Rimfaxe und Skinfaxe

„In zweisprachigen Lyrikausgaben dänischer Dichtung zu lesen, verspricht nicht nur eine Bereicherung unseres spärlichen Wissens.“ Bernd Leukert las drei für Faust-Kultur und wurde dabei „auch aufs Schönste überrascht“. Auch unsere Anthologie Hier habt ihr mich (hg. v. Ursel Allenstein und Marlene Hastenplug) ist dabei, die im gewissen Sinne (mit dem Fokus auf neueste Lyrik) eine Vorarbeit oder Ergänzung zur Hanser-Anthologie Licht überm Land ist, die dänische Lyrik vom Mittelalter bis heute präsentiert und auch Texte aus Hier habt ihr mich übernommen hat. Die ganze Besprechung ist hier nachzulesen.

Das ELK 2021 Bücherpaket

Zu unserem Europäischen Literaturfestival in Köln-Kalk (3.-5. September 2021) schnüren wir wieder ein Bücherpaket mit einigen der Festival-Autor*innen. Das sind diesmal Unwetter von Luis Luna und die beiden Anthologien Wie man ein Wunder löscht (mit Texten von Gisela Casimiro) und Was es bedeuten soll (mit Texten von Mati Shemoelof) sowie die beiden Bände Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis und Handbuch der russischen Seele von Alexander Estis (unseren Gästen des Alumni-Programms). Dazu legen wir den Festival-Reader, in dem auch die Texte von Lütfiye Güzel, Andreea Simionel und Xoşewîst enthalten sind. Das ganze Bücherpaket gibt es jetzt für 63,- € frei Haus. Bestellungen bitte direkt in unserem Buchladen aufgeben.

ELK Bücherpaket

Wie man ein Wunder löscht. Neue Gedichte aus Portugal

Die Anthologie Wie man ein Wunder löscht stellt neue Gedichte aus Portugal vor, die Beatrice Cordier und Laurine Irmer ausgewählt und übersetzt haben. „Mit den Gedichten der acht Lyriker:innen möchten wir vor Augen führen, wie kulturell und politisch divers die portugiesische Gegenwartslyrik ist. In einer Poesie zwischen Alltag und Mythos wird in diesen Gedichten von kleinen und großen Themen erzählt, von Politik und Zukunft, von Nähe und Fernweh, aber auch von der Kunst, Kritik zu üben.

Mit viel Humor, aber auch mit einer Spur von Pathos, gehen die Poet:innen den portugiesische Konventionen und Lebensweisen nach, indem sie sie in ihren Sprachspielen gleichermaßen auf die Probe stellen. Die Motive der Kolonialgeschichte, des Katholizismus, der konventionellen Geschlechterrollen, aber auch des Tourismus, des Klimawandels und der Wirtschaftskrise kollidieren in diesen bildreichen Poesien und werden gleichermaßen kritisch unter die Lupe genommen.

Ein wiederkehrendes Moment stellt die Reise dar. Es wird von ihr und dem Leben im Ausland gesprochen, aber auch über ein Reisen durch die Zeit, wie es die Aufarbeitung der kolonialen Praktiken und Hinterlassenschaften der portugiesischer Kolonialherrschaft bedeutet. Gewiss enthält die Kunst des Übersetzens die Kunst der Reise. Dazu gehören nicht nur große Entfernungen, wie man sie zwischen Ländern oder Sprachen zurücklegt, sondern auch kleinere Etappen, wie es Übersetzungsvorgänge von Dialekten – des portugiesischen und brasilianischen – oder von Redewendungen mit sich bringen“, schreiben die Herausgeberinnen im Nachwort.

Der Band enthält übersetzte Gedichte von Basco, Francisca Camelo, Gisela Casimiro, Sara F. Costa, Patrícia Lino, Cláudia Lucas Chéu, Rafael Mantovani und Inês Morão Dias mit je einem Originaltext und Zeichnungen von Dmitry Ilko.

Erstmals vorgestellt wird Wie man ein Wunder löscht beim Europäischen Literaturfestival in Köln-Kalk (3.-5. September 2021), bei dem Gisela Casimiro zu Gast ist.

Wie man ein Wunder löscht. Neue Gedichte aus Portugal, herausgegeben und aus dem Portugiesischen übersetzt von Beatrice Cordier und Laurine Irmer, 90 Seiten, Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Europäisches Literaturfestival Köln-Kalk – Programm ist online!

Das Programm unseres mehrsprachigen Europäischen Literaturfestivals in Köln-Kalk ist nun online. Am 3. September eröffnen wir das Festival in einer großen Lesung mit Gisela Casimiro (Lissabon/Guinea-Bissau), Lütfiye Güzel (Duisburg), Luis Luna (Spanien), Mati Shemoelof (Berlin/Israel), Andreea Simionel (Italien) und Xoşewîst (Leipzig/Syrien), Moderation: Adrian Kasnitz. Am Samstag (4.9.) und Sonntag (5.9.) finden weitere Lesungen aller Autor*innen des Eröffnungsabends statt und es stellen sich die Literaturzeitschriften Das Narr, KLiteratur, P.S. – Politisch Schreiben und Trimaran vor. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit ehemaligen ELK-Gästen nämlich mit Alexander Estis (Köln/Schweiz), Zoltán Lesi (Wien/Ungarn), Arvis Viguls (Lettland) und Krišjānis Zeļģis (Lettland).

Adalber Salas Hernández: Auf dem Kopf durch die Nacht

Ein Staat zerfällt, rückt offensichtlich dem Status des „failed state“ immer näher (aktuell in der Klasse „Warning“ geführt) – Venezuelas Schicksal scheint sich derzeit irgendwo in der Mitte zwischen Pseudosozialismus und korrumpierter Regierungsbank zu entscheiden. Die sich immer weiter beschleunigende Hyperinflation hat den wirtschaftlichen Kollaps bereits eingeleitet. Generationen verstörter, traumatisierter Kinder und Jugendlicher sind die Zukunft, die Gegenwart lässt sich erschießen oder ist massenhaft auf der Flucht. Die Frage ist angesichts des Zerfalls staatlicher Strukturen, der Auflösung von Rechtssicherheit und Parlamentarismus, ob man bleibt und die Gegenwart auszusitzen versucht oder geht und in die Bresche springt. Letztere Wahl hat der junge venezolanische Dichter Adalber Salas Hernández (*1987) getroffen und ist nach New York gegangen, um dort zu promovieren und großartige Gedichte über sein im Abgrund versinkendes Heimatland zu schreiben.

Sein Band Salvoconducto (dt. Freies Geleit) von 2015 ist eine einzige Anklageschrift. Angeklagt werden seine Geburtsstadt Caracas und mithin der gesamte Staat Venezuela, der ein Land zerstörter Kindheiten und geschändeter Landschaften ist. Fortdauernde Anarchie, Extremismus und Gewalt aller Art verwandeln das Leben in einen Notalltag. Selbst schöne Erinnerungen an die eigene Kindheit werden von Entfremdung und der Erfahrung von Ungerechtigkeit und Tod verdrängt. Es ist die Anklage einer Generation, die mit dem Entsetzen in den Augen großgeworden ist, unter einer politischen Führung, die ihre Macht gegen die eigenen Bürger missbraucht. Diese Generation erstickt am Gestank der Mülltonnen und der täglich zunehmenden Zahl der Toten.

In Deutschland stellt Adalber Salas Hernández seine Texte am 27. August beim Festival Poetische Quellen in Bad Oeynhausen vor.

Adalber Salas Hernández: Auf dem Kopf durch die Nacht. Gedichte aus dem venezolanischen Spanisch von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff. Zweisprachig deutsch/spanisch, 124 S., Preis: 14,- € – ab sofort lieferbar

Adalber Salas Hernández, geb. 1987 in Caracas, ist Lyriker, Essayist und Übersetzer. Von ihm sind folgende Lyrikbände erschienen: Salvoconducto (XXXVI Premio de Poesía Arcipreste de Hita, Pre-Textos, 2015), mínimos (Amargord, 2016),[a love supreme] (Letra Muerta, 2018), La ciencia de las despedidas (Pre-Textos, 2018) sowie die Anthologien: Ai margini di un mondo sconosciuto (Edizioni Fili d’Aquilone, 2018, übers. von Alessio Brandolini), De ningún viaje se vuelve (Mantis, 2019) und Die Zukunft nutzt sich ab durch Gebrauch (hochroth Heidelberg, 2019). Nach der Promotion an der New York University lebt er nun auf Teneriffa.

Geraldine Gutiérrez-Wienken, geb. 1966 in Venezuela, Lyrikerin und Übersetzerin. Sie promovierte in Deutscher Philologie an der Universität Heidelberg. Zuletzt erschienen von ihr der Lyrikband El silencio es una bailarina (El Tal- ler Blanco, 2020, Alción, 2021) und die Übersetzung von Inge Müller: ¡Que no me asfixie de hacer tanto silencio! (Llantén, 2021). Sie lebt in Heidelberg.

Marcus Roloff, geb. 1973 in Neubrandenburg, Lyriker und Übersetzer, lebt in Frankfurt am Main. Literarische Veröf- fentlichungen seit 1997, zuletzt erschienen die Bände Mogk’s Bierstubb in Platons Schneekugel (hochroth Heidelberg, 2019) und gespräch mit dem horizont (Stadtlichter Presse, 2021). Außerdem übertrug er die amerikanischen Lyriker Peter Orlovsky (Sauber abgewischt, Stadtlichter Presse, 2020) und Philip Lamantia (Zerstörte Werke, ebd. 2021) erstmals ins Deutsche.

Gemeinsam übersetzten sie Klagelieder im Gepäck von Rafael Cadenas für die parasitenpresse (2018).

Knochenfauteuil

„’Unkalkulierte Attraktion von Farben‘ lautet eine Textstelle. In etwa so bieten sich die 365 vorhergesagten Gedichte von Álvaro Seiça / Mathias Traxler an. Wer übersetzt hier eigentlich wen? Traxler setzt die gängigen (kanonischen) Tradierungen außer Kraft, indem er zusammen mit dem portugiesischen Lyriker Seiça diesen Text in mehrere Spuren erweitert, verschiedene Sprachen hineinorchestriert. Es ist ein auditives Verfahren, das eher an zeitgenössische additional Tracks auf einem Remix-Pult erinnert. Traxler fügt den Gedichten hinzu, was sich wohl instrumentartig angeboten hat. Er verwischt, klärt auf, findet neue Bezüge. Auf u.a. Bandcamp kann man die auditorischen Impulse nachhören, im Band selbst – in der Kölner Parasitenpresse erschienen – berichtet das Nachwort über die wetter-respektiven Einfallsmethoden Traxlers, die Lyrik Álvaro Seiças umzufusionieren“, schreibt Jonis Hartmann in einer Besprechung bei Textem über den Band. Und weiter: Das Buch ist in endlose wundervolle Abschnitte eingeteilt, deren Genregrenzen fließen wie jede einzelne Zeile selbst. Kaum stellt sich etwas scharf oder überscharf, ist es im nächsten Moment blurred edges oder scheinbar extrem weit hergeholt. Dann wieder sehr einfach. Auch die Zeichensetzung wird stark angepasst bis verfreiheitet. Es ist die sprachliche (und grammatische) Flexibilität von Sprache, die dieses Buch feiert. Er ist weniger verstörend als atemhaft experimentell, gleichzeitig schwierig zu fassen von einem Duo, das etwas vorherzusagen hat. Übersetzung als ein Angebot.

Save the date: Europäisches Literaturfestival Köln Kalk 2021

Die dritte Ausgabe unseres Europäischen Literaturfestivals in Köln-Kalk, kurz ELK, findet vom 3.-5. September 2021 statt. Merkt euch schon einmal das Datum und schaut euch den Film an, der die Atmosphäre des Festivals im letzten Jahr einfängt. Die Stimmen, die ihr hört, stammen von Gästen aus allen drei Jahre. In diesem Jahr werden Gisela Casimiro, Andreea Simionel, Lütfiye Güzel, Mati Shemoelof, Luis Luna und Xoşewîst im Hauptprogramm lesen.

Unschuld, der man nicht trauen sollte

„Aufgrund ihrer ungewöhnlich geringen Dichte an Metaphern, Vergleichen und intertextuellen Referenzen strahlen die Gedichte von Krišjānis Zeļģis eine gewisse Unschuld aus, der man nicht trauen sollte. Die Texte – ins Deutsche übertragen von Adrian Kasnitz – sind nüchtern, der Prosa nah, und inhaltlich wie sprachlich ganz in der Gegenwart verortet: Es geht um alltägliche Beobachtungen, zufällige Begegnungen und romantische Beziehungen, Arbeitswelten, Kommunikationstechnik und Natur, Provinz und Einsamkeit. Die Texte sind zugänglich, ihre Themen scheinen uns vertraut. Und doch verfügt nahezu jedes Gedicht über einen unvermittelten Perspektivenwechsel, einen ironischen Twist, oder driftet ab ins Groteske – mal schleichend, mal brachial –, so wie die vielen Tiere/Bestien (hierzu zählen auch die Menschen), die sich durch den Band ziehen und mit leuchtenden Augen auf den Hochsitz blicken, in dem wir uns in Sicherheit wähnen“, schreibt Tino Schlench auf Literaturpalast.at über Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis und beschäftigt sich vor allem mit dem Gedicht ein Hochsitz im Wald aus dem Band. In einer Kooperation mit dem Kunstvermittler Daniel Uchtmann vom Kunsthistorischen Museum in Wien werden dort Lyrik und Kunst zusammengebracht. Hier ist es das Bild Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers (um 1520/24) von Andrea Solario. Zum ganzen Text sowie zu den Bildern gelangt man hier.

Di Lu Galay: Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe

Di Lu Galay ist ein vorsichtiger und kritischer Beobachter, dessen Lyrik von Empathie für die menschliche Notlage und tiefem Mitgefühl für den Außenseiter geprägt ist. Seine Gedichte bewirken oft neo-surrealistische Kettenreaktionen, die den Ursprung menschlicher Werte einer Prüfung unterziehen lassen, wobei deren Komplexität und Mehrdimensionalität zugleich ans Licht gebracht werden. Alle Dinge, Menschen und Tiere werden zu einer Sorte merkwürdiger Geister in einer entsetzlichen Umgebung, in der sie eine vollständige und detaillierte Entfremdung erfahren. Es handelt sich dabei um inneres wüstes Land, dessen Raum voller Angst, Wut, Gewalt und Impotenz ist.

Die Gedichte des Dichters aus Myanmar, die ursprünglich auf Birmanisch geschrieben wurden, hat Artur Becker ins Deutsche gebracht. Über die Schwierigkeiten der Übersetzung berichtete er kürzlich im Literaturmagazin Bremen.

Du und deine Menschenmenge – ihr seid einfach zu

viele. Während ich nur einer bin.

Ich muss sicherstellen, dass ich unter euren

Körpern nicht zerquetscht werde.

Und der Zauberertruck düst in einem Kino wieder

los – dem Neumond entgegen.

Di Lu Galay: Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe. Gedichte aus dem Englischen von Artur Becker. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Indra Wussow , 46 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar

(Hinweis für Abonnent*innen: erscheint als Sonderdruck in Zusammenarbeit mit der Sylt Foundation)

Di Lu Galay, geb. 1986, lebt als (Menschenrechts-)Anwalt in Yangon und ist einer der jungen Dichter seiner Generation in Myanmar, die eine zentrale Rolle spielen. Er organisiert das Online-Lyrikfestival Midnight Poetry Festival, das eine wichtige Plattform für burmesische Dichter:innen darstellt. Sein erster Gedichtband Die Handschrift des Mörders wurde ins Englische und Deutsche übersetzt. Außerdem wurden einige seiner Gedichte in internationalen Literaturzeitschriften veröffentlicht und Einladungen zu internationalen Festivals folgten.

Artur Becker, geb. 1968 in Bartoszyce (Masuren), lebt seit 1985 in Deutschland. Becker schreibt Romane, Erzählungen, Gedichte und Essays. Zuletzt veröffentlichte er den Roman Drang nach Osten bei weissbooks.w, wo viele seiner Romane und Essays erschienen sind. In der parasitenpresse liegt der Gedichtband Bartel und Gustabalda vor. Für sein Werk wurde er vielfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Adalbert-von-Chamisso-Preis und dem Dialog-Preis.