Krišjānis Zeļģis: Wilde Tiere

Nüchtern, fast unterkühlt beobachtet und notiert der lettische Dichter Krišjānis Zeļģis Alltag und Leben in seinem Gedichtband Wilde Tiere. Manchmal so akribisch, dass man den Eindruck hat, er steht neben sich selbst, beobachtet und beschreibt, was gerade mit ihm und den Personen um ihn herum passiert, zum Beispiel einem Paar beim Ausflug an den See. Bei Familienfeiern, Treffen mit alten Freunden, zufälligen Begegnungen bei Bus- und Bahnfahrten stellt sich schnell ein Gefühl der Entfremdung ein, „ich fürchte ich kenne diese Leute nicht“. Im Kapitel „die Fachmänner“ werden Menschen und ihre Berufe fast wie Tiere im Zoo präsentiert. Jeder Fachmann wundersamer als der andere. Vertrauter wirken da die wilden Tiere, die uns in der Landschaft begegnen: „in der Nacht kam ein Hund und setzte sich zu uns“. Wenigstens die Tiere könnten unsere Freunde sein, wären die Menschen nicht so bösartig und hockten auf dem „Hochsitz im Wald / wo du alle leichtgläubigen Tiere abknallen kannst“.

Fremdheit, Leere, Trauer sind wiederkehrende Themen der Gedichte. Längst Verdrängtes poppt ungefragt auf, wenn der Gesang eines „bös verschlagenen Vogels“ plötzlich daran erinnert, dass der Bruder im See ertrunken ist. Auch an einem wohl vertrauten Ort kann sich die Abwesenheit von Dingen wie ein schwarzes Loch auftun und alles verschlingen, wie im folgenden Gedicht aus dem Band.

nach der Uni wirst du in deinen Heimatort zurückkehren
wo du wieder allein sein wirst
die einzigen Leute die du in dieser Stadt kennst
sind die rassistischen Idioten aus der weiterführenden Schule
und deine Eltern

der Rest der Leute
die du liebst
die du vermisst
leben jetzt im Ausland
oder sind tot
oder haben dich betrogen

du lügst wenn du sagst dass du ein fröhlicher Mensch bist
Traurigkeit steht dir viel besser
es gibt niemand in der Nähe der dich umarmen könnte
zwischen uns das blöde Internet
sprachlos schaue ich in deine braunen kummervollen Augen
und tue nichts

 

Krišjānis Zeļģis: Wilde Tiere. Gedichte aus dem Lettischen von Adrian Kasnitz, 78 S., Preis: 12,- € – ab sofort lieferbar

Cover Zelgis

Krišjānis Zeļģis, geb. 1985, lebt in Riga. Er hat Bibliothekswissenschaft und Geographie studiert und im Weinbau in Frankreich, beim Bau in Mexiko, als Bibliothekar und Bäcker gearbeitet und ist nun Bierbrauer. Als Dichter hat er mehrere Bücher veröffentlicht, Zvēri (Wilde Tiere) erschien 2016 bei Neputns in Riga. In diesem Jahr folgt sein neuer Band Skaistuma Klātbūtne (Die Anwesenheit von Schönheit). Seine Texte wurden in viele Sprachen übersetzt. Oft arbeitet er mit anderen Künstler*innen aus den Bereichen Musik und Kunst zusammen, zuletzt wurden seine Texte als Tanzperformance für das Lettische Nationaltheater bearbeitet.

Adrian Kasnitz, geb. an der Ostsee, lebt als Schriftsteller und Übersetzer in Köln. Für die parasitenpresse übertrug er u.a. Gedichte aus dem Griechischen Kleine Tiere zum Schlachten und aus dem Hebräischen Was es bedeuten soll. Als Dichter veröffentlichte er zuletzt: Kalendarium #1 bis #6 (2015-2020).

Zwischen Hitze und Frost

„Die Gedichte von Sünje Lewejohann sind Liebesgedichte vom Feinsten, angesiedelt zwischen Hitze und Frost, die in einer Leidenschaft selten getrennt von einander zu sehen sind, wenn sie ernstgemeint ist. Auch diese Gedichte sind ernstgemeint, von einer verblüffenden Authentizität geradezu, dabei kristallklar und pfeilschnell“, schreibt Kerstin Fischer auf ihrem Blog Lyrikatelier Fischerhaus über die idiotische wucht deiner wimpern. Den ganzen Artikel kann man hier nachlesen.

Cover Lewejohann

 

Schnupperkurs mit innerem Wolf

„Unhöflich wird es nicht. Andre Rudolph bleibt beim Sie“, schreibt Christian Metz über Ich bin für Frieden, Armut und Polyamorie – welche Partei soll ich wählen? in der FAZ (22.7.20). „Aber sein neuer Gedichtband sucht nicht nur Verständnis, sondern führt in fünf Zyklen gezielt zur Konfrontation, die sich unausweichlich zu Leserbeschimpfungen hochschaukeln: ‚fahren sie doch zur hölle‘, muss man sich da an den Kopf werfen lassen. Nach dem man sich kurz schon mit der sanften Nettigkeit umgarnen ließ: ‚Ihr umgang ist trostlos.‘ Herzlichen Dank. Das Kompliment geben wir gerne zurück. Allerdings geben wir zu, dass Rudolphs Trostlosigkeit beeindruckende Kunst ist. Hallo, kann endlich mal jemand diese Lyrik berühmt machen? So höllisch schwer kann das doch nicht sein.“ Wir jedenfalls geben uns alle Mühe!

Cover Rudolph kladde

Im Fieber

Das Gedicht Im Fieber aus dem Band die idiotische wucht deiner wimpern von Sünje Lewejohann läuft bei WDR5 Bücher. Dazu schreibt Matthias Ehlers in seiner Besprechung: „Sünje Lewejohann schreibt in direkter Sprache und hat einen einzigartigen Sound. Damit erzielt sie harte Wirkungstreffer, insbesondere da, wo sie sich an frühe Zeiten und frühe Übergriffe erinnert. Schonungslos gegenüber sich und anderen Protagonisten, mal rau, mal zart im Ton, hat Sünje Lewejohann Lyrik geschaffen, die am nächsten Tag noch nicht abgeklungen ist. Sollte man unbedingt auf dem Zettel haben.“ Den ganzen Text kann man hier nachlesen.

Cover Lewejohann

Flöz mit Rissen

„In [dem] Feld der geologisch interessierten und auch an ‚Grum‘, ‚Gemäuer‘, ‚Flöz‘,, ‚Schichtmomenten‘ und der ‚Agenda des Rands‘ sich konturierenden Poesie bewegt sich auch der in Dortmund lebende Dichter Arnold Maxwill. Seine Poesie ist nicht an der Ausstellung von Aggregatzuständen eines empfindsamen poetischen Subjekts interessiert, sondern an der Formung einer Gelände-Textur. Seinen Debütband Raumsch hat Maxwill als ein sprachliches Feld von äußerster Verdichtung und schroffster Fügung angelegt“, schreibt Michael Braun in einer ausführlichen Besprechung im Signaturen-Magazin über den Band. „Im ersten Gedicht des Zyklus »Großmarkthalle« wird die strenge Methodik Maxwills besonders deutlich: Seine auf die Erfassung von Naturstoffen, geographischen Objekten, Raumverhältnissen und Flächen-Strukturen konzentrierte Dichtung tastet die Konturen des Gebäudes ab, dessen architektonische Schönheit selbst die Farbe als ein ästhetisches Kraftfeld zur Geltung bringt. Maxwills Gedicht evoziert nur die Linienführung, die Abstände zwischen den Raum-Elementen, die Strukturen des Objekts, die Lichtverhältnisse. Dabei bedient sie sich gerne seltener Vokabeln für die materiellen Eigenschaften und die Eigendynamik der Objekte. Ganz nebenbei entsteht ab der Hälfte des Gedichts ein Klangraum aus Umlauten (’spüren‘, ‚knüstern‘, ‚bröckelnd‘, ‚Rück-stand‘, ‚Schwäre‘), von Lauten also, die, wie die Sprachforscher glauben, bald aus der deutschen Sprache verschwunden sind: ‚…bröckelndes Licht in Fäden: / die Neige verschwingt sich; Rück-/ stand, Schwäre. passgenau Leere'“.

Cover Maxwill

Vibrieren vor Lebendigkeit

„Erotische Offensive und schonungslose Psychogramme verschränken sich in ihren Gedichten in einer Direktheit, die diese Poesie, die ihre Sprache so unberechenbar und deshalb überraschend macht. Man weiß als Leser nie, was einen hinter der Biegung des nächsten Satz erwartet. Nur eines ist sicher: Die Gedichte von Sünje Lewejohann vibrieren vor Lebendigkeit. Und das ist mehr, als man von einem Großteil der zeitgenössischen Lyrik heute sagen kann“, schreibt Hellmuth Opitz in einer Besprechung des Bandes die idiotische wucht deiner wimpern auf dem Das Gedicht-Blog.

Cover Lewejohann

Eine klare ästhetische Linie

„Gesänge zum Austreiben lautet der Untertitel des Buchs, aber wer wen austreibt, bleibt offen“, schreibt Jana Volkmann über Lydia Haiders Wort des lebendigen Rottens im aktuellen Freitag und stellt stellt Zusammenhänge zum Bachmann-Wettbewerb und den Texten von Elfriede Jelinek, Thomas Bernhard und Nora Gomringer her. Und weiter: „Auch, wer adressiert wird. Ein ‚du‘ gibt es, in der Regel wird es beschimpft: ‚du Haufen Faschiertes auf zwei Beinen‘, ‚du Nachbeter‘, ‚du fade Sau‘. Dass die Bezüge mitunter schwer herzustellen sind, ist keiner dichterischen Unsauberkeit geschuldet. Lydia Haider setzt sich in ihrem Werk intensiv und kritisch mit der Sprache selbst auseinander. Ihre Texte klingen roh und unmittelbar performativ, und der heilige Ernst dieser Sprache wird mit verschiedenen Slangs, Jargons und dialektalen Einsprengseln kontrastiert. ‚Die Schrift hat gesprochen, Ende Gelände‘, heißt es in einem der Gesänge. Das poetologische Konzept dahinter ist wohldurchdacht, von ihrem ersten Buch bis zum jetzt erschienenen Lyrikband zeichnet sich eine klare ästhetische Linie ab.

Cover Haider

Gerald Fiebig: motörhead klopstöck

Wie im Titel der Name einer Rockband und der eines Dichters, so werden auch im neuen Gedichtband motörhead klopstöck von Gerald Fiebig diverse thematische und formale Stränge zusammengeführt. Thematisch gilt dies etwa für die intensive Auseinandersetzung mit Massenmedien und Popkultur, aber auch die an konkreten Orten festgemachte Suche nach Spuren von Faschismus, Krieg und Kolonialismus. Wie in früheren Bänden begegnet uns Fiebig als melancholischer bis wütender Beobachter entfremdeten Alltags. Von einer gänzlich unbekannten Seite zeigt sich der Autor hingegen in den Liebesgedichten. Eine eigene Abteilung des Buches ist der sprachspielerischen Dekonstruktion von sprachlichen Geschlechter-Stereotypen gewidmet.

In formaler Hinsicht ist motörhead klopstöck wohl Fiebigs variantenreichstes Buch. Das im Titel angekündigte Niederreißen von Pop- und „Hochkultur“-Grenzzäunen ist Programm. Von Odenstrophe und Sonett über chiffrenhafte Lakonik und dadaeske Collagetexte bis zu binnenreimgetriebenen Spoken-Word-Gedichten bringt Fiebig hier ein breites Spektrum an lyrischen Formen zum Einsatz.

Die Release-Lesung findet am 25. Juni im Parasiten TV statt, live gestreamt ab 20.30h unter http://www.facebook.com/parasitenpresse.

Gerald Fiebig: motörhead klopstöck. Gedichte, 52 Seiten, Preis: 10,- € – ist ab sofort lieferbar

cover fiebig motörhead

Gerald Fiebig (geb. 1973) wohnt in Augsburg. Er ist Lyriker, Audiokünstler sowie Mitglied der Band Jesus Jackson und die grenzlandreiter und des Duos KLONK (zusammen mit Tine Klink). Zuletzt erschienen von ihm der Gedichtband nach dem nachkrieg (parasitenpresse 2017) und die CD Gasworks (Gruenrekorder 2019). www.geraldfiebig.net