Paradies

Die neue Buchreihe PARADIES präsentiert künftig neues Erzählen aus und über Nordrhein-Westfalen. Wir wollen Geschichten lesen, die hier angesiedelt sind, die die Probleme und Wünsche der Menschen vor Ort erzählen. Ein Stück geht es auch darum, hier zu bleiben, das Paradies vor Ort zu suchen, Dinge zu bewegen und Verantwortung für die Nachbarschaft zu übernehmen. Nicht alle Kurzgeschichten, nicht alle Bücher werden das immer so strikt einhalten. Wir möchten die Literatur aus und über NRW sichtbarer machen. Es gibt viele neue Stimmen zu entdecken – befeuert durch die neuen Schreiborte in Köln, durch neue Literaturinitiativen und -netzwerke im ganzen Bundesland.

Die ersten beiden Bücher, die diesen Monat erscheinen werden, sind zwei Debüts. Ausbruch von Thomas Empl (VÖ 12.5.) und So glücklich war ich noch nie von André Patten (VÖ 19.5.) sind beides Erzählungsbände und werden hier bald einzeln vorgestellt. Vorbestellungen nehmen wir jetzt schon entgegen.

An dieser Stelle möchten wir der Kunststiftung NRW danken, die den Start dieser Reihe ermöglicht hat.

Nora Zapf: Dioden, wie es Nacht (vierhändig)

Der neue Gedichtband Dioden, wie es Nacht (vierhändig) der Münchner Dichterin Nora Zapf arbeitet mit dem Sprachmaterial von Schlaf und Nacht. In sechs Kapiteln nähert er sich dem Traum, auch Fiebertraum, wälzt sich zwischen Schlaflosigkeit und Schlaf, zwischen Mürigkeit und Müdigkeit, zwischen Ungeduld und Stillen. Möchte aufwachen, ausbrechen, tut es mit einigen Gedichten, die nach Kuba führen und unter dem Mond von Havanna spazieren gehen, mit anderen Gedichten, die von Rausch handeln, auch englische Varianten zur Seite gestellt bekommen. „Am See: ich geh schlafen wie andre baden. So rissige Sichel / die Wellen dringen in den Traum.“ Zeichnungen von Sophie Schmidt begleiten die Gedichte.

Nora Zapf: Dioden, wie es Nacht (vierhändig). Gedichte, 54 Seiten, Pries: 10,- € – ab sofort lieferbar

Nora Zapf, born in Paderborn. Trinkt am liebsten Spanisch und Portugiesisch. Isst leidenschaftlich gern Sprechen, Wissenschaft, Übersetzung (als Formen deftiger Verkupplung). War am begeistertsten in Buenos Aires, Havanna, Lissabon und Prag, ihre Gewässer. Lebt in München und Innsbruck. Bände: rost und kaffeesatz, parasitenpresse 2018. homogloben, gutleut 2018.

Aus der heimlichen Welthauptstadt der Kurzgeschichte

„Die titelgebende Geschichte erzählt von Günter, einem Philosophen, der vielleicht ein Werk hinterlassen hätte, wenn es einen Namen dazu gäbe, aber nicht einmal die Authentizität des Vornamens Günter ist gesichert, so bleiben in den Bibliotheken nur die Werke und Namen der anderen Philosophen, deren Rekonstruktion sich Günter letztlich Zeit seines philosophischen Lebens gewidmet hat. Von Heraklit bis Sartre verdanken diese Denker letztlich allesamt ihre Existenz dem unermüdlichen Bemühen eines nicht benannten Unbekannten, dem provisorisch der Name Günter zugeordnet wurde und wird. Günter ist letztlich die Bedingung der Möglichkeit Hegels und Heideggers, deren Ruhm vom seinem Nichtruhm, dem des Unbekannten, begründet ist. Zumindest könnte so die Auslegung dieser Ebene der Erzählung lauten“, schreibt Jan Kuhlbrodt über Die Dädalus-Hypothese von Lew Naumow auf piqd.de.

Und weiter: „Aber eine Erzählung ist vor allem auch Sprache. Der Dresdner Fachübersetzer Dirk Bretschneider hat Lew Naumows Erzählungen ins Deutsche gebracht, und man merkt seiner Übersetzung an, dass er in der Tradition der russischen Kurzgeschichte hervorragend bewandert ist. Und was ist das für eine Tradition!! Puschkin, Leskow und so weiter. Tschechow. Man könnte einen nicht endenwollenden Schwanz großer Namen an dem schwarzen Hündchen befestigen. Im 20. Jahrhundert differenziert sich das ganze noch aus. Die heimliche Welthauptstadt der Kurzgeschichte ist meiner Ansicht nach ohnehin St. Petersburg. „

Die Stadt als Liste

Das Halle Alphabet hat am Wochenende Uli Wittstock für MDR Kultur besprochen: „Listen und Aufzählungen gehören seit jeher zur Literatur. Schon Homer zählte in 350 Versen die Liste der griechischen Schiffe und ihrer Besatzungen auf, die sich auf den Weg nach Troja machten. In der modernen Literatur spielen Listen immer wieder eine Rolle. Der Autor Christian Kreis aus Halle hat nun eine alphabetische Liste vorgelegt – ein schmales Bändchen mit dem Titel Halle Alphabet.“ Und weiter: „Denn Listen, zumal alphabetisch geordnet, sind schon eine Herausforderung. Das räumt auch Christian Kreis ein: ‚Ich habe einfach über das geschrieben, was mir eingefallen ist.‘ Er habe sich treiben lassen nach den Anekdoten, die er im Kopf gehabt habe, er sei subjektiv vorgegangen: ‚Woran kann ich mich erinnern? Was bietet die beste Story?‘ – Die ganze Besprechung kann man hier nachhören und -lesen.

Ein Gedicht, dieser Wundergecko

„Gedichte sind mein Leben. Ein Gedicht kann die Welt enthalten, in all seiner Kürze, verdichtet auf das Wesentliche“, sagt Astrid Nischkauer im Interview über den neuen Gedichtband du Wundergecko und die Literarischen Selbstgespräche mit dem Berufsverband Österreichischer SchreibpädagogInnen, das man hier nachlesen kann. Am 24. April ist Astrid Nischkauer (gemeinsam mit Gerald Nigl und Udo Kawasser) zu Gast im Literatursalon des BÖS. Die Lesung wird hier gestreamt.

Steine sammeln, auch Hypothesen

Unter dem Titel Steine sammeln, auch Hypothesen stellen wir am 24. April in Sankt Petersburg im Programm café D des Goethe-Instituts zur Deutschen Woche die beiden Bücher Под камнями von Thomas Podhostnik und Die Dädalus-Hypothese und andere, nicht ganz abwegige Vermutungen von Lew Naumow vor und sprechen über unser russisches Jahr. Die Lesung, an der auch die Übersetzer Alexander Kabisow und Dirk Bretschneider sowie Adrian Kasnitz teilnehmen, wird moderiert von Anastasia Patsey vom Museum für nonkonformistische Kunst. Die Lesung findet in Präsenz im Amphitheater des Kongresszentrums Lenpoligrafmasch (Аптекарский пр., д. 4, корп. 2 / Aptekarski Pr. 4, Gebäude 2) um 17 Uhr Ortszeit (16 Uhr Kölner/Leipziger Zeit) statt. Einige Teilnehmer sind online zugeschaltet.

Dem Live-Stream kann man übrigens hier folgen:

Томас Подхостник: Под камнями

Als Bestandteil unseres russischen Jahres erscheint jetzt die Erzählung Unter Steinen von Thomas Podhostnik in der russischen Ausgabe, die Alexander Kabisow aus dem Deutschen übertragen hat. Под камнями wird am 24. April in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Sankt Petersburg (mit Lew Naumow, Thomas Podhostnik, Dirk Bretschneider, Alexander Kabisow, Adrian Kasnitz u.a.) im Rahmen der Deutschen Woche präsentiert.

Томас Подхостник: Под камнями. Проза. Илюстрации Йоханны Риттер. Перевод с немецкого: Александра Кабисова, 42 ст., 10,- €

Vancouver

Das Gedicht Vancouver von Eleonore Schönmaier aus dem Band Wellenlängen deines Liedes lief bei WDR5 Bücher. Dazu schreibt Matthias Ehlers: „Die aus Nordkanada stammende Eleonore Schönmaier erhielt für ihre bisher erschienenen Gedichtbände wichtige kanadische Literaturpreise. Jetzt stellt der Parasitenverlag – im Hinblick auf das Gastland Kanada der Frankfurter Buchmesse 2020 und 2021 – Schönmaier auch dem deutschen Publikum vor. Die Gedichte von Eleonore Schönmaier sind kleine Geschichten aus der ganzen weiten Welt der Autorin. Sie kommen direkt aus der kanadischen Wildnis und begeben sich von dort aus in die europäische Geisteswelt.“

Lew Naumow: Die Dädalus-Hypothese

Sankt Petersburg war vielleicht schon immer die weltoffenste aller europäischen Großstädte. Keine Gedankenströmung und kein ästhetisches Prinzip, das dort nicht seine Spuren hinterlassen hätte. Sankt Petersburg ist ein Palimpsest. Wer dort an einer Hauswand kratzt, der findet unter einem Filmplakat von Tarkowski möglicherweise ein Zitat von Seneca. Lew Naumows Erzählungen sind das Ergebnis solcherlei Ausgrabungen. Naumow erfindet und findet die Welt in Sankt Petersburg.

Der Band Die Dädalus-Hypothese und andere, nicht ganz abwegige Vermutungen versammelt acht Erzählungen von Lew Naumow, die der Dresdner Übersetzer Dirk Bretschneider ins Deutsche übertragen hat. Sie handeln von Personen, die sich ihren Gedanken, Fähigkeiten und Welten ganz ergeben, von seltsamen auch außeriridschen Orten und Botschaften für eine spätere Zeit. Er erscheint in unserer neuen Reihe für erzählende Prosa aus Europa: PLÜ. Gleichzeitig ist der Band Teil unseres russischen Jahres und wird am 24. April im Goethe-Institut Sankt Petersburg (mit Lew Naumow, Thomas Podhostnik, Dirk Bretschneider u.a.) präsentiert.

„Ich glaube, der Gedanke, Theaterregisseur zu werden, war die allererste Idee, die mir in den Kopf kam…“ Hand aufs Herz, das ist natürlich gelogen. Es ist schlichtweg unmöglich. Aber wie das klingt! Gern sähe ich es, wenn ein zukünftiger Biograf meine Geschichte mit eben diesen Worten beginnen würde und darum werde ich nicht müde, sie wieder und wieder auszusprechen. Bislang wiederhole ich mein Mantra nur insgeheim für mich und doch hoffe ich, dass sich irgendwann einmal die Gelegenheit ergibt, den Satz laut und weithin hörbar vorzubringen, nach einer triumphalen Aufführung im „Palais-Royal“, im „dell’Angelo“ oder im „Comunale“, auf der Bühne des Royal Theatre oder im „Old Vic“…

Lew Naumow: Die Dädalus-Hypothese und andere, nicht ganz abwegige Vermutungen. Erzählungen aus dem Russischen von Dirk Bretschneider (PLÜ 001), 116 Seiten, Preis: 14,- € – ist ab sofort lieferbar

(Hinweis für Abonnent*innen: diese Buch ist kein Teil eines Abos, kann aber dazu bestellt werden.)

Lew Naumow, geb. 1982 in Leningrad, ist ein russischer Schriftsteller, Theaterautor, Essayist und Kulturwissen- schaftler. Seine Arbeit wurde mit russischen und internationalen Literaturpreisen ausgezeichnet. Seine Texte wurden neben dem Deutschen auch ins Chinesische und Türkische übersetzt, seine Stücke an russischen und deut- schen Theatern inszeniert. Die Erzählungen des Bandes sind seinen beiden Büchern Гипотеза Дедала (Die Dädalus-Hypothese) und Шёпот забытых букв (Das Flüstern der vergessenen Buchstaben) entnommen. Wissenschaftlich beschäftigt er sich mit den künstlerischen Arbeiten von Andrei Tarkowski, Samuel Beckett, Alexander Kaidanowski, Terry Gilliam, Christopher Nolan, Sergei Paradschanow und anderen. Über den Dichter Alexander Baschlatschow schrieb er eine Biographie. Außerdem hält Naumow kulturwissenschaftliche Vorträge über Theorie und Praxis von Literatur und Kino.

Dirk Bretschneider, Jahrgang 1972, lebt in Dresden. Als gelernter Fachübersetzer überträgt er gelegentlich auch Belletristisches ins Deutsche.