Die Welt da draußen wartet nicht auf Wörter

„Und ‚plötzlich bist du farbe‘, zum Beispiel. Mit Überraschungen ist bei Kathrin Niemela immer zu rechnen. Das hält den Leser und sicher auch die Leserin in ihrem Debütband wenn ich asche bin,lerne ich kanji hübsch auf Trab. Gut so. Und so viel vorweg: Hoffentlich dauert es noch sehr lange, bis das lyrische Ich die japanischen Schriftzeichen Kanji lernt. Ein bisschen wie ungewohnte Schriftzeichen mögen auch die Wendungen, Brüche und Kombinationen der 1973 in Regensburg geborenen Lyrikerin mitunter erscheinen. Frisch jedenfalls. Denn ‚irgendwo blüht‘s immer und / was wir suchen, werden wir // finden in den mutteraugen das / bernsteinzimmer, kriegen kinder von / fremden Gedichten, hausen in liedern, / multiplizieren uns mit luft, die liebe / wird uns auseinanderbringen‘, schreibt sie in dem das Buch eröffnenden, preisgekrönten Zyklus ‚die süße unterm marmeladenschimmel‘. Dass Liebe zusammenhält, sollten die unzähligen Schlösser am Geländer des Pont des Arts in Paris symbolisieren. Die Fußgängerbrücke hielt das auf Dauer nicht aus. Kathrin Niemela komponiert dieser Liebesbrücke eine Wortmelodie auf ‚i‘. Weitere Eindrücke aus dieser Stadt rücken Balzac und Paul Celan ins Bild, blenden auch die Bluttaten im Bataclan und an anderen Orten nicht aus. Im letzten Kapitel, in ‚kuckuckswunden‘, begibt sich die Autorin auf ‚Urgroßjagd‘, auf Wurzelsuche im Memelland: ‚wo ich lebe, komm ich nicht her, nur dieser ort scheint immer / da gewesen: kuckerneese, kaukehmen – osthimmelwolken‘. Im Café La Poesía in Buenos Aires versetzt sich die weitgereiste Dichterin in einstige Poeten, Gäste, ‚die hier saßen und dachten, es sei leicht / einen vers zu entbinden – wehen erster silben bei kaffee – um früher oder später zu begreifen: die welt da draußen wartet nicht auf wörter‘. Aber das muss eine Kathrin Niemela nicht verdrießen. Artur Becker vergleicht sie im Nachwort mit einer sprachlichen Bungee-Springerin, ‚weil sie keine Angst hat, in ihrer lyrischen Sprache das Risiko zu suchen und Neues zu wagen‘, schreibt Rolf Birkholz in einer Besprechung in Am Erker (83/2022).

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