Demokratisierung des Blickes

„Wie der Titel das Romans andeutet, der der technischen Sprache der Filmproduktion entlehnt ist und in diesem Zusammenhang ein Einzelbild bezeichnet, bedient sich Podhostniks Schreiben Errungenschaften dieser Parraleldisziplin und sieht sich damit an der Seite solch grandiosen Vorgängern wie Arno Schmidt, der eine Reihe Kurzromane vorlegte und die Parallelen seiner Arbeiten zum Filmschnitt theoretisch beleuchtete. Podhostnik dreht die Spirale jedoch noch ein wenig weiter, denn er beschreibt in seinem Buch die Arbeit einer Crew, speziell des Kameramanns einer Crew, die Bilder und Filmsegmente für verschiedene Auftraggeber anfertigt, vom Porno bis zur Abendnachricht, beziehungsweise auf eigene Faust filmt, und das Material dann verschiedenen Verwertern anbietet“, schreibt Jan Kuhlbrodt über Frame von Thomas Podhostnik in einer Besprechung auf piqd.de

Und weiter: „Der Kameramann aber, der in der Hierarchie der Filmcrew am unteren Ende zu stehen scheint, und aus dessen Sicht das Ganze geschildert wird, entwickelt über seine Arbeit im Reflex auf dieses Phänomen eine spezifische Form der Empathie. Man könnte von einer Demokratisierung des Blickes ausgehen, was sich letztlich in Rückblenden erweist. Als Kind hat er seine Großmutter zu Putzjobs begleitet, und sie hat sich in seinen Augen auch im Putzen als Schönheit dargestellt. In der Schule wird ihm aber nahegelegt, nichts von dieser Erfahrung zu erzählen. Während seine Großmutter putzt, zeichnet der Junge und entwickelt seine Art künstlerischer Weltsicht. Das alles beschreibt Podhostnik in eindringlichen Sequenzen und Szenen, die in harten Schnitten montiert sind. Ein großes Buch von 100 Seiten.“

Das Gedicht ist ein Schlachtfeld

Unsere von Beatrice Cordier und Laurine Irmer herausgegebene portugiesische Anthologie Wie man ein Wunder löscht empfiehlt Erwin Uhrmann im Spectrum, der Literaturbeilage von Die Presse (Wien). „Vor allem die momentane Beschaffenheit der Gesellschaft ist dabei ein wichtiges Thema“, schreibt er und zitiert ein Gedicht von Francisca Camelo: „trägt man / in einer Demonstration gegen den Femizid / die gleiche Maske / wie an einem glücklichen Tag?“

Rimfaxe und Skinfaxe

„In zweisprachigen Lyrikausgaben dänischer Dichtung zu lesen, verspricht nicht nur eine Bereicherung unseres spärlichen Wissens.“ Bernd Leukert las drei für Faust-Kultur und wurde dabei „auch aufs Schönste überrascht“. Auch unsere Anthologie Hier habt ihr mich (hg. v. Ursel Allenstein und Marlene Hastenplug) ist dabei, die im gewissen Sinne (mit dem Fokus auf neueste Lyrik) eine Vorarbeit oder Ergänzung zur Hanser-Anthologie Licht überm Land ist, die dänische Lyrik vom Mittelalter bis heute präsentiert und auch Texte aus Hier habt ihr mich übernommen hat. Die ganze Besprechung ist hier nachzulesen.

Mürigkeit & Motörhead

In der Süddeutschen Zeitung bespricht Antje Weber die beiden Gedichtbände Dioden, wie es Nacht (vierhändig) von Nora Zapf und motörhead klopstöck von Gerald Fiebig und schreibt: ‚“Dioden, wie es Nacht (vierhändig)“, steht auf dem Band … So kompliziert das auch klingt – Nora Zapf liebt solche gewagten Konstruktionen -, kann man ihre Absichten doch zumindest erahnen: Dioden werden zur Gleichrichtung, zur Umwandlung von Wechselspannung in Gleichspannung eingesetzt. Nimmt man die Nacht als Grundthema dazu und denkt sich den Lyrikband als eine Art vierhändige Etüde, dann könnte man zum Schluss kommen: Hier versucht jemand, von wechselnden Anspannungen zu einem entspannten Gleichmaß zu finden. Dem lyrischen Ich, von Schlaflosigkeit gequält, fällt das nicht leicht. In mehreren, formal unterschiedlichen Langgedichten gleiten die Leser mit der Autorin durch wechselnde Nachtphasen und auch mal Fieberträume. Das schlägt sich in entsprechend unruhigen Texten mit unterschiedlichen Schriftgrößen, Fettungen und Sprachen-Einsprengseln nieder, durchzuckt von immer neuen Assoziationen zwischen „Mürigkeit“ und „Umwachtung“. Wer in seinem Leben solche Zustände kennt, wird die geradezu elegisch zusammengehaltenen Gedankensplitter mit anderer, sozusagen somnambul verschwommener Wahrnehmung lesen. Und wer kleine Kinder hat – ein Baby taucht immer wieder mal im Text auf -, weiß sicherlich auch, wovon die Autorin schreibt.“ Und weiter: „Der Gedichtband motörhead klopstöck des Augsburger Autors und Musikers … zeigt auf köstliche Weise, wie man verspielt mit der Tradition umgehen kann. Das Titelgedicht ‚Odenströphen (Motörhead Klopstöck)‘ bringt schon im Titel in schön alberner Assonanz eine Rockband und den Dichter Klopstock zusammen. Mit den ersten Wörtern ‚,palim palim’psest‘ macht Fiebig dann endgültig klar, dass er Populärkultur mit Bildungswissen zu verschmelzen gedenkt. Wenn dieser Dichter mit Altem und Neuem, mit Gegensätzen und Gleichklängen spielt, ist das immer wieder lustig (‚VODAFONE nichts übrig bleibt‘). Und so drückt man auch bei etwas schmerzhafter Genderkritik ‚die äugin‘ zu. Es ist ja nicht das Einzige, was dieser und andere Lyriker und Lyrikerinnen als ‚NOISE UNTER DER SONNE‘ bieten.

Motörhead & Sid

In der aktuellen Ausgabe des Bremer Punk-Magazins Trust (August/September 2021) sind gleich zwei unserer Bücher besprochen: motörhead klopstöck von Gerald Fiebig und Sid Wischi Waschi von Veronique Homann. Beide Bücher hat die Rezensentin (judith) gelesen. Fiebigs Texte erinnern sie an eine Textcollage. „Feinsinnig spürt der Autor der deutschen Vergangenheit nach. Trägt an Orten historische Schichten ab und entdeckt dort und im Hier und Jetzt, wie sich Geschichte verdichtet hat, wie sie sich begreifen lässt … Das gelingt ihm tatsächlich ziemlich gut.“ Homanns Gedichte sind dagegen „kurz aber eindrucksvoll. Oft lassen sie mehr aus … und genau das schafft eine ganz spannende Erfahrung beim Lesen“. Nicht nur Sid Wischi Waschi als „weichgespülte Version des Punk“ interessiert, sondern auch die Frage, was Kunst sei, die Homann auf „sehr dadaeske Weise“ beantworte. Auch unsere Empfehlung ist es, beide Bücher zusammen zu bestellen.

Knochenfauteuil

„’Unkalkulierte Attraktion von Farben‘ lautet eine Textstelle. In etwa so bieten sich die 365 vorhergesagten Gedichte von Álvaro Seiça / Mathias Traxler an. Wer übersetzt hier eigentlich wen? Traxler setzt die gängigen (kanonischen) Tradierungen außer Kraft, indem er zusammen mit dem portugiesischen Lyriker Seiça diesen Text in mehrere Spuren erweitert, verschiedene Sprachen hineinorchestriert. Es ist ein auditives Verfahren, das eher an zeitgenössische additional Tracks auf einem Remix-Pult erinnert. Traxler fügt den Gedichten hinzu, was sich wohl instrumentartig angeboten hat. Er verwischt, klärt auf, findet neue Bezüge. Auf u.a. Bandcamp kann man die auditorischen Impulse nachhören, im Band selbst – in der Kölner Parasitenpresse erschienen – berichtet das Nachwort über die wetter-respektiven Einfallsmethoden Traxlers, die Lyrik Álvaro Seiças umzufusionieren“, schreibt Jonis Hartmann in einer Besprechung bei Textem über den Band. Und weiter: Das Buch ist in endlose wundervolle Abschnitte eingeteilt, deren Genregrenzen fließen wie jede einzelne Zeile selbst. Kaum stellt sich etwas scharf oder überscharf, ist es im nächsten Moment blurred edges oder scheinbar extrem weit hergeholt. Dann wieder sehr einfach. Auch die Zeichensetzung wird stark angepasst bis verfreiheitet. Es ist die sprachliche (und grammatische) Flexibilität von Sprache, die dieses Buch feiert. Er ist weniger verstörend als atemhaft experimentell, gleichzeitig schwierig zu fassen von einem Duo, das etwas vorherzusagen hat. Übersetzung als ein Angebot.

Eine Glasscheibe voller Risse

„’Erzählungen sind wie ein steinhartes Stück Schokolade. Ein mit Handlung gesättigtes Konzentrat, das uns nicht zuletzt aufgrund seiner Kürze daran erinnert, dass alles im Leben Bedeutung hat.’“ Dieses im Nachwort des Erzählbandes angeführte Zitat der dänischen Autorin Ida Jessen, die selbst in der Kurzprosa-Anthologie vertreten ist, beschreibt den Kern dessen, was diese Gattung auch in meinen Augen auszeichnet. Zugleich gibt es Hinweise darauf, warum diese Gattung nicht nur im deutschsprachigen Buchmarkt – ungeachtet ihrer Qualitäten – zumeist eine schwierige Position hat. Mit diesem schmalen Erzählband liegt eine exklusive Auswahl zehn zeitgenössischer dänischer Kurzprosa-Texte aus der Feder von zehn unterschiedlichen Autor*innen vor. Die Texte wurden hierfür erstmals ins Deutsche übersetzt. In der dänischen Literatur hat diese Erzählform eine lange Tradition, zu den bekanntesten Vertreter*innen gehört sicherlich Tania Blixen. Auch mittlerweile über Dänemarks Grenzen hinaus bekannte zeitgenössische Autor*innen, wie u.a. die 2020 verstorbene Pia Juul, wenden sich immer wieder der Gattung Kurzprosa zu. Entsprechend gespannt war ich auf die hier präsentierten Texte und wurde nicht enttäuscht. In ihrer Vielstimmigkeit reflektieren die Erzählungen – oftmals in einem Vorher-Nachher-Gedankenmodell ihrer Protagonist*innen – Momentaufnahmen eines individuellen Lebensentwurfes und nicht selten dessen Scheitern. Immer wieder erleben wir dabei einen Blick hinter die Kulissen des gesellschaftlichen Scheines, den die in den Geschichten beschriebenen Figuren bemüht sind, aufrecht zu erhalten. Doch ungewollt offenbaren sie dabei dem/der Leser*in die Motivation für Handlungsweise und ihre verborgenen Sehnsüchte, wie durch eine Glasscheibe voller Risse. Viele der Erzählungen widmen sich der Frage nach der eigenen Identität sowie der Einsamkeit und sozialen Isolation ihrer Figuren und dem Gefühl, sich weit von den eigenen Vorstellungen und Erwartungen an das Leben entfernt zu haben,“ so empfiehlt Katrin Hesse von der Literaturinitiative Berlin die von Marlene Hastenplug herausgegebene Dänemark-Anthologie Schön habt ihrs hier.

Unschuld, der man nicht trauen sollte

„Aufgrund ihrer ungewöhnlich geringen Dichte an Metaphern, Vergleichen und intertextuellen Referenzen strahlen die Gedichte von Krišjānis Zeļģis eine gewisse Unschuld aus, der man nicht trauen sollte. Die Texte – ins Deutsche übertragen von Adrian Kasnitz – sind nüchtern, der Prosa nah, und inhaltlich wie sprachlich ganz in der Gegenwart verortet: Es geht um alltägliche Beobachtungen, zufällige Begegnungen und romantische Beziehungen, Arbeitswelten, Kommunikationstechnik und Natur, Provinz und Einsamkeit. Die Texte sind zugänglich, ihre Themen scheinen uns vertraut. Und doch verfügt nahezu jedes Gedicht über einen unvermittelten Perspektivenwechsel, einen ironischen Twist, oder driftet ab ins Groteske – mal schleichend, mal brachial –, so wie die vielen Tiere/Bestien (hierzu zählen auch die Menschen), die sich durch den Band ziehen und mit leuchtenden Augen auf den Hochsitz blicken, in dem wir uns in Sicherheit wähnen“, schreibt Tino Schlench auf Literaturpalast.at über Wilde Tiere von Krišjānis Zeļģis und beschäftigt sich vor allem mit dem Gedicht ein Hochsitz im Wald aus dem Band. In einer Kooperation mit dem Kunstvermittler Daniel Uchtmann vom Kunsthistorischen Museum in Wien werden dort Lyrik und Kunst zusammengebracht. Hier ist es das Bild Salome mit dem Haupt Johannes des Täufers (um 1520/24) von Andrea Solario. Zum ganzen Text sowie zu den Bildern gelangt man hier.

Die Schrift hat gesprochen

„Wobei augenzwinkernd mehr als nur eine Momentaufnahme ist: Denn bei allen Tief- und Abgründigkeiten, bei aller Kritik an Kirche, Macht, aber auch der menschlichen Dummheit („Dein Denken ist so untief, man möchte weinen.“ (S. 22)) nehmen sich die Gedichte, nehmen sich die Erzähler*innenstimmen nie ganz ernst – wozu nicht zuletzt der Einsatz zahlreicher dialektaler Schimpfworte oder Wendungen beiträgt: ‚An dieser deiner Hirnpalette wird Erkenntnis offenbar, denn wo kann solch ein Pfosten den andern austreiben […]‘ (S. 23). Und so werden Gesänge wie jener mit der Nummer X: ‚Tschak, brak, Dogma ins Gnack‘ (S. 12) nicht nur als Kritik an den Dogmen der heutigen Gesellschaft lesbar sondern auch als Selbstreflexion, als Warnung ein Dogma durch ein anderes einfach durch ersetzen. Dass dieser Satz, wie so viele andere, auch noch das Potential hat einen zum Schmunzeln bzw. sogar zum Lachen zu bringen, ist ein zusätzlicher Reiz dieser Gesänge. Ein Reiz, der sich ebenso beim Lesen wie beim Zuhören entfaltet, vielleicht, weil der Unterschied oft gar nicht so leicht zu benennen ist: ‚Die Schrift hat gesprochen, Ende Gelände,'“ schreibt Peter Clar über Wort des lebendigen Rottens von Lydia Haider im Poesiegalerie-Blog.

Eine Stereotypmaschinerie

„Die ‚russische Seele‘ – wie viel Pathos, welche literarischen Tiefen und vielleicht sogar imperialen Traumlandschaften schwingen mit in dieser Worthülse? Zugegeben kann der Titel Handwörterbuch der russischen Seele von Alexander Estis Irritationen auslösen, allerdings womöglich gewünscht. Die Befremdung beginnt bei der zu hinterfragenden Konstruktion einer pauschalisierten nationalen Seele und wird bei der formalen Kategorie des ‚Handwörterbuchs‘ fortgeführt, das im Widerspruch dazu gewissermaßen Objektivität verspricht. Doch blickt man hinein in den literarischen Versuch, dieses schwer greifbare und zu hinterfragende Große des Titels in dem literarischen Gegenteil – nämlich in Prosaminiaturen – zu fassen, dann lassen sich in diesem Spannungsfeld Texte von ironischer Schärfe und überraschenden Pointen entdecken, die einen humoristisch persönlichen Zugang zu dem kulturell geformten Konstrukt offenbaren“, schreibt Ricarda Fait über das Handwörterbuch der russischen Seele für Read Ost. Und weiter: „Die Stimme und Perspektive variiert von Eintrag zu Eintrag zwischen einer auktorialen Instanz, einem Erzähler mit der Maske eines Ichs oder eines Wirs und kleinen Dialogen. Durch dieses Spiel der Perspektiven ist auch die eigentliche Erzählinstanz schwer zu fassen. Sie existiert nur in ihrer Vieldeutigkeit, blickt mal von innen, mal von außen, aber stets sehr einfühlsam auf den ausgewählten Begriff und geht dabei auch weit über klischeehafte Vorstellungen von Russland hinaus.“