Das Lineare ist der Selbstbetrug

„‚mir sind Freizeit wichtig und Nichtstun / Freizeit und Nichtstun sind mir wichtig‘. Es gehört wohl zu den störenden und ungewollten politischen Einsichten, dass Nichtstun für die Umwelt, in der die wilden Tiere massenhaft aussterben, ökologisch sinnvoller ist als die meisten Formen menschlicher Betriebsamkeit. Die verdrängte Paradoxie, dass Wohlstand produzierender Fleiß und Arbeitseifer zuletzt auch der Menschheit das Grab schaufeln werden, ist in Zeļģis‘ Zeilen wirksam. In seinem ersten Eintrag appelliert er: ‚du solltest nicht in Linien denken / es gibt keinen echten Anfang / kein echtes Ende‚. Das Lineare ist der Selbstbetrug. Die abgerundete, abgeschlossene Form, womöglich mit Happy End die Wunschvorstellung einer fiktionalen Welt. Zelgis bleibt beim Disparaten und Ungereimten der Wirklichkeit und ist daher deutlich realistischer. Die Dialektik der gegensätzlichen Empfindungen, die das wahrgenommene Chaos auslöst, ist die Einheit, die seine Texte zusammenhält“, schreibt Udo Bongartz über Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis. Den ganzen Beitrag kann man in der Lettischen Presseschau nachlesen. 

Was weiß Halle über dich?

„Was wissen wir über den Ort, an dem wir leben? Was weiß er über uns? Und wie würden wir davon erzählen? Eine Antwort auf diese Fragen gibt Christian Kreis’ Halle Alphabet (…) Mit viel Lakonie, Humor und Selbstironie umreißt der Autor ‘seine’ Stadt in ‘26 Buchstaben, 26 Notizen zu Halle’, wie es auf dem Buchrücken heißt“. Was Marie Isabel Matthews-Schlinzig über das Halle Alphabet schreibt, kann man jetzt im Signaturen-Magazin lesen.

Lakonische Bestandsaufnahme

Den Gedichtband Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis stellt Tomas Fitzel bei RBB Kultur vor und bescheinigt den Texten, direkt und unverstellt zu sein. „Ich begriff, dass ich an gar nichts mehr glaubte.“ Auch die Landschaft, leer wie ein sauber geleckter Teller, bietet keinen Halt. Doch weckt sie Erinnerungen: Semgallen, Masuren, Bobrowskis Sarmatien. Den ganzen Beitrag mit vielen Textbeispielen kann man hier nachhören.

Es knistert und raschelt

„Diesem Lyriker gelingt es in phantastischer Weise unsichtbare Bewegungen, die über das Erfahrbare hinausgehen, transparent zu machen, damit sie in unserer Phantasie aufleuchten können. Für mich ist das ein ganz wichtiger Anspruch, den ich an gute Lyrik stelle. In grandioser Weise wird Krišjānis Zeļģis diesem Anspruch gerecht. Es knistert und raschelt in seinen Gedichten, es tobt und jongliert, hinter, über und unter den Zeilen“, schreibt Kerstin Fischer über Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis auf ihrem Lyrikblog Lyrikatelier Fischerhaus.

Und weiter: „Der Dichter und Schriftsteller Adrian Kasnitz hat aus dem Lettischen ins Deutsche übertragen. Man muss des Lettischen nicht mächtig sein, um zu erspüren, dass hier eine sehr feine, einfühlsame Übersetzung vorliegt.“

Exzellente Gedichte aus dem dämmrigen Lettland

„Es sind traurige Gedichte, die von Einsamkeit und Entfremdung künden, aber gleichzeitig und oft grotesk-komisch sind. Das gelingt Zeļģis auch durch seine wunderbar lakonischen Darstellungen der Menschen, mit denen er es zu tun hat“, schreibt Matthias Ehlers in seiner Besprechung von Krišjānis Zeļģis‘ Gedichtband bei WDR5 Bücher, wo auch das Gedicht Ich habe auf den Wal gewartet ausgestrahlt wurde. „Wilde Tiere birgt eine großartige Sammlung exzellenter Gedichte, die jedes für sich eine kleine, einzigartige Geschichte aus dem dämmrigen Lettland des Krišjānis Zeļģis erzählen. Diesen Band sollte man jederzeit zur Hand haben – auch wenn man wissen will, wie man wilden Tieren hierzulande poetisch begegnet. Ganz feine Lyrik!“

Schwarzhumorig gefärbte Stadtansichten

Christian Kreis hat (…) unter dem Titel Halle Alphabet ein schmales Bändchen mit flott zu lesenden Miniaturen vorgelegt, die persönliche, oft auch ironisch oder schwarzhumorig gefärbte Stadtansichten sind. Da es mit dem Humor im mitteldeutschen Beritt aber eine Sache für sich ist, wird manche oder mancher vielleicht auch mal schlucken müssen“, schreibt Andreas Montag in der Mitteldeutschen Zeitung (in der Ausgabe vom 23.12.).

„Man muss solch lockeren Ton nicht mögen, ahnt aber schon, dass sich hinter so viel Lakonie und Schnodderigkeit ein skrupulöser und moralischer Mensch verbergen wird. Im Übrigen erweist sich Christian Kreis ein genauer Beobachter (…) Man liest es mit Freude.“

Freizeit und Nichtstun sind mir wichtig

„Die Wildheit der Gedichte des 1985 geborenen Krišjānis Zeļģis, der nach allerhand Berufs- und Auslandserfahrungen inzwischen als Bierbrauer in Riga lebt, ist vielleicht ihrem scharfen, unparteiischen Blick geschuldet. Menschen haben Probleme, werden aus ihren Wohnungen geworfen, der Strom ist abgestellt, und das Eisfach taut auf: ‚mir ist kalt / kauf Suppe / Schatz‘. Menschen schnorren sich durch WGs, stehlen Essen, klauen Geld, „und die Fischschuppen in meinem Portemonnaie stehen für Wohlstand“. In einem Text verfolgt das lyrische Ich in einem Zug die Diebin seiner Schuhe und schlägt sie: ‚das Blut tropft aus ihrer Nase auf ihren Rock / Entschuldigung sage ich‘, nur um anschließend festzustellen, dass ihm inzwischen sämtliche Fischkonserven geklaut worden sind: ’niemand hat was gesehen / niemand / hat was gesehen‘.

Man hört diese Worte förmlich ausgesprochen, lakonisch, doch mit unterdrückter Wut, sie zwingen die Leser zu einer Positionierung. Zeļģis setzt Wiederholungen geschickt ein, ihre Rhetorik, der ständige Dialog, ist eine Stärke der Gedichte: ‚mir ist Freizeit wichtig und Nichtstun / Freizeit und Nichtstun sind mir wichtig'“, schreibt Patrick Wilden über Wilde Tiere bei Fixpoetry.

Und weiter: „Wer die lakonischen, von einer spannungsreichen Menschlichkeit durchzogenen Texte von Adrian Kasnitz kennt, der seine ersten Lebensjahre an der Ostsee nicht weit von Zeļģis’ Heimat verbracht hat, erkennt bald, daß Autor und Nachdichter im Band Wilde Tiere schier idealtypisch zusammengefunden haben“.

Wo das Dunkle zum fluoreszierenden Regenbogen wird

„Nicht nur die starken Bilder sind es, die sich in die Erinnerung einprägen werden, sondern auch Augenblicke der Leseerfahrung, die gar nicht so leicht beschrieben werden können, dennoch einer jeden konzentrierten Leserin bekannt sein müssen“, schreibt Verena Stauffer in einem ausführlichen Kommentar zu Schwarz auf weiß von Lidija Dimkovska in der aktuellen Ausgabe von Der Hammer. Die Zeitung der Alten Schmiede (111/2020).

Und weiter: „Es ist das, was Sprache auch zu Kunst macht, es sind Verse, in welchen die Sprache nicht mehr nur als Handwerk fungiert, das zur Artikulation und Verständigung dient, sondern durch welche sie gleichsam ins Bewusstsein eintritt, um dort einen Moment der Erhellung, der Klarheit, der Erweiterung zu erzeugen. Es ist dort, wo das Dunkle im Selbst plötzlich zum fluoreszierenden Regenbogen wird. Jenes Zimmer im Körper, dessen Tür keiner kennt, die nur durch Dichtung geöffnet werden kann, dann aber schwingen auch alle Fensterflügel auf und sprühende, spritzende Farben flitzen durch die inneren Gänge und Säle.

Es ist damit auch die Erhellung von Vorbewusstem gemeint, von noch nicht Gedachtem, aber Gefühltem, das mit einem Mal durch die Verse zu etwas wird, das tatsächlich existiert.

Das Zimmer im Haus des Bewusstseins mag bei der Lektüre von Schwarz auf weiß mehrmals seine Türen öffnen. Für Augenblicke wird es so groß, dass es über die Leserin hinausgeht und sie sich in ihm ver- liert, wenn sie es zulässt.“ Der ganze Text ist hier nachzulesen.

Klettergarten / Klimparadijs

„Der ganze Band ist eine Art mehrdimensionaler semantischer, morphologischer und bildhafter Klettergarten“, schreibt Christoph Wenzel über eins: zum andern von Karin Fellner in der zweisprachigen und dreiländrigen Literaturzeitschrift Trimaran (2/2020). Das gute daran ist, dass es die Besprechung und das Gedicht Komische Symmetrie / Maffe symmetrie auch auf Niederländisch (in der Übersetzung von Ton Naaijkens) gibt. „De hele bundel is een soort meerdimensionaal, semantisch, morfologisch en plastisch klimparadijs“, lautet die Stelle übersetzt.

In der gleichen Ausgabe empfiehlt Stefan Wieczorek den niederländischen Dichter Menno Wigman. Nachzulesen ist dort auch sein Gedicht Jeunesse dorée aus dem Band Im Sommer stinken alle Städte, den Gregor Seferens ins Deutsche übertragen hat.

Als es im Winter noch nach Kohleöfen roch

„Bloß kein Kölsches Jeföhl der Berauschtheit am stets frisch gezapften und fleißig augeschenkten Mythos der Dom-Metropole aufkommen lassen“, schreibt Thomas Dahl in seiner Besprechung über das Kalk Alphabet von Jonas Linnebank auf Rheinerlei.de und weiter: „Durch ein graubraun-visualisiertes Straßenbild, das sinnliche Erinnerungen an den Geruch von winterlichen Kohleöfen verströmt, ziehen die Menschen ihre Runden zwischen Aldi, Amt und Nudelrestaurant sowie einem lautstarken Palaver oder nicht minder hörbaren Streit vor den Teestuben.“ Den ganzen Beitrag kann man hier nachlesen.