicht.

Literatur:
* Josef Bergenthal: westfälische dichter der gegenwart. deutung und auslese. mit 28 illustrationen und einem bücher-nachweis. münster: verlag regensberg 1953;
* Franz-Josef Weber, Karl Riha: meine stadt. literatur und kunst in und um s.; in zusammenarbeit von universität-gh siegen und kunstverein siegen. siegen: höpner verlag 1989;
* arbeitsgruppe literarisches leben: momentaufnahme. literatur und kunst in siegen heute: ein lesebuch. siegen: verlag vorländer 1989;
* aktion musenflucht: manuscripties. anthologie. mit einem vorwort von M. Jung. siegen: eigenverlag 1993;
* aktion musenflucht: inner city. anthologie.hg. v. prof. dr. Wolfgang Popp. siegen: universität siegen 1998;
* Thomas Kleber, Karl Riha: siegener lesebuch. literarische streifzüge durch die krönchenstadt. siegen: universität siegen 1999;
* Walter Gödden, Reinhard Kiefer: utopische dichter. der schmallenberger dichterstreit 1956, Ernst Meister und die folgen. analysen und dokumente. bücher der nyland-stiftung köln. münster: ardey verlag 2000;
* Crauss: KONtext sieGEN. digging the dirt. literatur in der krönchenstadt – eine übersicht. reihe massenmedien und kommunikation, MUK 144. siegen: universität siegen 2003;
* Axel Kutsch: versnetze. das grosse buch der neuen deutschen lyrik. weilerswiste: verlag ralf liebe 2008; versnetze_zwei (2009), _drei (2010), _vier (2011) und _fünf (2012) ebendort;

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In der Reihe Stille Begleiter erscheinen in loser Folge Beiträge zu Büchern und den Themen, die sie verhandeln. Es sind kurze Essays, Kommentare, eigene Sichtweisen. Der Schriftsteller Crauss. (Jg. 1971) lebt in Siegen. Eine kleine Auswahl seiner Gedichte ist in der Anthologie Westfalen, sonst nichts? enthalten, neben zahlreichen weiteren Publikationen ist zuletzt der Band Lakritzvergiftung (Berlin: Verlagshaus J. Frank, 2011) erschienen.