Zwischen Caracas und Europa

„Es ist mein hilfloser Versuch, die Distanz zwischen Caracas und Europa zu verkürzen, die Riesenlücke zwischen einem collapsed state und noch funktionierenden Demokratien zu schließen. Kann ich nun, nach ein paar hingeworfenen Zeilen, beginnen, eine Rezension des Buches zu schreiben? Wie verhandeln wir Lyrik angesichts der Toten, die uns den Spiegel vorhalten?

Seht, sagen sie, seht, was euch noch erwartet! Oder glaubt ihr wirklich, ihr seid besser als wir? Glaubt ihr, ihr habt das Glück gepachtet, und wir einfach für immer das Pech, beispielsweise in eine Kugel zu laufen, beim Versuch, Brot zu kaufen, für die Familie, für die Kinder?“ schreibt Eric Giebel auf Vitabu Vingi über Auf dem Kopf durch die Nacht von Adalber Salas Hernández. Und weiter: Dieser „Gedichtband ist ein außerordentlich starkes Buch in deutscher Übersetzung, das wir der Beharrlichkeit von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff verdanken, die nicht nur präzise Übersetzungsarbeit geleistet, sondern nicht nachgelassen haben, für das Skript Förderung und mit der parasitenpresse (…) einen Verlag zu finden.

Die Gedichte erinnern uns in brutaler und eindringlicher Sprache an einen fatalen Irrtum: Wir in Europa sind nicht Zentrum, wir sind auch nur Peripherie. Früher oder später.“

Krzysztof Siwczyk: Auf nächtlicher Reise

Man spricht gerne, vor allem im englischsprachigen Raum, von der „Polnischen Schule“, wenn man sich als Übersetzer, Rezensent oder Philologe mit der polnischen Lyrik beschäftigt. Leider meint man damit Dichter, die leider nicht mehr unter uns weilen, und der letzte große Vertreter dieser Schule war Adam Zagajewski, der im Frühjahr 2021 verstarb. Doch der polnischen Gegenwartslyrik geht es gut, sie wird nur zu selten übersetzt, und wenn sie im deutschsprachigen Raum erscheint, kriegt sie zu wenig Beachtung; so ist es auch mit den Gedichten von Tomasz Różycki, Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Tadeusz Dąbrowski oder Marzanna Kielar oder Krzysztof Siwczyk.

Ihn, der schon seit über zwanzig Jahren zu den überragenden Lyrikern seines Landes gehört und dessen umfangreiches poetisches Werk mittlerweile zum Kanon der polnischen Gegenwartslyrik gezählt wird, habe ich ins Deutsche übertragen.

Krzysztof Siwczyk lebt und arbeitet in Gliwice in Oberschlesien, er schreibt Gedichte, kurze Prosa, Essays und Artikel für die linksliberale „Gazeta Wyborcza“, die stets kritisch sind und die die Gesellschaft, die Regierung, die Parteien, die Politiker, aber auch die moderne Literatur aus ungewohnt scharfsinniger Perspektive beobachten, was seine Leser sehr zu schätzen wissen. Er ist außerdem Mitveranstalter des bekannten internationalen Lyrikfestivals, das nach Czesław Miłosz benannt wurde und alljährlich in Krakau stattfindet. Siwczyk ist europaweit gut vernetzt, wird aber noch viel zu selten in andere Sprachen übersetzt. (Aus dem Nachwort von Artur Becker)

Auf dem Europäischen Literaturfestival in Köln (2.-4. September) sowie bei Bochumski in Bochum (4. September) stellen Krzysztof Siwczyk und Artur Becker Buch und Übersetzung vor.

Krzysztof Siwczyk: Auf nächtlicher Reise. Gedichte aus dem Polnischen von Artur Becker, 68 Seiten, Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Krzysztof Siwczyk, geb. 1977 in Knurów (Polen), ist Mitbegründer der Dichtergruppe „Na Dziko“ (In freier Wildbahn), Mitarbeiter des Mikołowski-Kulturinstituts, vor allem aber Dichter, Essayist, Literaturkritiker und Publizist. Er publiziert regelmäßig in der Gazeta Wyborcza. 1995 debütierte er mit dem Band Dzikie dzieci (Wilde Kinder). Er erhielt zahlreiche, in Polen angesehene Lyrikpreise und Nominierungen. 1999 spielte er die Hauptrolle in Lech Majewskis Film Wojaczek, der die Geschichte des polnischen kultigen Lyrikers und Outsiders Rafał Wojaczek erzäht. Siwczyk lebt in Gliwice und veröffentlichte bisher mehr als fünfzehn Bücher. Er ist auch Mitveranstalter des Internationalen Czesław-Miłosz-Literaturfestivals, das alljährlich in Krakau stattfindet.

Artur Becker, geboren 1968 in Bartoszyce (Polen), lebt seit 1985 in Deutschland, zurzeit als Artist in Residence im Hotel Lindley in Frankfurt am Main. Er ist Lyriker, Essayist, Romancier, Publizist und Übersetzer. Mittlerweile hat er mehr als 20 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken, Der Lippenstift meiner Mutter, Drang nach Osten oder den Essayband Kosmopolen. Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause sowie Links. Ende und Anfang einer Utopie (2022). In der parasitenpresse erschien von ihm der Gedichtband Bartel und Gustabalda (2019) sowie die Übersetzung des Gedichtbandes Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe von Di Lu Galay (2021).

Auf die Sprünge helfen

„Warum möchte die Maus wohl ein Elefant werden? Ist es die Größe? Das Gewicht? Will sie gewichtig werden? Ein Vorbild? Ein Beweis, dass das Unmögliche möglich ist? Glaubt sie wirklich, dass alle anderen Lebewesen das auch wollen? Ein Trinity Krawattenknoten sitzt locker und gilt als elegant. Kann er den Träger oder die Trägerin schützen, wenn es sich um eine Maus handelt?
Das Gedicht lässt viel offen. Wir erfahren nichts von der Verwandlung selbst, aber einiges vom Wunsch. Und die Maus tanzt im Gedicht. Ob die Verwandlung eine Mausefalle ist, sein wird, sein könnte, wissen wir nicht. Aber: Es wird regnen. Der Elefant, so es ihn geben wird, wird im Regen stehen“, schreibt Ilse Kilic über ein Gedicht von Di Lu Galay aus dem Band Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe und stellt ihm das Gedicht Schicksal aus dem Band Sid Wischi Waschi von Veronique Homann an die Seite. „Jetzt kann ich mir als Leserin natürlich einige Fragen stellen zur Serendipität und ob sie nicht einfach nur eine Variante des Schicksals darstellt. Das Wort Serendipität ist nur annäherungsmäßig übersetzbar, ich beschreibe es jetzt als den glücklichen Zufall, der quasi die positive Seite des Schicksal sein will, aber das erfasst das Prinzip eben nicht ganz. Serendipität bedeutet nämlich auch, dem Zufall durch Forschen auf die Sprünge geholfen zu haben, aufdass er sich als glücklich erweise. Zum Beispiel, um auf die Maus zurückzukommen, indem sie den goldenen Schlüssel sucht und dabei die ersehnte Kunst erlernt, sich in einen Elefanten zu verwandeln. Kann sein. Suchen ist Bedingung. Versuchen vielleicht auch.“ Den ganzen Beitrag und noch viele mehr findet man in der Reihe Gedichte sind absonderlich und süß auf der Seite des Fröhlichen Wohnzimmers.

Wo der Hunger-Hund bellt

„Was wir Frieden nennen, heißt in Homs ‚Sechs-Punkte-Friedensplan‘, heißt Waffenstillstand im ‚Stellvertreterkreig‘, heißt geordneter Rückzug der Kombattanten. Frieden gibt es hier nur für die ‚Sondervermittler der Vereinten Nationen‘ bei ihrer Pinkelpause am ‚Rand der Autobahn von Damaskus nach Homs‘, einen kurzen Moment vielleicht für die ‚Hisbollah-Soldaten‘, die ‚Selfies [machen] vor der Khalid-ibn-al-Walid-Moschee'“, schreibt Kai Pohl über Requiem für Homs von Jazra Khaleed in der aktuellen Ausgabe von Abwärts (45/August 2022). Und weiter: „Jazra Khaleed jedoch aktiviert mit seinem Requiem in acht Geängen (deren fünfter sich ausführlich dem ‚Hunger-Hund‘ widmet) eine der ‚letzten Reserven des Friedens‘: die empathische, unverstellte Sprache der Poesie, den Atem der Lebenskraft – ein Elixier, dass fernab des Neusprechs von Regierungspropaganda, Mediengeschrammel, Durchhalteparolen etc. direkt sinnlich wirkt und das aus seinem Schoß vertriebene Leben anruft: ‚Das Meer wird die Kinder zurückbringen / und die Apfelbäume werden wieder blühen, wenn der Frühling beginnt.'“

Eine von Stille erfüllte Poesie der Welt

„‚Gedicht‘ steht unterm Titel. Aber eigentlich sind es zwei Gedichte, zwei ganz große, stille, lange. So in der Dimension von Cardenal oder Whitman, auch wenn die Landschaft, die Olav Amende beschreibt, die Stadt ist. Möglicherweise Leipzig. Eines, wie nur er es sieht. Oder gesehen hat – etwa in den ersten Wochen des Lockdowns 2020, an den sich heute kaum noch jemand erinnert.

Als die Stadt quasi menschenleer war und all dieses Hin- und Hergerenne einmal aussetzte, all die falsche Dringlichkeit, dieses Ich-bin-wichtig-Getue. So kann man es sich vorstellen, wie der Regisseur, Performancekünstler und Autor da am offenen Fenster stand und hinaussah.

Und auf Gedanken kam. Gedanken über eine Stadt, in der auf einmal alle Menschen verschwunden sind. Menschenleer. Zurück blieben nur die Gegenstände, die sie eben noch in Händen hielten, der Kaffee im Becher, das Handy mit der angefangenen Botschaft, die Tiere, die leeren Bänke in der Innenstadt, die Treppenstufen, auf denen noch zwei nasse Abdrücke von Sitzenden zu sehen sind und langsam verblassen.

Und dann kommt der Regen, der Hagel. Die blanke Natur übernimmt wieder die Regie. Und das wird zutiefst poetisch. Denn natürlich ist die Welt, in der wir leben, zutiefst poetisch. Wir nehmen uns nur fast nie die Zeit, das auch wahrzunehmen“, schreibt Ralf Julke über abwesenheiten von Olav Amende in der Leipziger Zeitung.

Und weiter: „Was so erscheint, ist natürlich die Poesie der Welt, eine von Stille erfüllte. Man darf sie wieder hören – die Vögel, die Insekten, die Regentropfen. Amende muss sie gar nicht besingen. Indem er benennt, was gerade geschieht, lenkt er den Blick. Richtig starke Poesie kommt ohne Kommentar aus. (…)

Man kann dieses Gedicht auch als Projektion lesen in eine Zukunft, in der es den Menschen mit seinem rücksichtslosen Umgang mit der Welt nicht mehr gibt. Er seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört hat und eine Welt zurückbleibt, in der nur noch für eine gewisse Zeit seine Artefakte davon zeugen, dass er da war. Bevor Wind, Regen, Hagel und Sonne ihr wohltuendes Werk verrichten und die Dinge wieder zu Staub verwandeln.“

Beobachten das ist: „mal gar nichts damit zu machen. Mal nichts anzustellen. Mal nichts zu sezieren und zu verbrauchen. Als wäre die Welt zum Verbrauchen da. Und nicht zum Bestaunen.“ Die ganze ausführliche Besprechung gibt es hier nachzulesen.

Topologie des Schreibens

„Plätze, zu denen sich poetisch Schreibende hingezogen fühlen, sind mindestens so vielfältig wie ebendiese literarischen Personen, denen sie zuzuordnen wären, und vielleicht ist sich auch nicht jede davon überhaupt darüber im Klaren, wo ihr ureigener Platz zu suchen respektive zu finden sei: Ist es der Ort der Kontemplation, der Ort der Begegnung mit anderen, mit Ideen oder der Geschichte, eine Form von Heimat, sei sie aufgrund von Herkunft determiniert oder von einer erfolgreichen Suche nach ihr aufgefunden? Oder können diese Orte nicht sogar viele sein, den Imponderabilien des Geschicks geschuldet, eine im Vorhinein nicht vorhersagbare Anzahl von Würfelaugen? Patrick Wildens Schreibers Ort gibt auf diese Fragen mehrere Antworten“, schreibt Marcus Neuert bei literaturkritik.de. Und weiter: „So erlebt Patrick Wildens Lesegemeinde in Schreibers Ort literarisierte Ankünfte jenseits der Zeit. Denn dazu sind diese Gedichte von einer unprätentiösen, zeitlosen Schönheit, die sich auch in den verschiedenen Vers- und Strophenformen widerspiegelt, von freien, prosanahen Textblöcken wie in Klemmton über vielgestaltig freirhythmische und in unterschiedlichste Strophenkombinationen gegossene Verse bis hin zu einer fast formstrengen Sestine im titelgebenden Gedicht des Zyklus‘ Stadt Land Kuss. In dieser Überzeitlichkeit findet zudem auch beinahe wie von selbst eine Versöhnung der Nachmoderne mit dem Überlieferten statt.“

Adrian Kasnitz: Kalendarium #8

Im achten Teil des Kalendariums von Adrian Kasnitz essen wir Brombeeren, Feigen und Gurken, riechen wir Lavendel und Fell. Wir reisen, zelten, gehen baden. Wir bekleckern uns, holen uns aufgeschürfte Haut und treiben in Plastik. Wir müssen Ausreden finden und Geständnisse machen. All diese Dinge, die man im August tut und die sich wie Staub auf Oberflächen legen, bis ein Regen auf sie prasselt.

„Mehr als Stein ist hier nicht / Stein, auf dem du ausruhst / dir den Knöchel brichst / aufritzt die Haut // nur die Zikaden begleiten dich / sie fallen in ihren nimmer / müden Gesang / lachen dich aus“.

Neben den Gedichten enthält das Buch wieder vier Collagen des Autors. Das Lektorat besorgte diesmal Wassiliki Knithaki. Die graphische Gestaltung stammt wie immer vom Kölner Büro Kikkerbillen.

Adrian Kasnitz: Kalendarium #8. Gedichte, 44 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab heute lieferbar

Adrian Kasnitz, 1974 an der Ostsee geboren, aufgewachsen in den westfälischen Bergen, lebt in Köln. Von ihm erschienen zuletzt die Gedichtbände Kalendarium #1 bis #7 (parasitenpresse 2015-2021) und Glückliche Niederlagen (Sprungturm 2016), der zweisprachige Prosaband Pierre Huyghe hired me (parasitenpresse 2019) sowie der Roman Bessermann (Launenweber 2017). 2020 wurde er mit dem Dieter-Wellershoff-Stipendium der Stadt Köln ausgezeichnet.

Ausflug ins Unbekannte

„Der Band enthält mehrere Zyklen, deren Titel als Synonyme für die Suche nach Sprache aufgefasst werden können – ‚Klemmton‘, ‚Das Gedicht im Gebirge‘, ‚Schreibers Ort‘. Alles ist fremd bei den ersten Erkundungen des Terrains“, schreibt Axel Helbig in den Dresdner Neuesten Nachrichten (06.07.22) über Schreibers Ort von Patrick Wilden, dem im Gerhart-Hauptmann-Haus in Jagniątków entstandenen Gedichtband. Und weiter: „Der Dichter/Schreiber versteht nicht, was die Radiostimmen, was die Schilder sagen. Im ‚Sprachgebäude‘ zu leben, heißt, ‚unter freiem Himmel zu schlafen // Es regnet durch / und ständig weht Wind‘. (…) Was soll er schreiben ‚im Haus voll Geist und Glorie‘? ‚Büsten schlafen in den Ecken // wenn du abends die Schuhe ausklopfst / rieseln Nadeln und kleine Steine auf die Dielen / wie fremde Wörter aus dem Lexikon‘. ‚Es ist wie ein Anfang ohne Beginn / der Blick in die Weite verstellt‘. Der Band liest sich mitunter wie ein Roman, in dem der Schreiber (Wilden) der Protagonist ist. ‚Ungezählte Gemarkungen‘ muss er ablaufen und ‚auf die aufprallenden Wörter‘ lauschen, bis sich die Nebel an ‚Schreibers Ort‘ lichten: ’nach ein paar Tagen kennst du die Raubvogelrufe / das Krachen einer stürzenden Buche / den Geruch von geschlagenem Holz / auf halber Höhe // du hast dich mit Wörtern beladen, die du nicht kennst / und trägst sie die Wege entlang / du findest wieder zurück / zu der winzigen Stimme / in deiner Hand‘. (…)

Erst einmal heimisch geworden, geht dem Dichter das Schreiben von der Hand, entwickelt er ein Ohr für den Klang der hiesigen Sprache, schärft den Blick auf die Menschen und die geschichtsträchtigen Orte. Die ‚winzige Stimme‘ wird kraftvoll und setzt zum Höhenflug an: ‚Ich wohne auf der Höhe der Vögel / sie schreien mich an / … / Ich wohne auf ihrer Höhe bin / ihr Dirigent dunkler Hüter / einer Wolke aus Klang‘. Auch die Natur wird nun lesbar: ‚Wir sind eins / das Geräusch von Bäumen / mit Wasser vollgesogen nach der Nacht / der Nebel der die Welt dahinter / zu Ende sein lässt // Die Klänge und ich / mein Pfeifen im Wald / wir sind eins‘.

Schreibers Ort findet zu einer schönen gediegenen Sprache und zu Bilder, die man sich gern zu seinen eigenen macht. Ein Buch, das Lust auf Gedichte macht. Besser kann es nicht kommen.“

Olav Amende: abwesenheiten

Unsre Lyrikreihe Die nummernlosen Bücher setzten wir fort mit dem Langgedicht abwesenheiten von Olav Amende. Darin begegnen wir einer Welt der Parallelitäten, in der die Dinge losgelöst und doch miteinander verbunden simultan geschehen. Die Zeit scheint stehen geblieben, die Welt verlassen und menschenleer. Dennoch treten Menschen auf. Wir betrachten sie aus einer Distanz, als gehörten wir nicht zu ihnen und ihrer Welt. Wir sehen ihren Tätigkeiten zu, hören ihr Schlurfen auf den Straßen, entgehen aber ihrem Blick. Ein Sound aus Wiederholungen und Auslassungen treibt den Text voran.

Und dann / ist der regen / verklungen / und was bleibt ist das / treiben der in den weiher / gesunkenen unken und / das tropfen von dem klatschnassen geäst der / weiden und der pappeln / in den wäldern und das / tropfen von den glänzenden blütenblättchen der / astern in der warmen abendsonne und das / tropfen von den dampfenden / sich fast wieder aufgerichteten grashalm- / spitzen und das / tropfen von den / hüpfburgzinnen und den / zinkdachrinnen der stadtvillen

Olav Amende: abwesenheiten. Gedicht, 72 S., Preis: 12,- € (Die nummernlosen Bücher) – ab sofort lieferbar

Olav Amende geboren in Berlin, ist Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler. Er hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (MA) an der Universität Leipzig studiert. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke und veröffentlichte Texte in diversen Literaturmagazinen. Sein Gedicht Phantasie in Eile wurde im Rahmen der Superpreis-Anthologie des Literaturmagazins metamorphosen veröffentlicht. Im Sommer 2021 brachte er sein Theaterstück ZWISCHEN DINGEN am Anhaltischen Theater Dessau zur Uraufführung.

Lesevergnügen und Manifest

„Schon der Titel des Gedichtbandes lässt eine Anlehnung an den Surrealismus vermuten. Und tatsächlich arbeitet der burmesische Dichter Di Lu Galay mit einer Bildlichkeit, die unsere wahrnehmbare Realität übersteigt. Aber darin nur eine schöngeistige Sprachspielerei zu sehen, wäre völlig fehl am Platz, sind die Gedichte doch fest im Hier und Jetzt verankert. Diese Gegenwart ist die Myanmars, ein Land, das lange unter der Militärdiktatur gelitten hat und nach ein paar Jahren der Öffnung seit 2021 erneut vom Militär unterjocht wird. Der 1986 geborene Galay hat sowohl die Diktatur wie auch die kurzen Jahre der Freiheit erlebt und versucht heute als Anwalt, nicht stillzuhalten. Aber es ist keine einfache Aufgabe in diesen Zeiten für Freiheit und Menschenrechte einzustehen. Das Zerrissene, das diesem Leben eingeschrieben ist, einerseits die Angst vor Verhaftung, anderer-seits der Wunsch nach Demokratie, ist eines der Themen seiner Gedichte. Zum Beispiel, wenn ein Teil des Gesichtes am Busfenster zu sehen ist, während ein anderer Teil zum Mond flieht. Willkür, Korruption, Folter werden erwähnt, aber so, dass ein poetisiertes Reich entsteht, das nicht mit Bestimmtheit als Myanmar zu identifizieren ist. ‚Der Mörder folgt dem Weg, den die Armee zurückgelegt hat.‘ Das ist nicht gerade lautlos, bietet der Obrigkeit aber wenig Angriffsfläche. Denn allzu schnell landet man in Myanmar für ein paar Zeilen im Gefängnis. Nicht umsonst erinnern manche Gedichte in diesem vom Schriftsteller Artur Becker übersetzten Band an weiterentwickelte Fabeln. Eine Maus, die davon träumt, ein Elefant zu werden und dieses ihr Bedürfnis zum Grundthema für alle macht. Oder der Wolf, der von einem Lkw springt und mit einem maßlosen Glauben an sich selbst immer wieder einen Traktor angreift. Man würde der poetischen Kraft dieser Lyrik jedoch nicht gerecht werden, wollte man sie auf ihr verdecktes Engagement reduzieren, zugleich fällt es schwer, sie nicht auf der Folie der momentanen Unfreiheit des Landes zu deuten. Es sind durchaus politische Texte, aber eben auch bildlich-reflexive, die die Wichtigkeit von Erinnerung thematisieren, die eigene Position mit überdenken, genauso wie die Schwierigkeit des Einzelnen, vor der Masse zu bestehen. Und es sind Gedichte, die verschlüsselte Sprachwege suchen, das alles unter einen Hut zu bekommen. Sprunghaft, voll von überraschenden Wendungen bauen sie Zeile um Zeile einen Verskosmos auf, der einen auf Irrwege zu locken scheint, aber immer wieder bei Gedanken des Widerstandes landet. Denn ‚was wir als Existenz ignoriert haben, / Verwandelt sich in Feuerringe und überrennt die ganze Stadt.‘ Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe ist ein rechtes Lesevergnügen, was Metaphorik und Bilderreichtum anbelangt, und zugleich ein Manifest, immer wieder herauszufinden aus den Zeitabschnitten, da alles zusammenbricht“, schreibt Guy Helminger über den Gedichtband von Di Lu Galay im Magazin des Luxemburger Tageblatts (Juni 2022).