Kinga Tóth: Party

„In diesem kleinen Horrorbuch habe ich über viele Tabus in meinem Land geschrieben: über die Probleme von Queers, über Rassismus. All das, worüber man nicht sprechen kann oder soll. Problematisch ist aber auch, dass man in Ungarn derzeit nicht genau weiß, wann man ein Tabu angreift, weil die Regeln sich immer verändern – wie in meinem Buch. Party handelt von einer Welt, in der die Regeln sich immer wieder verschieben und man nie weiß, ob man der Spielleiter oder nur ein Mitspieler, Gewinner oder Verlierer ist“, schreibt Kinga Tóth über ihr neues Buch.

Die illustrierte Sammlung basiert auf Kinderreimen, die Kinga Tóth sich aneignet, indem sie sie verzerrt und verkehrt. Ein wiederkehrendes Element darin ist der Bezug zur Tierwelt, vor allem zu Nutztieren der Landwirtschaft. Im Zusammenhang mit den übergreifenden Themen Gewalt und Macht im Spiel, die Party insgesamt durchdringen, wird aus dem Schwein ein Symbol gesellschaftlicher Strukturen. Die landwirtschaftliche Tradition zählt neben der christlichen zu den wichtigsten Grundfesten der nationalen und kulturellen Identität Ungarns. Heute erfolgt ihre Repräsentation häufig im Sinne einer Romantisierung: das Land als Idyll, Zuflucht und Kern eines bodenständigen, autonomen Daseins. Gegenwärtig schlägt aber die wirtschaftliche Notlage der ungarischen Nation vor allem in den ländlichen Gegenden zu Buche. Fremdenhass, insbesondere der Antiziganismus, und ein Traditionalismus, der zum Nationalismus tendiert, florieren.
Kinga Tóth: Party. Gedichte und Zeichnungen, 60 S., Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar
Cover Tóth Party
Kinga Tóth, geb. 1983, lebt in Ungarn und Deutschland. Sie ist Sprachwissenschaftlerin, (Klang-)Poet-Illustratorin und Kulturmanagerin. Ihre Texte inszeniert sie als Performance und mit Installationen. Preise und Stipendien: Iowa Writer Academy, LCB, Bosch-Wimmelforschung, Solitude Akademie, Havirov, Visegrad-Bratislava, Eduard-Rosenthal-Stipendium, GEDOK, Hazai-Attila-Preis für Literatur. Zu ihren Publikationen zählen Gedichtbände (auf Ungarisch, Deutsch und Englisch) mit Illustrationen: Zsúr (Party, Prae, 2013), ALL MACHINE/Allmaschine (Akademie Schloss Solitude, Magvet), Village 024 (Melting Books), Mondgesichter (Magvet, 2017), Flugschrift-Sprachbau (2018). In der parasitenpresse erschien Wir bauen eine Stadt (2016). Zur Zeit ist sie Stadtschreiberin in Graz und arbeitet an neuen Text-Klangprojekten.

Arvis Viguls: Die Handschrift einer Nadel

Mit Lyrik aus Lettland geht es weiter in unserer Reihe Die nummernlosen Bücher. Der lettische Dichter Arvis Viguls stochert im Leben herum, kratzt alte Narben auf, verkriecht sich im Bett, wäscht seinen Vater. Cut your hair!, diesem Ruf, halb Rat, halb Befehl, folgt er und steht als neuer Mensch da, „jemandem ähnlich, / dem die schwere Krone vom Kopf gehoben wird / und der jetzt / ohne Zepter oder Schirm / durch die kalten verregneten Straßen laufen muss“. Erstmals liegt nun auf Deutsch ein Gedichtband von Viguls vor, den die Wiener Dichterin Astrid Nischkauer für uns übersetzt hat.

Arvis Viguls: Die Handschrift einer Nadel. Gedichte, aus dem Lettischen übersetzt von Astrid Nischkauer, 86 Seiten, Preis: 12,- € – ist ab sofort lieferbar

cover viguls

Arvis Viguls, geb. 1987 in Jēkabpils, lebt als Dichter und Übersetzer in Riga. Er veröffentlichte bisher drei Gedichtbände Istaba (Raum, 2009), 5:00 (2012) und Gramata (Buch, 2018) und erhielt dafür mehrere Preise, u.a. den Preis des Lettischen Autorenverbandes für das beste Debüt, den Preis des lettischen Poesiefestivals
Dzejas dienas für den besten Band des Jahres und den Preis der Anna-Dagda-Stiftung. Einzelne Gedichte wurden in mehr als vierzehn Sprachen veröffentlicht. 2017 erschien ein Auswahlband auf Spanisch, La caligrafía de la aguja.

Astrid Nischkauer, geb. 1989, Dichterin und Übersetzerin. Drei Gedichtbände in der parasitenpresse, zuletzt: Satyr mit Thunfisch (2018). Rezensionen und Literarische Selbstgespräche für fixpoetry.com. Lebt zwischen Bücherbergen und in Wien.

AC Biblio in Athen

Am vergangenen Wochenende fand in Athen unser deutsch-griechisches Literaturtreffen AC Biblio statt. Die parasitenpresse und die Kölner Literaturzeitschrift KLiteratur trafen in einem Workshop auf den Verlag Antipodes und die Athener Literaturzeitschrift FRMK und sprachen über Bibliodiversität und Möglichkeiten der Kooperation.

Ermöglicht wurde das Treffen durch das Programm Transfer International des NRW KULTURsekretariats Wuppertal und des Ministeriums für Kultur und Wissenschaft des Landes NRW.

Fotos: (c) Adrian Kasnitz und Wassiliki Knithaki

Kurzfilm

Am vergangenen Wochenende lief bei WDR5 Bücher das Gedicht Kurzfilm von Thodoris Rakopoulos aus der Griechenland-Anthologie Kleine Tiere zum Schlachten. Auf der Website der Sendung kann man die dazugehörende Besprechung nachlesen. Matthias Ehlers schreibt: „Diese Sammlung zeigt Politisches, Privates und Philosophisches, die Vielfalt ist groß und der Horizont weit – von der ‚Tankstelle in der gnadenlosen Sonne mitten im Nichts‘ über den ‚Juni 1986‘ zum ‚Abschiedsgruß an Sylvia Plath‘ oder den ‚Weg zum Büdchen‘ bis zum ‚Kurzfilm‘ und bis ‚Spring doch Tod, ich fang dich auf‘: Liebe, Krieg, Europa, Armut, Verlust und Angst werden von den hier versammelten Dichterinnen und Dichtern wirkungsstark und sprachlich überzeugend in Verse gepackt.“ Sein Fazit fällt sehr positiv aus: „Aus vielen möglichen Blickwinkeln und in diversen Tonlagen erzählen hier junge griechische Dichterinnen und Dichter von sich und der Welt, die sie umgibt. Sie erzählen poetisch, prägnant, lakonisch, engagiert und können intellektuell und emotional berühren. Sehr zu empfehlen, Jamas!“

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