Klettergarten / Klimparadijs

„Der ganze Band ist eine Art mehrdimensionaler semantischer, morphologischer und bildhafter Klettergarten“, schreibt Christoph Wenzel über eins: zum andern von Karin Fellner in der zweisprachigen und dreiländrigen Literaturzeitschrift Trimaran (2/2020). Das gute daran ist, dass es die Besprechung und das Gedicht Komische Symmetrie / Maffe symmetrie auch auf Niederländisch (in der Übersetzung von Ton Naaijkens) gibt. „De hele bundel is een soort meerdimensionaal, semantisch, morfologisch en plastisch klimparadijs“, lautet die Stelle übersetzt.

In der gleichen Ausgabe empfiehlt Stefan Wieczorek den niederländischen Dichter Menno Wigman. Nachzulesen ist dort auch sein Gedicht Jeunesse dorée aus dem Band Im Sommer stinken alle Städte, den Gregor Seferens ins Deutsche übertragen hat.

Als es im Winter noch nach Kohleöfen roch

„Bloß kein Kölsches Jeföhl der Berauschtheit am stets frisch gezapften und fleißig augeschenkten Mythos der Dom-Metropole aufkommen lassen“, schreibt Thomas Dahl in seiner Besprechung über das Kalk Alphabet von Jonas Linnebank auf Rheinerlei.de und weiter: „Durch ein graubraun-visualisiertes Straßenbild, das sinnliche Erinnerungen an den Geruch von winterlichen Kohleöfen verströmt, ziehen die Menschen ihre Runden zwischen Aldi, Amt und Nudelrestaurant sowie einem lautstarken Palaver oder nicht minder hörbaren Streit vor den Teestuben.“ Den ganzen Beitrag kann man hier nachlesen.

Kalk für Fortgeschrittene

„Nein, an Ortsfremde, Zugezogene mit konkretem Informationsbedarf zum Alltagsleben oder gar an Touristen wendet sich das kürzliche erschienene Kalk Alphabet überhaupt nicht. Doch [es] versammelt sehr persönliche Erinnerungen, Impressionen, Beschwerden oder Fantasien von 15 Autoren, die sich eines oder mehrerer Buchstaben angenommen haben. Kalk für Fortgeschrittene also – oder für Leser, die mehr über Kalk erfahren möchten“, schreibt Hans-Willi Hermans in seiner Besprechung des Kalk Alphabets von Jonas Linnebank im Kölner Stadt-Anzeiger.

Klopstock mit ö

„Mit Witz und intellektueller Verve schöpft er aus der Wirklichkeit und findet die guten Kalauer“, schreibt Tom Schulz über Gerald Fiebig und seinen neuen Gedichtband motörhead klopstöck (in einer Doppelbesprechung mit Marcel Beyer) im Luxemburger Tageblatt. Und weiter: „Die Gedichte haben mitunter einen Flow, der seinesgleichen sucht. Fiebig tanzt in seinen Texten zur besten Musik, so wie einst die Band Fehlfarben sang … Für den Band Motörhead Klopstöck, …, sollte man ihm die Goldene Schallplatte verleihen.“

Die Kletterpflanze unter den Literaturfestivals

Für das Stellwerk Magazin berichtet Lisa James von unserem Europäischen Literaturfestival: „Samstagmittag in Köln-Kalk. Pastellfarbene Papier-Pompons wippen im Wind, die Leute stöbern mit einem Kaffee in der Hand am bunt gemischten Büchertisch unter den Kirschbäumen, aus den Boxen tönt Musik. Auf dem Ottmar-Pohl-Platz ist eine kleine Bühne aufgebaut, rundherum stehen vereinzelt Stühle, Bänke und eine Hängematte. Kinder spielen im Hintergrund auf den Weiten des Platzes, die Sitzplätze füllen sich allmählich mit Studierenden, älteren Frauen und Männern, AnwohnerInnen – Literaturinteressierten.“

Von den Lesungen, den Gesprächen über Literatur und Übersetzung auf dem Ottmar-Pohl-Platz oder der Pflanzstelle, vom Festival als Kletterpflanze und Oktopus erfährt man im ausfühlichen Artikel hier.

Von einer Suada getroffen

„Alles in allem also [eine] genre-sprengende Leseempfehlung“, schreibt Andreas Merkel bei piqd über Ich bin für Frieden, Armut und Polyamorie – welche Partei soll ich wählen? von Andre Rudolph. „Außerdem werden Redewendungen wie ‚dafür sind wir ja da‚ oder ‚oder haben sie ein konzept‚ auf das Philosophischste recycelt. Gern wird man mitten in einer Suada auch mal von einem Gedanken aus dem Hinterhalt getroffen, der eigentlich zu schön ist, um nicht in HipHop-Hits aufzutauchen: ‚pornographie ist die rache des mannes an seiner geburt.‚“

Die Viren sollen krepieren

Lydia Haider erfindet ihre ganz eigene Form zwischen Prosa, Lyrik, Wüterich, den Haiderschen Gesang: unversöhnlich, aggressiv, präzise schneidend. Sie benutzt ziemlich scharfkantige, hochgereizte Bilder, ohne Rücksicht auf Gewohnheiten. Obwohl des Öfteren fast das Gewand der Büttenrede durchscheint, eine trunkene Kanzel in Weißglut, alle Verstärker auf full gain, wirken ihre Texte nicht billig, im Gegenteil. Durchdacht, ohne Skrupel gezielt abgefeuert. Weder oberflächlich, noch mit Tiefgang. Ein mutiger Batzen Bellen von Autorin und Verlag. Hart, komisch, echt?“, schreibt Jonis Hartmann in einer Besprechung über Wort des lebendigen Rottens bei Fixpoetry.

Die immense Wut dieser Sprache

„Beim Bachmannpreis hat die österreichische Autorin Lydia Haider für Verstörung und Ratlosigkeit gesorgt. Die Jury hätte gern genau gewusst: Wer spricht in ihrem Beitrag? Und gegen wen richtet sich die immense Wut dieser Sprache? Dass das immer neu zu verhandeln ist und nie restlos klar wird, gehört zu den Stärken von Haiders Texten, die sich nicht platt als Literatur gegen rechts oder wen auch immer instrumentalisieren lassen“, schreibt Sebastian Fasthuber zu Wort des lebendigen Rottens im aktuellen Falter (30/2020). „Die besten Momente sind nicht die ganz wüsten, sondern die überraschenden. In ‚Gesang XXXVI‘ heißt es, in Anlehnung an Ludwig Hirsch, schön hinterfotzig: ‚Schenk dich doch selber deinem Papst in einem Packerl, / glaub mir, der Kleine wird sich freun.'“

Zwischen Hitze und Frost

„Die Gedichte von Sünje Lewejohann sind Liebesgedichte vom Feinsten, angesiedelt zwischen Hitze und Frost, die in einer Leidenschaft selten getrennt von einander zu sehen sind, wenn sie ernstgemeint ist. Auch diese Gedichte sind ernstgemeint, von einer verblüffenden Authentizität geradezu, dabei kristallklar und pfeilschnell“, schreibt Kerstin Fischer auf ihrem Blog Lyrikatelier Fischerhaus über die idiotische wucht deiner wimpern. Den ganzen Artikel kann man hier nachlesen.

Cover Lewejohann