Im Hinterhof der Westentasche

„(…) Jelgava 94 beginnt wie Die fabelhafte Welt der Amelie mit dem tragischen Tod einer Berühmtheit. Als Kurt Cobain (‚Kurt So-und-So‘) sich am 5. April 1994 das Leben nimmt, wird Nirvana zum Pop-Phänomen, der Sänger zur Märtyrerfigur – zum Sinnbild von Widerspruch und Ablehnung der vorhergehenden Generation gegenüber. Für den Protagonisten Janis beginnt damit das Erwachsenwerden und eine Geschichte darüber, wie aus den einstigen ‚Lehrerlieblingen‘, diejenigen werden, die sich selbst befreien wollen und die ‚die Erfolgreichen verachteten und die Schlechten bewunderten‘.

Jānis Joņevs beschreibt in seinem, in 9 Sprachen übersetzten und mit dem Europäischen Literaturpreis ausgezeichneten Roman, die jugendliche Selbstfindungsphase im postsowjetischen Lettland, den Unsicherheiten der Freisetzung und das Wiederfinden in einer neuen Musikkultur. Das Interesse für eine Szene und die Gleichgesinnten darin beginnt bei Janis – dem Protagonisten – genau so aufzuheulen, wie das Interesse an Bier und Kippen“, schreibt Alexander Rudolfi in der wunderbaren Rezension bei wereadindie.

„Bald sind es nicht mehr nur Nirvana, sondern Pearl Jam, Sonic Youth und Temple of the Dog, die den 13-jährigen prägen, wie Don Quixote seine Bücher geprägt haben. Mit immer mehr Wissen und Namen im Gepäck, wird er im Rahmen seiner Kollegen und Freunde immer cooler, bis zum Punkt, an dem alle diese Bands im Pop aufgehen, zur etablierten, zur Pop- Kultur werden und dem Protagonisten auf ebenso gewaltsame, wie vorhersehbare Art, seine eben noch konsumierbare Gegenkultur nehmen; die notwendige Tragik einer Jugend im Kulturkapitalismus:

‚Unsere Musik erschallte sogar aus den Autos unserer Feinde.‘

Trash, Doom, Death und so weiter

Mit dem Kapitel wechseln die Namen, wechseln die Register und werden in der Eigendynamik des Widerspruchs immer wilder. Janis und seine Freunde hören death, my dying bride, cannibal corpse oder anal cunt, sie trinken Whiskey und feiern den Mond. Janis findet Freunde, mit gleichem und welche mit anderem Musikgeschmack und die fordern seine Loyalität und eine Entscheidung darüber heraus, wer der Feind ist. Überall lauern die Gopniks und Gangster, aber auch da sind nicht alle gleich. Lektion um Lektion lernt man den Janis immer besser kennen, der von einer vagen Gegenwart aus über die Selbstwerdung erzählt.

Man hat es ebensosehr mit einem klassischen Coming-of-age Roman zu tun, wie man auch einem Schelmen folgt, der sich verändert, obwohl er das gar nicht dürfte. Der Autor geht mit Ironie dem Thema nach, wie ein junger Mensch in den 90ern durch Popkultur sozialisiert wurde und zeichnet die feinen Bezugslinien und Ideale nach, die sich innerhalb einer Jugendkultur bilden, in deren Zentrum die Musik steht – welche auch immer das ist. Wir fühlen mit ihm die Sehnsucht nach den Orten einer Szene, nach legendären geheimen Treffpunkten im Wald, in dem auf Kassetten überspielte Alben ausgetauscht werden und nach Clubs in leerstehenden Häusern.

Die Zeitspanne der drei, vier Jahre die Janis Jonevs in seinem Roman beschreibt, sind dabei rasant erzählt und mit dem feinen Formbewusstsein für Sprache ausgestattet, die sich je nach Alter und gemachten Erfahrungen entwickelt: die Unsicherheit der rhethorischen Selbstbefragung vom Anfang wird weniger und es ist, als würde man wirklich dem jungen Don zusehen und zuhören, wie er langsam, aber sicher in seine Rolle hineinwächst und sich immer härtere und unpopulärere Stile erschließt; wie er in Schlägereien und Trance-Zustände gerät und natürlich immer eine Band gründen will, die alles was bereits da ist revolutioniert. Und so anschaulich das beschrieben ist, liest sich jedes Kapitel auch immer als Metapher auf ein Leben im Postkommunismus, irgendwo in der hinteren Tasche Europas, die durch die sehr gelungene Übersetzung immer ganz nah wirkt, immer zeitgemäß und dem Milieu angemessen:

‚Mayhem haben krasse Soli‘

(…)

Buntes Buch mit schwarzem Cover

Jelgava 94 ist ein literarisch selbstbewusster, spaßiger und rasanter Roman für alle, die ihre Musikbegeisterung durch die Krisen der Jugendjahre gerettet hat.

Es hätte auch ein bunteres Cover für diesen bunten Roman geben können, der mit einigem Humor die Lust und den Schrecken einer Generation beschreibt, die erlebte, wie sich Musik von ihren körperlichen Trägern befreit und in einem Plattformkapitalismus reintegriert hat, in dem Algorithmen eine Vorauswahl treffen und die Sehnsuchtsorte als Orte nicht länger existieren.“

Die zurückgezogene Zunge

„Die Wochen 1995/6 über Winter in Russland, zur Zeit Jelzins, werde ich nie vergessen. Als ich am Ende wieder in die Cafeteria des Frankfurter Flughafens kam, sah ich Deutschland so ruhig, so leer, so langsam wie in einem Altersheim. Schlafen. Alles ohne Hintergrund, ohne Geheimnis, ohne Gefahr. Schon die Ankunft in St. Petersburg hatte etwas Mythisches für mich. Ein bisschen ängstlich steuerte ich auf die Passkontrolle zu, diese fest vor Augen. Doch dann brüllte markerschütternd ein athletisch hüpfender Soldat ‚Stoi!‘ und ich schaute nach unten, wo genau da ich im Begriff war, eine fette weiße Markierung zu überschreiten. Zackig kam er auf mich zu, und ich musste diese halbe Fußlänge zurück, damit meine Füße nicht das Symbol betraten. Zufrieden flackerten seine Augen. Nicht weiter der Rede wert. Doch eigentlich ein Entgegenkommen den Westlichen gegenüber, denn normalerweise – in Russland selber – muss man stets alleine durch nicht funktionierende Drehgewinde oder klemmende Sicherheitstüren. Und schuftet sich ab“, so beginnt die Besprechung des Handwörterbuchs der russischen Seele von Alexander Estis durch Kristian Kühn im Signaturen-Magazin. Einträge des Buches kommentiert er mit persönlichen Erlebnissen und Kommentaren. „Sehr schön, aber zum Teil ein Ausweichen ins Allgemeine, Märchenhafte, immer, oder fast immer dann mit einem inneren Lachen des ‚Wissenden‘, als ob er sich frei und sicher fühlen könnte – ohne Zugriff der Autokratie, ohne Zugriff einer fremden geistigen Macht. Fast schon auch ohne Zugriff auf sich selbst, mit Abstand gegenüber dem eigenen Wissen. Ein Zauber liegt insgesamt über den Einträgen, dieser zwischen Verharmlosung und Seitenhieben, zwischen Verständnis, Witz und ganz viel Menschlichkeit. Von sich selbst, in Moskau geboren, sagt Estis, er stünde zwischen allen Stühlen: ‚In der Schweiz ein Deutscher, in Deutschland ein Russe, in Rußland ein Jude.‘ Ein Muss für jene, die es zurzeit nicht allein mit der Angst zu tun bekommen, sondern auch wissen wollen, warum. Warum zum Beispiel die Deutschen von einer höheren Form der Wahrheit nichts wissen wollen. Aber das ist ein anderes Thema.“

Topologie des Schreibens

„Plätze, zu denen sich poetisch Schreibende hingezogen fühlen, sind mindestens so vielfältig wie ebendiese literarischen Personen, denen sie zuzuordnen wären, und vielleicht ist sich auch nicht jede davon überhaupt darüber im Klaren, wo ihr ureigener Platz zu suchen respektive zu finden sei: Ist es der Ort der Kontemplation, der Ort der Begegnung mit anderen, mit Ideen oder der Geschichte, eine Form von Heimat, sei sie aufgrund von Herkunft determiniert oder von einer erfolgreichen Suche nach ihr aufgefunden? Oder können diese Orte nicht sogar viele sein, den Imponderabilien des Geschicks geschuldet, eine im Vorhinein nicht vorhersagbare Anzahl von Würfelaugen? Patrick Wildens Schreibers Ort gibt auf diese Fragen mehrere Antworten“, schreibt Marcus Neuert bei literaturkritik.de. Und weiter: „So erlebt Patrick Wildens Lesegemeinde in Schreibers Ort literarisierte Ankünfte jenseits der Zeit. Denn dazu sind diese Gedichte von einer unprätentiösen, zeitlosen Schönheit, die sich auch in den verschiedenen Vers- und Strophenformen widerspiegelt, von freien, prosanahen Textblöcken wie in Klemmton über vielgestaltig freirhythmische und in unterschiedlichste Strophenkombinationen gegossene Verse bis hin zu einer fast formstrengen Sestine im titelgebenden Gedicht des Zyklus‘ Stadt Land Kuss. In dieser Überzeitlichkeit findet zudem auch beinahe wie von selbst eine Versöhnung der Nachmoderne mit dem Überlieferten statt.“

Adrian Kasnitz: Kalendarium #8

Im achten Teil des Kalendariums von Adrian Kasnitz essen wir Brombeeren, Feigen und Gurken, riechen wir Lavendel und Fell. Wir reisen, zelten, gehen baden. Wir bekleckern uns, holen uns aufgeschürfte Haut und treiben in Plastik. Wir müssen Ausreden finden und Geständnisse machen. All diese Dinge, die man im August tut und die sich wie Staub auf Oberflächen legen, bis ein Regen auf sie prasselt.

„Mehr als Stein ist hier nicht / Stein, auf dem du ausruhst / dir den Knöchel brichst / aufritzt die Haut // nur die Zikaden begleiten dich / sie fallen in ihren nimmer / müden Gesang / lachen dich aus“.

Neben den Gedichten enthält das Buch wieder vier Collagen des Autors. Das Lektorat besorgte diesmal Wassiliki Knithaki. Die graphische Gestaltung stammt wie immer vom Kölner Büro Kikkerbillen.

Adrian Kasnitz: Kalendarium #8. Gedichte, 44 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab heute lieferbar

Adrian Kasnitz, 1974 an der Ostsee geboren, aufgewachsen in den westfälischen Bergen, lebt in Köln. Von ihm erschienen zuletzt die Gedichtbände Kalendarium #1 bis #7 (parasitenpresse 2015-2021) und Glückliche Niederlagen (Sprungturm 2016), der zweisprachige Prosaband Pierre Huyghe hired me (parasitenpresse 2019) sowie der Roman Bessermann (Launenweber 2017). 2020 wurde er mit dem Dieter-Wellershoff-Stipendium der Stadt Köln ausgezeichnet.

Ausflug ins Unbekannte

„Der Band enthält mehrere Zyklen, deren Titel als Synonyme für die Suche nach Sprache aufgefasst werden können – ‚Klemmton‘, ‚Das Gedicht im Gebirge‘, ‚Schreibers Ort‘. Alles ist fremd bei den ersten Erkundungen des Terrains“, schreibt Axel Helbig in den Dresdner Neuesten Nachrichten (06.07.22) über Schreibers Ort von Patrick Wilden, dem im Gerhart-Hauptmann-Haus in Jagniątków entstandenen Gedichtband. Und weiter: „Der Dichter/Schreiber versteht nicht, was die Radiostimmen, was die Schilder sagen. Im ‚Sprachgebäude‘ zu leben, heißt, ‚unter freiem Himmel zu schlafen // Es regnet durch / und ständig weht Wind‘. (…) Was soll er schreiben ‚im Haus voll Geist und Glorie‘? ‚Büsten schlafen in den Ecken // wenn du abends die Schuhe ausklopfst / rieseln Nadeln und kleine Steine auf die Dielen / wie fremde Wörter aus dem Lexikon‘. ‚Es ist wie ein Anfang ohne Beginn / der Blick in die Weite verstellt‘. Der Band liest sich mitunter wie ein Roman, in dem der Schreiber (Wilden) der Protagonist ist. ‚Ungezählte Gemarkungen‘ muss er ablaufen und ‚auf die aufprallenden Wörter‘ lauschen, bis sich die Nebel an ‚Schreibers Ort‘ lichten: ’nach ein paar Tagen kennst du die Raubvogelrufe / das Krachen einer stürzenden Buche / den Geruch von geschlagenem Holz / auf halber Höhe // du hast dich mit Wörtern beladen, die du nicht kennst / und trägst sie die Wege entlang / du findest wieder zurück / zu der winzigen Stimme / in deiner Hand‘. (…)

Erst einmal heimisch geworden, geht dem Dichter das Schreiben von der Hand, entwickelt er ein Ohr für den Klang der hiesigen Sprache, schärft den Blick auf die Menschen und die geschichtsträchtigen Orte. Die ‚winzige Stimme‘ wird kraftvoll und setzt zum Höhenflug an: ‚Ich wohne auf der Höhe der Vögel / sie schreien mich an / … / Ich wohne auf ihrer Höhe bin / ihr Dirigent dunkler Hüter / einer Wolke aus Klang‘. Auch die Natur wird nun lesbar: ‚Wir sind eins / das Geräusch von Bäumen / mit Wasser vollgesogen nach der Nacht / der Nebel der die Welt dahinter / zu Ende sein lässt // Die Klänge und ich / mein Pfeifen im Wald / wir sind eins‘.

Schreibers Ort findet zu einer schönen gediegenen Sprache und zu Bilder, die man sich gern zu seinen eigenen macht. Ein Buch, das Lust auf Gedichte macht. Besser kann es nicht kommen.“

Olav Amende: abwesenheiten

Unsre Lyrikreihe Die nummernlosen Bücher setzten wir fort mit dem Langgedicht abwesenheiten von Olav Amende. Darin begegnen wir einer Welt der Parallelitäten, in der die Dinge losgelöst und doch miteinander verbunden simultan geschehen. Die Zeit scheint stehen geblieben, die Welt verlassen und menschenleer. Dennoch treten Menschen auf. Wir betrachten sie aus einer Distanz, als gehörten wir nicht zu ihnen und ihrer Welt. Wir sehen ihren Tätigkeiten zu, hören ihr Schlurfen auf den Straßen, entgehen aber ihrem Blick. Ein Sound aus Wiederholungen und Auslassungen treibt den Text voran.

Und dann / ist der regen / verklungen / und was bleibt ist das / treiben der in den weiher / gesunkenen unken und / das tropfen von dem klatschnassen geäst der / weiden und der pappeln / in den wäldern und das / tropfen von den glänzenden blütenblättchen der / astern in der warmen abendsonne und das / tropfen von den dampfenden / sich fast wieder aufgerichteten grashalm- / spitzen und das / tropfen von den / hüpfburgzinnen und den / zinkdachrinnen der stadtvillen

Olav Amende: abwesenheiten. Gedicht, 72 S., Preis: 12,- € (Die nummernlosen Bücher) – ab sofort lieferbar

Olav Amende geboren in Berlin, ist Schriftsteller, Regisseur und Performancekünstler. Er hat Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft (MA) an der Universität Leipzig studiert. Er schreibt und inszeniert Theaterstücke und veröffentlichte Texte in diversen Literaturmagazinen. Sein Gedicht Phantasie in Eile wurde im Rahmen der Superpreis-Anthologie des Literaturmagazins metamorphosen veröffentlicht. Im Sommer 2021 brachte er sein Theaterstück ZWISCHEN DINGEN am Anhaltischen Theater Dessau zur Uraufführung.

Peter Rosenthal: Impfnovelle

Mitten im Lärm hörte er sich fragen: »Haben sie Angst?« Da steckte die Nadel schon in dem Oberarm und die 3ml Dosis war verimpft. Er machte eine halbe Drehung, währenddessen verschwand schon die Spritze in dem gelben Abfallbehälter für Gefahrenstoffe. Dann nahm er einen Tupfer von der Resopalplatte, und nach halber Drehung zurück, setzte er es auf die Einstichstelle. »Das war es schon? Ich habe nichts gemerkt.« Und die Angstwolke, mit der sie in die Impfkabine eingetreten war, verflog aus ihrem Gesicht, um schierem, hilflosen Erstaunen das Feld zu überlassen.

Der Arzt und Schriftsteller Peter Rosenthal war viele Monate als Impfarzt in Köln unterwegs, hat sowohl im Impfzentrum und in seiner Praxis, als auch in mobilen Impfteams den Impfstoff zu den Kölner:innen gebracht. In der Impfnovelle erzählt er von den Begegnungen mit Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft und Beobachtungen in der stillgestellten Stadt während der Pandemie.

Peter Rosenthal: Impfnovelle, 72 Seiten, 12,- € (Reihe: Paradies) – ab sofort lieferbar

Peter Rosenthal, geboren 1960 in Arad, Rumänien, lebt seit 1973 in Köln. Er ist tätig als Arzt in Ehrenfeld. Als Autor veröffentlichte er Entlang der Venloer Straße (2003), In die Zeit fallen (2013) und 33 Gedichte (2017). Außerdem gab er Venedig ist auch nicht viel größer als Ehrenfeld (2017) heraus und war Mitautor und Mitproduzent des experimentellen Kurzfilms Tigersprung (2017) über den Ehrenfelder Radrennweltmeister Albert Richter und seinen Manager Ernst Isidor Berliner. In der parasitenpresse erschien von ihm Ehrenfeld Alphabet (2018).

Lesevergnügen und Manifest

„Schon der Titel des Gedichtbandes lässt eine Anlehnung an den Surrealismus vermuten. Und tatsächlich arbeitet der burmesische Dichter Di Lu Galay mit einer Bildlichkeit, die unsere wahrnehmbare Realität übersteigt. Aber darin nur eine schöngeistige Sprachspielerei zu sehen, wäre völlig fehl am Platz, sind die Gedichte doch fest im Hier und Jetzt verankert. Diese Gegenwart ist die Myanmars, ein Land, das lange unter der Militärdiktatur gelitten hat und nach ein paar Jahren der Öffnung seit 2021 erneut vom Militär unterjocht wird. Der 1986 geborene Galay hat sowohl die Diktatur wie auch die kurzen Jahre der Freiheit erlebt und versucht heute als Anwalt, nicht stillzuhalten. Aber es ist keine einfache Aufgabe in diesen Zeiten für Freiheit und Menschenrechte einzustehen. Das Zerrissene, das diesem Leben eingeschrieben ist, einerseits die Angst vor Verhaftung, anderer-seits der Wunsch nach Demokratie, ist eines der Themen seiner Gedichte. Zum Beispiel, wenn ein Teil des Gesichtes am Busfenster zu sehen ist, während ein anderer Teil zum Mond flieht. Willkür, Korruption, Folter werden erwähnt, aber so, dass ein poetisiertes Reich entsteht, das nicht mit Bestimmtheit als Myanmar zu identifizieren ist. ‚Der Mörder folgt dem Weg, den die Armee zurückgelegt hat.‘ Das ist nicht gerade lautlos, bietet der Obrigkeit aber wenig Angriffsfläche. Denn allzu schnell landet man in Myanmar für ein paar Zeilen im Gefängnis. Nicht umsonst erinnern manche Gedichte in diesem vom Schriftsteller Artur Becker übersetzten Band an weiterentwickelte Fabeln. Eine Maus, die davon träumt, ein Elefant zu werden und dieses ihr Bedürfnis zum Grundthema für alle macht. Oder der Wolf, der von einem Lkw springt und mit einem maßlosen Glauben an sich selbst immer wieder einen Traktor angreift. Man würde der poetischen Kraft dieser Lyrik jedoch nicht gerecht werden, wollte man sie auf ihr verdecktes Engagement reduzieren, zugleich fällt es schwer, sie nicht auf der Folie der momentanen Unfreiheit des Landes zu deuten. Es sind durchaus politische Texte, aber eben auch bildlich-reflexive, die die Wichtigkeit von Erinnerung thematisieren, die eigene Position mit überdenken, genauso wie die Schwierigkeit des Einzelnen, vor der Masse zu bestehen. Und es sind Gedichte, die verschlüsselte Sprachwege suchen, das alles unter einen Hut zu bekommen. Sprunghaft, voll von überraschenden Wendungen bauen sie Zeile um Zeile einen Verskosmos auf, der einen auf Irrwege zu locken scheint, aber immer wieder bei Gedanken des Widerstandes landet. Denn ‚was wir als Existenz ignoriert haben, / Verwandelt sich in Feuerringe und überrennt die ganze Stadt.‘ Ein Oktopus, aber so viele Handschuhe ist ein rechtes Lesevergnügen, was Metaphorik und Bilderreichtum anbelangt, und zugleich ein Manifest, immer wieder herauszufinden aus den Zeitabschnitten, da alles zusammenbricht“, schreibt Guy Helminger über den Gedichtband von Di Lu Galay im Magazin des Luxemburger Tageblatts (Juni 2022).

Carl E. Ricé: Das Kainszeichen

Das Kainszeichen – Geschichte einer Vergewaltigung ist das Hauptwerk des Autors und Performers Carl E. Ricé. 1992 uraufgeführt, existierte es 30 Jahre lang als Erzähl-Performance des Autors. Anlässlich von Carl E. Ricés 75. Geburtstag erscheint eine von ihm live im Studio gesprochene Fassung als Hörbuch-Doppel-CD.

Auf mehreren Erzählebenen, die zwischen schonungslosem Realismus und surrealen Alptraumwelten hin und her wechseln, schildert Carl E. Ricé die Erfahrungen seines Protagonisten Pierre: die gewalttätige und lieblose Familiensituation der Nachkriegszeit, den sexuellen Missbrauch durch einen älteren Mitschüler, die aus dem Trauma resultierenden Drogen- und Prostitutionserfahrungen.

„Sein Vortrag ist eine Mischform, die das Auditorium […] von der ersten bis zur letzten Minute packt“ (Augsburger Allgemeine). Als Erzähler dieses Textes arbeitete der Autor mehr als 20 Jahre lang in Therapiegruppen mit Sexualstraftätern.

Auf Basis des Hörbuchs und Gesprächen mit Carl E. Ricé entwickeln Studierende der Sozialen Arbeit an der Hochschule Augsburg im Auftrag der Stadt Augsburg ein Toolkit zur Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern. Der Download-Code, der jeder CD beiliegt, gibt Zugang zu den Begleitmaterialien aus dem Hochschulprojekt, sowie einem einführenden Text und einer kommentierten Inhaltsübersicht, die das (auszugsweise) Arbeiten mit dem Hörbuch erleichtern.

„Carl Ricés eindringliche Erzählung sensibilisiert auf exemplarische Weise, wie Missbrauchsstrukturen im inner- und außerfamiliären Umfeld funktionieren. Systemische Lücken werden deutlich aufgezeigt. Damit kann sie eine wertvolle Funktion in der Aus- und Weiterbildung von Erzieherinnen und Erziehern und anderen pädagogischen Fachkräften übernehmen.“ Diana Schubert, (Leitung Kita Stadt Augsburg, Fachkraft für Kriminalprävention)

Carl E. Ricé: Das Kainszeichen – Geschichte einer Vergewaltigung. Laufzeit: ca. 110 Min. Doppel-CD / Download inkl. Begleitmaterial für Therapie- und Ausbildungszwecke. Erscheint in Koproduktion mit gebrauchtemusik (Augsburg), Preis: 20,- €

Auch bei Bandcamp erhältlich.

Carl E. Ricé, geboren 1947 in Hamburg, lebt in Augsburg. Er ist Lyriker, Erzähler und Literatur-Performer. Seit Anfang der 1990er erweckt er durch freies Erzählen (nicht Vorlesen) Stoffe der Weltliteratur – von Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“ über Brechts „Geschichten vom Herrn K.“ bis zu Ingeborg Bachmanns „Malina“ – ebenso zum Leben wie seine selbst erdachten Geschichten. Eine Auswahl seiner Erzählungen erschien 1993 unter dem Titel „Henker, bitte weitermachen“ in Buchform und ist unter https://carlerice.wordpress.com erhältlich.