Ob Jelgava oder Ostwestfalen

Jelgava 94 ist ein vorbildlicher Coming-of-Age-Roman, einer, der die Leere und Orientierungslosigkeit der Jugend in prägnanten Szenen und stimmigen Dialogen virtuos einfängt, der die Kraft der Freundschaft auf ganz unsentimentale Weise besingt und der die Musik nicht nur dadurch feiert, dass er sie zum roten Faden der Geschichte macht. Durch seinen an Grunge, Metal und Punk geschulten Sinn für Rhythmus und Dramaturgie hat Jānis Joņevs, von Bettina Bergmann zuverlässig ins Deutsche übertragen, seinen ganz eigenen Prosa-Sound entwickelt.

Natürlich ist dies ein Roman, der zur Identifikation einlädt und sich vornehmlich an 15- oder 17-jährige Leser und ja, auch an Leserinnen richtet. Doch lässt sich Jelgava 94 auch im fortgeschrittenen Alter gut nachvollziehen, so man sich an seine Jugend noch erinnern mag. Zudem endet der Roman mit einem überraschenden Zeitsprung in eben dieses fortgeschrittene Alter des Protagonisten, verbunden mit der ewigen Frage, ob nicht Erwachsenwerden immer Verrat an der Jugend bedeutet.

Aber wie dem auch sei: Metalheads, diesen Beweis führt der Roman mit jedem Satz, so besoffen und langhaarig sie auch sein mögen, sind offenbar die sanftesten und freundlichsten Menschen unter der zumindest in Jelgawa freilich nur selten scheinenden Sonne,“ schreibt Tobias Lehmkuhl in einer wunderbaren Besprechung des Romans von Jānis Joņevs im DLF Büchermarkt. In ganzer Länge kann man den Beitrag hier nachhören und -lesen.

Bücherpaket zum Europäischen Literaturfestival 2022

Wer das Europäische Literaturfestival in Köln-Kalk dieses Jahr verpasst hat, kann die Texte des Festivals mit unsrem ELK2022-Bücherpaket nachlesen. Darin enthalten sind Seit September will ich nach Kiew von Jelena Jeremejewa, Requiem für Homs von Jazra Khaleed, Notizbuch der Liebe von Shpëtim Selmani und Auf nächtlicher Reise von Krzysztof Siwczyk. Dazu legen wir den Festivalreader, in dem alle Gäste mit Originaltexten und Übersetzungen und auch die Texte von Greta Ambrazaitė und Ronya Othmann enthalten sind. Das Paket gibt es für den Preis von 46,- € (portofrei) nur im unsrem Online-Buchladen.

ELK2022-Bücherpaket

Wo warst du gestern?

Mit einem Zine startet parasitenpresse leipzig ein eigenständiges Programm. Wo warst du gestern? heißt die gemeinsame Arbeit von Lynn Hansen und Luzie Kasnitz, die Texte, Zeichnungen und fotografische Arbeiten kombiniert. Es ist der Versuch, das Lebensgefühl der Generation Z auszudrücken. „Das Gestern ist ein Tier, dass die Unendlichkeit gefressen hat.“

Lynn Hansen / Luzie Kasnitz: Wo warst du gestern? 24 Seiten, Preis: 10,- € – ab sofort lieferbar

About a girl im Streifenwagen

„Ein Jugendlicher läuft in der lettischen Kleinstadt Jelgava mit einem Stapel Bibliotheksbücher nach Hause und trifft auf ein paar Schulhofschläger. Bevor die Situation eskaliert, spüren einige von ihnen irgendwie irgendetwas. Auf der anderen Seite des Ozeans hat sich genau in diesem Moment Kurt Cobain erschossen. Der Nerd mit den Büchern und die Prolls werden Freunde. Sie hören Grunge, treffen sich im Gebüsch und klettern auf Dächer, um nicht beim Rauchen erwischt zu werden. Es braucht mehrere tapsige Versuche, um einen Alkoholrausch zu erleben, der Erwerb von Drogen misslingt. Neben der Rebellion gegen geliebte Eltern und nette Lehrerinnen und dem Bruch mit zu braven Schulfreunden gibt es die Hoffnung auf eine andere Welt und das große Ding, das bald alles verändern wird. Aber es ist nicht viel los in Jelgava. Mit Mädchen klappt es auch nicht so richtig. Als die Songs von Nirvana auf dem Kleinstadtmarkt aus jeder Verkaufsbude schallen und sogar im Radio eines Streifenwagens ‚About a Girl‘ läuft, wird es Zeit, sich eine neue Jugendkultur zu suchen: ‚Ein bisschen Thrash, ein bisschen Doom, aber vor allem Death Metal.‘ Die begehrten Alben müssen als Raubkopie auf Kassette bei der ‚Börse‘ im Wald von Biķernieki in Riga besorgt werden. Auch Band-T-Shirts sind eine Rarität, sie lassen sich mit viel Glück vielleicht mal in den Haufen der Altkleidersammlung finden. Die Mutter bringt trotz detaillierter Anweisungen leider nur Merchandise von Michael Jackson nach Hause. Kutte und Haare, die langsam wachsen und freitags im Club ‚Krāmene‘ durch die Luft fliegen, müssen als Outfit reichen. Was wie eine gewöhnliche Coming-of-Age-Geschichte klingt, ist ein großer Lesespaß. Naivität und Unsicherheit führen in Jānis Joņevs Roman Jelgava 94 zu komischen Situationen und phantastischen Gedankengängen. Der Ich-Erzähler blickt mit viel Selbstironie und Reflexion auf seine subkulturelle Vergangenheit im gerade unabhängig gewordenen Lettland zurück“, schreibt Christine Pfeifer über Jelgava 94 von Jānis Joņevs in der Jungle World (35/2022).

Jonas Linnebank: verlassene Hunde

Wie verlassene Hunde im Regen („Deszcz“) schauen diese Gedichte dem Glück hinterher, den kleinen sehr intimen („intimissimi“) Augenblicken, den fehlenden Personen – und selbst wenn sie noch nicht verlassen sind, wissen sie, dass sie eines Tages verlassen werden: „wir lachen trinken und husten / es war nicht alles schlecht / Krebs und Klimakatastrophe / das kam alles viel später“. Hoffnung und Glück hocken irgendwo zwischen den Häusern und Schluchten („Zion“), wir müssen uns nur auf einen Spaziergang hinaustrauen.

Das facettenreiche Lyrikdebüt des Kölner Schriftstellers Jonas Linnebank, der auch Mitherausgeber der Kölner Literaturzeitschrift KLiteratur ist, erscheint nun in unsrer Lyrikheftreihe.

Jonas Linnebank: verlassene Hunde. Gedichte, 32 S., Preis: 7,- € – ab sofort lieferbar

Jonas Linnebank, geb. 1989 in Werl, lebt und schreibt in Köln. Er hat Germanistik und Anglistik in Köln und Salerno studiert und danach als DaZ-Dozent in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Er ist Mitbegründer, Herausgeber und Redakteur der Kölner Literaturzeitschrift (www.kliteratur.de) und außerdem Teil des Kurator*innen-Teams des Europäischen Literaturfestivals Köln-Kalk (www.elk-festival.com). Für die parasitenpresse hat er bisher das Kalk Alphabet (2020) herausgebeben.

Zwischen Caracas und Europa

„Es ist mein hilfloser Versuch, die Distanz zwischen Caracas und Europa zu verkürzen, die Riesenlücke zwischen einem collapsed state und noch funktionierenden Demokratien zu schließen. Kann ich nun, nach ein paar hingeworfenen Zeilen, beginnen, eine Rezension des Buches zu schreiben? Wie verhandeln wir Lyrik angesichts der Toten, die uns den Spiegel vorhalten?

Seht, sagen sie, seht, was euch noch erwartet! Oder glaubt ihr wirklich, ihr seid besser als wir? Glaubt ihr, ihr habt das Glück gepachtet, und wir einfach für immer das Pech, beispielsweise in eine Kugel zu laufen, beim Versuch, Brot zu kaufen, für die Familie, für die Kinder?“ schreibt Eric Giebel auf Vitabu Vingi über Auf dem Kopf durch die Nacht von Adalber Salas Hernández. Und weiter: Dieser „Gedichtband ist ein außerordentlich starkes Buch in deutscher Übersetzung, das wir der Beharrlichkeit von Geraldine Gutiérrez-Wienken und Marcus Roloff verdanken, die nicht nur präzise Übersetzungsarbeit geleistet, sondern nicht nachgelassen haben, für das Skript Förderung und mit der parasitenpresse (…) einen Verlag zu finden.

Die Gedichte erinnern uns in brutaler und eindringlicher Sprache an einen fatalen Irrtum: Wir in Europa sind nicht Zentrum, wir sind auch nur Peripherie. Früher oder später.“

Krzysztof Siwczyk: Auf nächtlicher Reise

Man spricht gerne, vor allem im englischsprachigen Raum, von der „Polnischen Schule“, wenn man sich als Übersetzer, Rezensent oder Philologe mit der polnischen Lyrik beschäftigt. Leider meint man damit Dichter, die leider nicht mehr unter uns weilen, und der letzte große Vertreter dieser Schule war Adam Zagajewski, der im Frühjahr 2021 verstarb. Doch der polnischen Gegenwartslyrik geht es gut, sie wird nur zu selten übersetzt, und wenn sie im deutschsprachigen Raum erscheint, kriegt sie zu wenig Beachtung; so ist es auch mit den Gedichten von Tomasz Różycki, Eugeniusz Tkaczyszyn-Dycki, Tadeusz Dąbrowski oder Marzanna Kielar oder Krzysztof Siwczyk.

Ihn, der schon seit über zwanzig Jahren zu den überragenden Lyrikern seines Landes gehört und dessen umfangreiches poetisches Werk mittlerweile zum Kanon der polnischen Gegenwartslyrik gezählt wird, habe ich ins Deutsche übertragen.

Krzysztof Siwczyk lebt und arbeitet in Gliwice in Oberschlesien, er schreibt Gedichte, kurze Prosa, Essays und Artikel für die linksliberale „Gazeta Wyborcza“, die stets kritisch sind und die die Gesellschaft, die Regierung, die Parteien, die Politiker, aber auch die moderne Literatur aus ungewohnt scharfsinniger Perspektive beobachten, was seine Leser sehr zu schätzen wissen. Er ist außerdem Mitveranstalter des bekannten internationalen Lyrikfestivals, das nach Czesław Miłosz benannt wurde und alljährlich in Krakau stattfindet. Siwczyk ist europaweit gut vernetzt, wird aber noch viel zu selten in andere Sprachen übersetzt. (Aus dem Nachwort von Artur Becker)

Auf dem Europäischen Literaturfestival in Köln (2.-4. September) sowie bei Bochumski in Bochum (4. September) stellen Krzysztof Siwczyk und Artur Becker Buch und Übersetzung vor.

Krzysztof Siwczyk: Auf nächtlicher Reise. Gedichte aus dem Polnischen von Artur Becker, 68 Seiten, Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Krzysztof Siwczyk, geb. 1977 in Knurów (Polen), ist Mitbegründer der Dichtergruppe „Na Dziko“ (In freier Wildbahn), Mitarbeiter des Mikołowski-Kulturinstituts, vor allem aber Dichter, Essayist, Literaturkritiker und Publizist. Er publiziert regelmäßig in der Gazeta Wyborcza. 1995 debütierte er mit dem Band Dzikie dzieci (Wilde Kinder). Er erhielt zahlreiche, in Polen angesehene Lyrikpreise und Nominierungen. 1999 spielte er die Hauptrolle in Lech Majewskis Film Wojaczek, der die Geschichte des polnischen kultigen Lyrikers und Outsiders Rafał Wojaczek erzäht. Siwczyk lebt in Gliwice und veröffentlichte bisher mehr als fünfzehn Bücher. Er ist auch Mitveranstalter des Internationalen Czesław-Miłosz-Literaturfestivals, das alljährlich in Krakau stattfindet.

Artur Becker, geboren 1968 in Bartoszyce (Polen), lebt seit 1985 in Deutschland, zurzeit als Artist in Residence im Hotel Lindley in Frankfurt am Main. Er ist Lyriker, Essayist, Romancier, Publizist und Übersetzer. Mittlerweile hat er mehr als 20 Bücher veröffentlicht, u.a. die Romane Wodka und Messer. Lied vom Ertrinken, Der Lippenstift meiner Mutter, Drang nach Osten oder den Essayband Kosmopolen. Auf der Suche nach einem europäischen Zuhause sowie Links. Ende und Anfang einer Utopie (2022). In der parasitenpresse erschien von ihm der Gedichtband Bartel und Gustabalda (2019) sowie die Übersetzung des Gedichtbandes Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe von Di Lu Galay (2021).