Eine Flammenschrift, ein Meisterwerk

„Neun Lyrikbände hat er bisher verfasst, und jetzt ist eine Sammlung seiner Gedichte auf Deutsch erschienen, die den jungen Venezolaner auch in Deutschland bekannt machen dürfte. Auf dem Kopf durch die Nacht ist die Beschreibung eines wahr gewordenen Albtraums in Versen. Vom ersten Gedicht (‚Caracas, die Sterbenden grüßen dich nicht‘), das beginnt mit ‚Schon haben sie keine Hände mehr, die sie heben können/man hat sie ihnen abgeschnitten/ihnen entrissen …‘), bis zum letzten Gedicht ‚Freies Geleit‘ ist dieses Buch der Versuch, das Unbeschreibliche in Worte zu fassen“, schreibt Matthias Ehlers über die Gedichte von Adalber Salas Hernández für die Bücher-Sendung bei WDR5.

Seine „Lyrik erzählt von Demoralisation, Auflösung, Zerfall und Agonie eines Landes, das die höchste Mordrate Lateinamerikas hat und trotz der weltweit größten Erdölreserven seine Einwohner verhungern lässt, die am ‚Gestank der Mülltonnen ersticken‘. Vor diesem Hintergrund verblassen selbst die seltenen positiven Bilder, die Adalber Salas Hernández findet, wenn er z. B. über seine Großmutter schreibt: ‚Ich habe nie rausgekriegt ob sie auch schlief oder aufs Morgenrot wartete, das sanfte Husten der Vögel hörend …‘ (…) Auf dem Kopf durch die Nacht ist eine Flammenschrift, ein Meisterwerk in guter lateinamerikanischer Tradition von Ruben Dario und Pablo Neruda, geschrieben für die, die es angeht.“

Kann man Wunder löschen?

„Kann man Wunder löschen? Hinter dem mysteriösen Titel verbirgt sich eine ausgezeichnete Sammlung zeitgenössischer Lyrik aus Portugal“, schreibt Matthias Ehlers für WDR5 Bücher über unsere Anthologie Wie man ein Wunder löscht. Und weiter: „Die Gedichtsammlung kommt aus dem kleinen, aber feinen Kölner Verlag Parasitenpresse, der sich seit über 20 Jahren auf Lyrik und Kurzprosa spezialisiert hat. Dafür wurde er 2021 mit dem Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet. Ehre wem Ehre gebührt. ‚Mit den Gedichten der acht Lyrikerinnen und Lyriker möchten wir vor Augen führen, wie kulturell und politisch divers die portugiesische Gegenwartslyrik ist.‘ Das schreiben im Nachwort Beatrice Cordier und Laurine Irmer, die für Auswahl und Übersetzung verantwortlich sind.

Genau gesagt sind es sechs Lyrikerinnen und zwei Lyriker, die hier den geneigten Leserinnen und Lesern von dem erzählen, was sie bewegt und zu Gedichten inspiriert hat. Thematisiert werden die eigene Seelenlage, Verreisen, die koloniale Vergangenheit Portugals, die nach wie vor mächtige katholische Kirche in Portugal, gesellschaftliche Traditionen und einiges mehr.

Sich selbst, private und politische Situationen reflektierend, sind den relativ jungen Lyrikerinnen und Lyrikern eindringliche Gedichte gelungen, die bisweilen drastisch im Ausdruck, selten hermetisch und oft durchaus komisch sind.

Wie man ein Wunder löscht ist eine immer interessante und sehr lesenswerte Anthologie, die jederzeit zu empfehlen ist“. Hier ist der Link zum Beitrag. In der Sendung lief übrigens das Gedicht Jenny von Sara F. Costa.

Pablo Jofré: Berlin – Manila

Der in Berlin und Madrid lebende, chilenische Schriftsteller und Übersetzer Pablo Jofré hat einer Reise von Berlin bis Manila unternommen und war größtenteils per Bahn unterwegs. Von Berlin über Warschau und Moskau folgte er der Transsibirischen Eisenbahn durch Sibirien, in die Mongolei und bis nach China. Von der größten Stadt der Welt Chongqing ging es nach Vietnam, Thailand und Kambodscha bis er schließlich in Manila auf den Philippinen ankam. Seine Eindrücke, Gedanken und Begegnungen hat er in Gedichten und Fotos festgehalten, die dieser Band präsentiert. Die Übersetzerin Odile Kennel hat den Band ins Deutsche übertragen.

Ich reise von Chile nach Berlin komme aus 
Warschau breche auf nach 
Minsk unterwegs nach Moskau 

reise beladen mit schillernden Bars 
mit der mittelalterlichen Hysterie der Beamten 

bringe schlaffe traurige Flügel mit 
einen Regierungskater aus Merkelandia 

ich reise tanze mechanisch 
von durchscheinenden Farben gekrönt 
komme von der After-Post-Party 
geblendet von der grellen Sonne 
der grellen Wirklichkeit 

komme aus winterlichem 
Schwarz dem Marktgeschrei 
dem Kreischen der Straßenbahnen 

Pablo Jofré: Berlin – Manila. Gedichte aus dem Spanischen von Odile Kennel, 54 Seiten, Preis: 10,- € – ab sofort lieferbar

Pablo Jofré, geb. 1974, in Santiago de Chile, studierte Literatur, Anthropologie, Journalismus und Übersetzung in Chile und Spanien. Zu seinen Veröffentlichungen zählen neben Berlín Manila (L.U.P.I./Zoográfico, Baskenland/ Madrid 2019), auch die Bände Abecedario (S.A.L.C., La Serena 2009) – auf Deutsch: Abecedar (parasitenpresse 2017) –, Extranjería (Cuarto Propio, Santiago 2017), Usted (Milena Berlín 2013) und die gesammelte Lyrik bis 2019, Entre tanta calle (Amargord, Madrid 2020). Er hat die Lyrik von Nora Gomringer, Elfriede Jelinek, Adrian Kasnitz, Odile Kennel und David Shook ins Spanische übersetzt. Mit einem Gedicht nahm er an der Aktion Bombing of poems (Casagrande-Southbank Center 2012) in London teil. 2010 erhielt er den Premio Ciudad Sant Andreu de la Barca und 2016 ein Stipendium des chilenischen Consejo Nacional del Libro y la Lectura für diesem Band. Er lebt in Berlin und Madrid.

Odile Kennel, lebt in Berlin, Lyrikerin, Romanautorin, Lyrikübersetzerin. 2019 erschien ihr Gedichtband Hors Texte beim Verlagshaus Berlin, 2013 oder wie heißt diese interplanetare Luft bei dtv. Sie veröffentlichte zwei Romane, Was Ida sagt (2011) und Mit Blick auf See (2017) und den Essay Lust (Verlagshaus Berlin 2021). Für die parasitenpresse übersetzte sie zuletzt Claire Gondor und Timotéo Sergoï aus dem Französischen (Die Schienbeine der Stadt, 2019) sowie Luis Luna (Unwetter, 2021) aus dem Spanischen. Außerdem ist sie in dem Band Translator’s Choice (2021) mit Übersetzungen von Beatriz Rgb vertreten.

Zweierlei Höllenkreise

„Das Debüt der 27-Jährigen beschreibt ein ’ständiges Scheitern in der Welt. Ihr Lebenslauf ist leer, der Kopf ist voll.‘ Das ist schon mal ein gutes Statement in einer Gesellschaft, in der die Lebensläufe von Kindesbeinen an mit Zertifikaten und Qualifikationen gefüllt werden, eine erstaunliche Furcht vor dem Leerlauf herrscht und der Eichendorff’sche Taugenichts schon fast als eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung gilt. Sandra Klose scheint genügend Zeit ihres der Leistungsgesellschaft entzogenen Lebens mit der richtigen Lektüre verbracht zu haben. Tagträume, eine beherzte Körperlichkeit und ein waches Auge und Ohr kondensieren in Miniaturen, die, jaja, schön und klug geschrieben sind. ‚mein schritt glüht / goldbarren klimpern in der tasche / daneben sitzt ein affiges reden / wie es eben so in der bahn redet / mein schritt sprüht / ich rieche mich gegen den wind / hafenluft frei wie ein kaltes bier …‘ – das kann man in Salons wie in Kaschemmen zitieren, ohne sich damit zu blamieren. Ihr Verlag schreibt, dass das Büchlein durch die Decke gehen möge, denn ’sie braucht das Geld‘. Die alten Säcke haben die Nobelpreise und die Sendezeit bei Hubert Winkels – also, liebe Leserinnen und Leser, öffnet eure Schatullen für die Debütantin. Die Welt bedarf der Taugenichtse“, schreibt Mario Pschera über Hotel Rhizom im Lyrik-Spezial des neuen deutschland (20./21.11.).

In der gleichen Ausgabe findet sich auch ein Hinweis (vom selben Autor) auf Auf dem Kopf durch die Nacht von Adalber Salas Hernández. „Der 1987 geborene Salas Hernández vermag Venezuela nur noch als einen Höllenkreis des Dante Alighieri zu beschreiben. Der Fluch des Treibstoffs, ein Operetten-Sozialismus der prunkenden Uniformen, die ewige Wiederkehr der Caudillos, der Hunger, die Toten auf den Straßen. Hernández hat seine Kindheit und Jugend in Caracas verbracht, der Stadt ‚voller Puppen aus Wachs‘. Kein schöner Stoff ist das, eine formsichere Anklage schon. Ein Aufruf zum Handeln, und also Poesie in großer Tradition. Salas Hernández weiß die Fußstapfen auszufüllen.“

Translator’s Choice. Übersetzen als poetische Utopie. Latinale 2021

Translator’s Choice. Übersetzen als poetische Utopie ist der Reader zur 15. Latinale 2021, dem mobilen lateinamerikanischen Poesiefestival aus Berlin. Utopie entsteht dort, wo von einem Topos, von einem Ort zu einem anderen gewechselt, oder der gegebene Ort transmutiert wird. Utopie ist Neu-Belebung und Neu-Bedeutung. Der plötzlich von Vögeln bevölkerte Fenstersims, den Maricela Guerrero in ihrem vorangestellten Grußwort beschreibt, ist eine solche Utopie – oder, besser noch, ein schon existierender Ort, der auf neue Weise wirksam wird und so sein Publikum findet: die Dichterin, die Katze der Dichterin, und womöglich Kinder, die die Vögel (und die Katze) in ihren neuen Begegnungsbereichen beobachten. Das Setting kristallisiert zu einem Begriff – dem der Begegnung – und Guerrero überträgt ihn auf den Gegenstand ihres Textes: das internationale Poesiefestival Latinale, dessen Schlaglicht im Jahr 2021 die Utopie ist. Die Dichterin ist darin geübt zu transformieren, was sie benennt, und so wird die Latinale im Handumdrehen zu einer Plattform, auf der sich Vögel, Fenster und vogelfressende Hausraubtiere zum Feiern zusammenfinden. Gegenstand der Feier: Poesie. Genauere Kennzeichen: Poesie einer komplexen Provenienz. Ausgangsorte: Lateinamerika und die Karibik. Zielorte: Berlin und andere deutsche Städte.

Herausgegeben von Timo Berger, Rike Bolte und Alina Neumeyer versammelt der Band Beiträge von Julio Barco, Tania Favela, Caro García Vautier, Ana Martins Marques, Jamila Medina Ríos, Beatriz Rgb, Jimena González, Milton López, Xitlalitl Rodríguez Mendoza, Carlos Soto Román, Romy Brühwiler und Marcela Guerrero sowie Übersetzungen von José F.A. Oliver, Léonce W. Lupette, Michael Kegler, Nora Zapf, Christian Filips, Birgit Kirberg, Silke Kleemann, Johanna Schwering, Lisa Calmbach, Thomas Schultz und Lisa Spöri.

Die Latinale findet dieses Jahr vom 17.-24. November in Berlin, Osnabrück und Frankfurt statt. Das Programm findet sich hier.

Translator’s Choice. Übersetzen als poetische Utopie. Latinale 2021, hg. v. Timo Berger, Rike Bolte und Alina Neumeyer, dreisprachig Deutsch/Spanisch/Portugiesisch, 168 Seiten, Preis: 15,- € – ab sofort lieferbar

Das Gedicht ist ein Schlachtfeld

Unsere von Beatrice Cordier und Laurine Irmer herausgegebene portugiesische Anthologie Wie man ein Wunder löscht empfiehlt Erwin Uhrmann im Spectrum, der Literaturbeilage von Die Presse (Wien). „Vor allem die momentane Beschaffenheit der Gesellschaft ist dabei ein wichtiges Thema“, schreibt er und zitiert ein Gedicht von Francisca Camelo: „trägt man / in einer Demonstration gegen den Femizid / die gleiche Maske / wie an einem glücklichen Tag?“

Rimfaxe und Skinfaxe

„In zweisprachigen Lyrikausgaben dänischer Dichtung zu lesen, verspricht nicht nur eine Bereicherung unseres spärlichen Wissens.“ Bernd Leukert las drei für Faust-Kultur und wurde dabei „auch aufs Schönste überrascht“. Auch unsere Anthologie Hier habt ihr mich (hg. v. Ursel Allenstein und Marlene Hastenplug) ist dabei, die im gewissen Sinne (mit dem Fokus auf neueste Lyrik) eine Vorarbeit oder Ergänzung zur Hanser-Anthologie Licht überm Land ist, die dänische Lyrik vom Mittelalter bis heute präsentiert und auch Texte aus Hier habt ihr mich übernommen hat. Die ganze Besprechung ist hier nachzulesen.

Das ELK 2021 Bücherpaket

Zu unserem Europäischen Literaturfestival in Köln-Kalk (3.-5. September 2021) schnüren wir wieder ein Bücherpaket mit einigen der Festival-Autor*innen. Das sind diesmal Unwetter von Luis Luna und die beiden Anthologien Wie man ein Wunder löscht (mit Texten von Gisela Casimiro) und Was es bedeuten soll (mit Texten von Mati Shemoelof) sowie die beiden Bände Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis und Handbuch der russischen Seele von Alexander Estis (unseren Gästen des Alumni-Programms). Dazu legen wir den Festival-Reader, in dem auch die Texte von Lütfiye Güzel, Andreea Simionel und Xoşewîst enthalten sind. Das ganze Bücherpaket gibt es jetzt für 63,- € frei Haus. Bestellungen bitte direkt in unserem Buchladen aufgeben.

ELK Bücherpaket

Wie man ein Wunder löscht. Neue Gedichte aus Portugal

Die Anthologie Wie man ein Wunder löscht stellt neue Gedichte aus Portugal vor, die Beatrice Cordier und Laurine Irmer ausgewählt und übersetzt haben. „Mit den Gedichten der acht Lyriker:innen möchten wir vor Augen führen, wie kulturell und politisch divers die portugiesische Gegenwartslyrik ist. In einer Poesie zwischen Alltag und Mythos wird in diesen Gedichten von kleinen und großen Themen erzählt, von Politik und Zukunft, von Nähe und Fernweh, aber auch von der Kunst, Kritik zu üben.

Mit viel Humor, aber auch mit einer Spur von Pathos, gehen die Poet:innen den portugiesische Konventionen und Lebensweisen nach, indem sie sie in ihren Sprachspielen gleichermaßen auf die Probe stellen. Die Motive der Kolonialgeschichte, des Katholizismus, der konventionellen Geschlechterrollen, aber auch des Tourismus, des Klimawandels und der Wirtschaftskrise kollidieren in diesen bildreichen Poesien und werden gleichermaßen kritisch unter die Lupe genommen.

Ein wiederkehrendes Moment stellt die Reise dar. Es wird von ihr und dem Leben im Ausland gesprochen, aber auch über ein Reisen durch die Zeit, wie es die Aufarbeitung der kolonialen Praktiken und Hinterlassenschaften der portugiesischer Kolonialherrschaft bedeutet. Gewiss enthält die Kunst des Übersetzens die Kunst der Reise. Dazu gehören nicht nur große Entfernungen, wie man sie zwischen Ländern oder Sprachen zurücklegt, sondern auch kleinere Etappen, wie es Übersetzungsvorgänge von Dialekten – des portugiesischen und brasilianischen – oder von Redewendungen mit sich bringen“, schreiben die Herausgeberinnen im Nachwort.

Der Band enthält übersetzte Gedichte von Basco, Francisca Camelo, Gisela Casimiro, Sara F. Costa, Patrícia Lino, Cláudia Lucas Chéu, Rafael Mantovani und Inês Morão Dias mit je einem Originaltext und Zeichnungen von Dmitry Ilko.

Erstmals vorgestellt wird Wie man ein Wunder löscht beim Europäischen Literaturfestival in Köln-Kalk (3.-5. September 2021), bei dem Gisela Casimiro zu Gast ist.

Wie man ein Wunder löscht. Neue Gedichte aus Portugal, herausgegeben und aus dem Portugiesischen übersetzt von Beatrice Cordier und Laurine Irmer, 90 Seiten, Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Europäisches Literaturfestival Köln-Kalk – Programm ist online!

Das Programm unseres mehrsprachigen Europäischen Literaturfestivals in Köln-Kalk ist nun online. Am 3. September eröffnen wir das Festival in einer großen Lesung mit Gisela Casimiro (Lissabon/Guinea-Bissau), Lütfiye Güzel (Duisburg), Luis Luna (Spanien), Mati Shemoelof (Berlin/Israel), Andreea Simionel (Italien) und Xoşewîst (Leipzig/Syrien), Moderation: Adrian Kasnitz. Am Samstag (4.9.) und Sonntag (5.9.) finden weitere Lesungen aller Autor*innen des Eröffnungsabends statt und es stellen sich die Literaturzeitschriften Das Narr, KLiteratur, P.S. – Politisch Schreiben und Trimaran vor. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit ehemaligen ELK-Gästen nämlich mit Alexander Estis (Köln/Schweiz), Zoltán Lesi (Wien/Ungarn), Arvis Viguls (Lettland) und Krišjānis Zeļģis (Lettland).